Drittliga-Derby VfB II zeigt mehr Biss im Derby

Von Jürgen Frey 

Zwei Tore im Derby gegen die Kickers: Marvin Wanitzek vom VfB II Foto: Baumann
Zwei Tore im Derby gegen die Kickers: Marvin Wanitzek vom VfB IIFoto: Baumann

Ohne Enzo Marchese fehlt den Stuttgarter Kickers eine Führungsfigur auf dem Platz. Doch nur am Ausfall des Kapitäns darf der Fußball-Drittligist die 1:5-Derby-Pleite nicht festmachen. Der VfB II zeigte die bessere Einstellung. Die Blauen ließen dagegen elementare Dinge vermissen.

Sindelfingen - Erst gab es eine innige Umarmung von Trainer Jürgen Kramny. Dann klatschte Marvin Wanitzek (21) mit einem breiten Grinsen im Gesicht die Ersatzspieler ab. Der Mann des Derbys hatte seinen Arbeitstag zur Belohnung schon in der 79. Minute beenden dürfen. Kurz nach dem Abpfiff gehörte er aber schon wieder zu den gefragtesten Gesprächspartnern. „Eigentlich fehlen mir die Worte, das war eine grandiose Teamleistung“, sagte er bescheiden. Denn der Mittelfeldspieler war eine Schlüsselfigur im Prestigeduell Rot gegen Blau: Das 2:1 (42.) und 4:1 (71.) erzielte er mit zwei Traumtoren selbst, das 3:1 (48.) durch Timo Baumgartl bereitete er mit einer Ecke vor. Es war der erste Tore-Doppelpack im VfB-Dress für Wanitzek, der 2013 von Oberligist FC Astoria Walldorf auf den Wasen gekommen war.

Drei Wochen war der ehemalige Jugendspieler von 1899 Hoffenheim zuletzt wegen einer Muskelquetschung im Oberschenkel ausgefallen. Und erst am Spieltag hatte Trainer Jürgen Kramny ihm mitgeteilt, dass er im Derby von Beginn an ran darf. „Das war eine Nacht- und Nebel-Entscheidung. Ich wollte, dass sich Marvin keinen Kopf macht“, sagte Kramny, der am Samstag seinen 43. Geburtstag feierte. Damit kein falscher Verdacht aufkommt: Wanitzek hat das Duell gegen die Kickers nicht im Alleingang entschieden. Er profitierte vom Derby-Ehrgeiz der kompletten Mannschaft. Der VfB zeigte mehr Biss, mehr Willen, mehr Aggressivität als die Blauen. Und sie hatten die besseren Einzelspieler. Sercan Sararer zeigte unter den Augen der Sportchefs Wolfgang Wolf (1. FC Nürnberg) und Rachid Azzouzi (FC St. Pauli) eine bärenstarke Leistung und bereitete drei Treffer vor. Auch die beiden anderen Leihgaben aus dem Profikader überzeugten: Daniel Ginczek erzielte nicht nur das 1:0 (14.), er zog auch immer wieder beide Kickers-Innenverteidiger auf sich, und der ballsicherere Raphael Holzhauser brachte Struktur ins Spiel des VfB.

Davon profitierte Wanitzek. Die Kickers konzentrierten sich mit zu viel Respekt auf die bekannten Namen – und im Schatten der Stars spielte er sich rotzfrech in den Vordergrund. An der körperlichen Robustheit und an der Dynamik muss der schmächtige 1,72-m-Mann mit dem Vorbild Zinedine Zidane noch arbeiten. Mal sehen, ob er beim VfB die Zeit dafür bekommt. Sein Vertrag läuft am Saisonende aus. „Gespräche gab es noch keine, ich bin offen für alles“, sagt er. Stuttgarter Kickers: Horst Steffen ließ sich und die desolate Leistung in den zweiten 45 Minuten (nach einer spielerisch guten ersten Halbzeit) erst einmal sacken. Auf einem Stuhl in den Katakomben der Aspacher Mechatronik-Arena setzte er sich und nahm einen Schluck Wasser. Zur Mannschaft in der Kabine sagte der Trainer nach der ersten richtig deftigen Niederlage seiner Amtszeit – gar nichts. Die Spieler sollten sich erst einmal selbst ihre Gedanken machen. In der Pressekonferenz machte Steffen aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: „Ein Derby so zu verlieren – das tut weh. Wir haben ohne Mumm gespielt und schlecht verteidigt.“ Zu zaghaft, zu zögerlich gingen seine Spieler zur Sache. Ausgerechnet im brisanten Stadtduell fehlte die Spannung. Nach der Pause ließt die Mannschaft elementare Dinge vermissen. Engagement, Laufarbeit, Wille – all das fehlte. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen waren zu groß. Die Ordnung ging völlig verloren. Es fehlte eine Führungsfigur. Es fehlte Enzo Marchese.

Die Pleite nur am Ausfall des Kapitäns festzumachen, wäre zu einfach und ein Armutszeugnis für den Rest des Teams. „Die Kickers sind nicht Enzo Marchese, die Kickers sind ein Team“, sagte der Spielführer selbst. „Wir haben auch schon mit Enzo Spiele verloren“, ergänzte Steffen. Marcheses Vertreter Marco Gaiser nahm der Trainer in Schutz: „Er kann diese Position stabil spielen. Das war in Ansätzen in Ordnung.“ Allerdings wollte Gaiser oft zu viel. Er war überall zu finden und hielt seine Position im Zentrum nicht. Dennoch dürfte der 21-Jährige am kommenden Samstag (14 Uhr/Kreuzeichestadion Reutlingen) im Heimspiel gegen Energie Cottbus erneut in der Anfangsformation stehen. Ein neues Gesicht könnte es dagegen in der Innenverteidigung (für Nick Fennell?) geben. Neuzugang Hendrik Starostzik (23), vor der Saison vom Regionalligisten VfL Bochum II gekommen, brennt auf seinen ersten Drittliga-Einsatz für die Blauen von Beginn an. „Es kann sein, dass ich etwas ändere“, sagte Steffen.

Noch offen ist, ob es mit der Verpflichtung von Predrag Stevanovic (23/zuletzt Werder Bremen) klappt. Die Kickers wollen den Mittelfeldspieler unter Vertrag nehmen. Bis zum Ende der Woche soll sich der ehemalige Schalker Jugendspieler entscheiden, ob er das Angebot annimmt. Auch Ligarivale Hansa Rostock – dort spielt sein Bruder Aleksandar – ist für Stevanovic eine Option.

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