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Draisinenfahrt Strampeln im Kochertal

Natalie Khandaker, vom 04.09.2010 04:45 Uhr
  Foto: StN
Foto: StN

Murrhardt, Bahnhof. Ein Blick in den Himmel genügt, und meine Vorahnung wird bestätigt: Die dunklen Wolken verdichten sich immer mehr und schlucken die letzten Sonnenstrahlen. Da stehe ich also - ohne Schirm, ohne Anorak und ohne den geringsten Schimmer, wie es jetzt weitergehen soll.

Im Grunde genommen war der Plan ganz einfach: Ich fahre mit der Murrbahn bis nach Gaildorf, anschließend nach Sulzbach-Laufen, wo sich der bisher einzige Draisinenbetrieb in ganz Baden-Württemberg befindet. Doch obwohl ich so weit von Stuttgart entfernt bin, macht mir das Bahnprojekt Stuttgart 21 einen Strich durch die Rechnung: Im Zuge der Bauarbeiten ist die Murrbahn stillgelegt, und der Schienenersatzverkehr - in Form von Sonderbussen - muss herhalten. Ich klappere einen Bus nach dem anderen ab, bis ich in letzter Sekunde den Richtigen erwische.

Eine halbe Stunde später stehe ich im Zentrum von Gaildorf. Aber noch ist die Reise nicht zu Ende. Ich rufe Alexander Hofmann an, den Inhaber des Draisinenbetriebs "Kochertalerlebnis". Er ist meine einzige Fahrkarte zum Draisinenbahnhof. Ich muss nicht lange warten, bis der kleine, rote Bus mit der gelben Aufschrift "Kochertalerlebnis" auf mich zugefahren kommt.

Egal ob Sportler oder Rollstuhlfahrer: Für jeden gibt es eine passende Draisine

Während der Fahrt erfahre ich, dass der Draisinen- und Kanubetrieb seit einem Jahr läuft. "Am 27. August letzten Jahres eröffnete das Kochertalerlebnis seine Tore", erzählt mir der Besitzer voller Stolz. Doch im nächsten Moment ist ein leichter Anflug von Enttäuschung herauszuhören. "Ursprünglich war geplant, dass die Draisinenstrecke 18 Kilometer lang wird, also der gesamten Eisenbahnstrecke entspricht." Doch dann beschlossen die örtlichen Gemeinden, den Großteil der 1903 erbauten, inzwischen stillgelegten Strecke abzureißen. Tatsächlich: Beim Vorbeifahren erkenne ich die Überreste der Streckenspur, die mit groben Steinen verlegt wurde. Intakt sind noch vier Kilometer Schienen. "Aber es ist eine schöne Route, Sie werden schon sehen", verspricht Hofmann.

Am Draisinenbahnhof stehen sie schon, die mir aus dem Prospekt bekannten Draisinen, sechs an der Zahl. Hier ist für jeden was dabei: Auf der Railrunner XXL können drei Personen in die Pedale treten, während es sich zwei weitere auf den Rücksitzen mit Tisch und Getränken gemütlich machen. Auf der Rückfahrt wird natürlich getauscht. Das Modell Barrierefrei ist eigens für Rollstuhlfahrer errichtet worden. Für die Sportlichen gibt es die Easy Rail Light mit drei Sitzen und ohne weiteren Anhang. Und diese nehmen wir. Bevor es losgeht, werden Sattel sowie Lenker der Körpergröße angepasst. Aus der Entfernung hört man schon das Grollen des heraufziehenden Gewitters.

Irgendwo auf der Strecke zwischen Laufen und Untergröningen. Es regnet in Strömen. Wasser trieft von meinen Haaren, und ich sitze klatschnass auf dem Sattel der Draisine und radle, was das Zeug hält. Ein wahnsinniger Spaß - und das trotz des Regens. Beim Draisinenfahren fühle ich mich wieder in die Kindheit zurückversetzt, es ist, als säße ich auf einem Fahrrad mit Stützrädern. Der einzige Unterschied ist, dass ich hier auf Schienen gleite. Und anstrengend ist das Ganze auch nicht: Man kann sich noch bequem nebenher unterhalten.

Selbst bei Regen gibt es schöne Ausblicke

Hofmann hat nicht zu viel versprochen: Die Strecke bietet schöne Ausblicke, liegt sie doch zwischen dem Kocher-Jagst-Radweg, der zu den beliebtesten Radwegen Deutschlands zählt, und dem Kocher. Hier könnten wir auch Kanu fahren, ebenfalls ein Freizeitangebot von Kochertalerlebnis. Im Laufe der einspurigen Strecke passieren wir zweimal Schranken. An diesen Stellen kreuzen Durchfahrtsstraßen die Draisinenstrecke - und ein Auto hätte stets Vorfahrt, erklärt Hofmann. Da der Niederschlag nicht enden will, nutzen wir die Schranke, eine Pause einzulegen. Wir stellen die Draisine ab und suchen Schutz unter einer nahe liegenden bedachten Brücke.

In Untergröningen endet die Tour. Ohne Pause kommt man auf eine gute halbe Stunde Fahrzeit. Vor Ort kann man es sich im Gasthof der Lammbrauerei gutgehen lassen oder im Kleinen Schwarzwald, wie der umliegende Wald genannt wird, wandern. Kunstliebhaber können der Ausstellung Kunst im Schloss einen Besuch abstatten. Wir beschließen aber, schnell zurückzufahren, ehe uns das nächste Gewitter einholt.

Zurück in Laufen, ist die Kleidung inzwischen ein wenig getrocknet. Das wird wohl am starken Fahrtwind gelegen haben. Erleichtert, endlich ins Trockene zu kommen, und zufrieden, einmal wieder etwas für die Bewegung getan zu haben, mache ich mich auf den Heimweg. Der aber dauert noch länger als der Hinweg. Und das hat mich der Ausflug ins Kochertal gelehrt: In Zeiten der Bauarbeiten für Stuttgart 21 empfiehlt es sich, mit dem Pkw anzureisen und auf öffentliche Verkehrsmittel zu verzichten.

Kommentare (6)
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SEP
30
22:22 Uhr, geschrieben von Anonymer Benutzer
S21
Gegen S21!!!!!
SEP
13
15:32 Uhr, geschrieben von Anonymer Benutzer
Und doch ist´s S21
Die Autorin hat Recht, was S 21 betrifft. Anwohner, die von der Bahnsperrung betroffen sind, wissen, dass exakt die selbe Strecke vor nicht allzu langer Zeit schon einmal geschlossen wurde um Sanierungen vorzunehmen. Die aktuellen Arbeiten sind nötig, um den umfangreichen Aushub der Tunnelarbeiten von S21 nach Crailsheim zu transportieren. Mit freundlichen Grüßen Stuttgart 21 Gegnerin
SEP
05
22:05 Uhr, geschrieben von aufmerksamer leser
wofür soll Stuttgart 21 noch alles verantwortlich sein?
Da die ehemalige Kochertahlbahn stillgelegt wurde, gibt es nur eine Bus-Linie zwischen Gaildorf und Sulzbach-Laufen. Meint die Verfasserin wirklich, dass mehr oder weniger Busse fahren werden, wenn Stuttgart 21 gebaut wird? Lag ihr noch längerer Heimweg nicht daran, dass versäumt wurde, sich vorher genauer zu informieren?
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