Doris Soffel im Gespräch Man braucht Mut zur Hässlichkeit

Von Frank Armbruster 

Die Mezzosopranistin Doris Soffel singt die Klytemnästra in „Elektra“, hier mit Simone Schneider (rechts). Foto: Martin Sigmund
Die Mezzosopranistin Doris Soffel singt die Klytemnästra in „Elektra“, hier mit Simone Schneider (rechts). Foto: Martin Sigmund

Doris Soffel steht zurzeit in der Strauss-Oper „Elektra“ auf der Bühne in Stuttgart, wo ihre Karriere einst begonnen hat. Im Gespräch erzählt sie, wie sehr sie die Stuttgarter Zeit geprägt hat.

Stuttgart - Die deutsche Mezzosopranistin Doris Soffel hat ihr erstes Engagement an der Stuttgarter Oper gehabt. Danach machte sie als Koloratur­mezzosopranistin Weltkarriere. Mitte der neunziger Jahre wechselte sie ins dramatische Fach. Eine ihrer Paraderollen ist die Klytämnestra in Richard Strauss’ Oper „Elektra“. Zurzeit steht sie damit in Stuttgart auf der Opernbühne.

Frau Soffel, Sie waren ab 1973 zehn Jahre an der Stuttgarter Oper engagiert, damals noch unter der Leitung von Wolfgang Wind­gassen, der 1974 verstorben ist. Wie hat diese Stuttgarter Zeit Sie geprägt?
Diese Zeit hat mir eine fantastische Basis gegeben. Ich bekam die Zeit und die Ruhe mich zu entwickeln, wie sie heute viele junge Sänger nicht mehr haben. Auch eine Art Demut gegenüber der Oper wurde mit mitgegeben– wenn ich denke, wer damals alles in Stuttgart gesungen hat, Birgit Nilsson, Gottlob Frick, natürlich auch Windgassen. Große Sänger, zu denen man aufschaute.
Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie nun wieder in Stuttgart auftreten? Kommen Erinnerungen hoch?
O ja, und wie! Das Haus hat sich ja seitdem optisch kaum verändert, das ist für mich wie ein Trip in die Vergangenheit. Ich war ganz gerührt bei der ersten Probe. Wenn ich beispielsweise nur von der Garderobe auf die Bühne gehe, da sehe ich noch in einer Ecke Martha Mödl sitzen, die immer sehr früh da war. Bei der Rennert-Inszenierung von Tschaikowskys „Pique Dame“ durfte ich 1974 die Polina singen und die große Mödl die Gräfin. Dann seh ich noch Birgit Nilsson, wie sie auf die Bühne geht und mir toi-toi-toi ins Ohr flüstert, als ich in der „Götterdämmerung“ meine erste Norne gesungen habe.
Was hat sich seit dieser Zeit in der Opern­szene am stärksten verändert?
Es ist alles schnelllebiger geworden, die jungen Sänger haben heute nicht mehr die Chance, langsam in ihr Fach hinein­zuwachsen. Ich sehe darin ein Problem, denn die Gesangskunst erfordert eine gewisse Reife. Man kann nicht mit 35 die Klytämnestra singen. Dazu braucht man eine gewisse Lebenserfahrung. Und auch den Mut, auf der Bühne verrückt und hässlich zu sein.
Die Klytämnestra in der „Elektra“ ist eine ihrer Paraderollen, die Sie in vielen großen Opernhäusern auf der ganzen Welt gesungen haben. Das heißt Sie kennen auch sehr viele Inszenierungen des Stücks. Was zeichnet die von Peter Konwitschny in Stuttgart Ihrer Meinung nach aus?
Es ist eine meiner Lieblingsinszenierungen. Dadurch, dass er die Figuren schon als Kinder auf der Bühne zeigt, macht Konwitschny deren Entwicklung sehr plausibel. Das Publikum versteht von vornherein die Story. Außerdem mag ich an Konwitschny, dass er in die Extreme geht und sich unglaublich viele Gedanken macht über das Theater und die Musik.
Gerade diese Inszenierung zeigt auch, wie aktuell dieser Stoff eigentlich ist: Unter dem dünnen Firnis der Kultur lauert der Schrecken, die Irrationalität, die Gewalt.
Ja, genau. Ich bekomme am Ende immer eine Gänsehaut, wenn mit den Kalaschnikows in die Menge geschossen wird, da denkt man natürlich an das Attentat im Pariser Bataclan. Da ist diese Inszenierung wieder hyperaktuell.
Sie gelten als eine der weltweit besten Strauss-Sängerinnen, haben viele Rollen gesungen. Woher kommt diese Affinität zu Strauss?
Das hat mit meiner Lehrerin in München angefangen, Marianne Schech, die selber eine bedeutende Strauss-Interpretin war und mich schon früh an seine Musik herangeführt hat. Strauss ist für mich der Strindberg der Oper, weil er die Frauen liebt, ihre Psychologie, ihre Gefühle. Die Männerpartien bei Strauss, besonders die Tenöre, sind längst nicht so spannend.
Was zeichnet eine gute Strauss-Sängerin vor allem aus?
Es ist die Verbindung von Wort und Musik, ähnlich wie bei Wagner. Doch hat man als Mezzosopran bei Strauss noch mehr Möglichkeiten, sich sängerisch auszuleben.
Ihre Karriere dauert schon ungewöhnlich lange. Wie schaffen Sie es, technisch derart gut in Form zu bleiben? Mussten Sie früh lernen, nein zu Rollenangeboten zu sagen?
Das Neinsagenkönnen ist in der Tat sehr wichtig, aber es ist manchmal auch schwer. Dirigenten und Regisseure können beleidigt sein, wenn man ein Angebot ablehnt. Aber man hat nur eine Stimme, und die ist, wie die Callas sagte, kein Aufzug, wo man für verschiedene Fächer einfach auf den Knopf drücken kann. Man hat selbst die Verantwortung für seine Stimme. Ich sage den jungen Sängern immer: Wenn Ihr ­lange singen wollt, müsst Ihr auch lang­fristig planen.
Gibt es eine Rolle, die Sie gern noch singen würden, die Ihnen aber bisher nicht ange­boten wurde?
Spontan fällt mir da nichts ein, aber ich kann Ihnen was verraten, was für 2018 geplant ist: mein Erda-Debüt in „Rheingold“ an der Staatsoper Hamburg. Das ist eine wunderbare Partie – und das hält mich fit.

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