Dragon Days in Stuttgart Ringlein, Ringlein, du musst wandern

Von Oliver Stenzel 

Cross-Media-Festival Dragon Days zeigt im Literaturhaus Fantastik in Literatur, Film, Grafik und digitaler Kultur.

Stuttgart - Der Begriff „Fantasy“ ist, könnte man sagen, ziemlich vorbelastet. Man assoziiert mystische Universen voller Wesen mit spitzen ­Ohren und hohen Hüten, denkt an Elfen, Trolle, Zwerge und Zauberer, anmutige Einhörner oder bösartige Orks. Kein Wunder ­also, dass Tobias Wengert den Begriff „Fantastik“ vorzieht, wenn er über den Gegenstand des von ihm kuratierten Festivals „Dragon Days“ spricht, das vom 5. bis 8. Juli im Literaturhaus stattfindet. „Fantastik ist breiter gefasst“, sagt Wengert, „es umfasst die Genres Fantasy, Science Fiction und Horror“. Das Festival soll nun die Fantastik als literarische, filmische, digitale, soziale und grafische Kunstform vorstellen und Einflüsse auf unsere Kultur zeigen.

Was die Einflüsse auf die Kultur angeht, zitiert Wengert dabei auch gerne den ARD-Literaturkritiker Denis Scheck („Druckfrisch“), den er gleich für drei Veranstaltungen als Moderator gewinnen konnte: „Ich habe Scheck gefragt, welches die drei besten Fantastik-Romane seien, die man gelesen haben muss. Darauf hat er mir ­geantwortet: Sie meinen, außer ,Odyssee‘, ‚Don Quixote‘ und ‚Gullivers Reisen‘?”

Wie breit das Spektrum des Festivals ist, zeigt schon ein kurzer Blick auf das Programm: Alan Moores und David Lloyds Comic-Meisterwerk „V wie Vendetta“ und dessen Verfilmung, die die bei Occupy und anderen Protestbewegung beliebten Guy-Fawkes-Masken inspirierte, gehören ebenso dazu wie die Vorstellung der „Enzyklopädie der Drachen“ von Mircea Cartarescu – immerhin einer der aktuell renommiertesten rumänischen Autoren.

Ein Festival-Schwerpunkt: Steampunk, ein Science-Fiction-Subgenre, das sich an Zukunftsvisionen aus dem 19. Jahrhundert à la Jules Verne anlehnt

Wie Literatur und bildende Kunst interagieren können, zeigt ein Abend um den Roman „Hyddenworld“ von William Horwood: Zusätzlich zu Lesung und Gespräch mit dem britischen Autor entwickelt der Speedpainter Kemane Bâ live in wenigen Minuten Bilder zur Welt des Volkes der winzigen, unterirdisch lebenden Hydden, wobei das Publikum durch Zuruf gestalterischen Einfluss nehmen kann. Die etwas kleineren Fantastik-Fans schließlich dürfte die Drachenkinder-Nacht in der Buchhandlung Hugendubel begeistern.

Ein Festival-Schwerpunkt: Steampunk, ein Science-Fiction-Subgenre, das sich an Zukunftsvisionen aus dem 19. Jahrhundert à la Jules Verne anlehnt. Die Zukunft ist hier von mit Dampfkraft ­betriebenen Luftschiffen und Robotern (englisch „steam­“­ = Dampf) geprägt und mutet in Mode und Baustilen reichlich viktorianisch an. Vorgestellt wird dabei unter ­anderem der zweite Teil des jüngst beim Ludwigsburger Cross Cult-Verlag erschienenen Steampunk-Comics „Steam Noir“ von Autorin Verena Klinke und Zeichner Felix Mertikat, beide aus Stuttgart. Mertikat gilt momentan als großer Hoffnungsträger der deutschen Comicszene.

Warum werden die Drachen ausgerechnet in Stuttgart losgelassen? „Diese Stadt ist für so ein Festival prädestiniert“, sagt Wengert und nennt gleich mehrere Gründe. Stuttgart ist der Sitz der Hobbit Presse, der Fantasy-Abteilung des Klett-Cotta-Verlags, in dem unter anderem die Romane von J. R. R. Tolkien („Der Herr der Ringe“) veröffentlicht werden – Verleger-Sohn ­Michael Klett war es, der Tolkien überhaupt erst für den deutschen Markt entdeckt hatte. Dazu kommt, dass in der Region mit ­Panini und Cross Cult gleich zwei Comic-Verlage mit breitem Fantastik-Segment sowie zahlreiche Animationsfilmstudios wie Studio Soi oder Pixomondo zu Hause sind. Vor diesem Hintergrund hatte Wengert, der seit einigen Jahren Ausstellungen über Animationsfilm kuratiert, schon länger den Plan, ein Fantastik-Festival zu organisieren. Den letzten Anstoß ­habe der diesjährige Start von Peter Jacksons „Der Hobbit“-Verfilmung gegeben.

Lesen Sie jetzt