Digitales Zeitalter „Die Amerikaner sind sehr viel weiter“

Von Daniel Gräfe 

GFT-Chef Urlich Dietz kooperiert mit Peter Leibinger, Forschungschef bei Trumpf, um beide Firmen fit für die Digitalisierung in der Wirtschaft zu machen Foto: factum/Granville
GFT-Chef Urlich Dietz kooperiert mit Peter Leibinger, Forschungschef bei Trumpf, um beide Firmen fit für die Digitalisierung in der Wirtschaft zu machenFoto: factum/Granville

Datenautobahnen werden alles und jeden weltweit vernetzen. Schon bald, schätzt man, werden 50 Milliarden Gegenstände permanent mit dem Internet verbunden sein. Was bedeutet das für die Firmen und ihre Mitarbeiter? Peter Leibinger, Forschungschef beim Maschinenbauer Trumpf, und GFT-Gründer Ulrich Dietz im Interview

Herr Dietz, Herr Leibinger, in Zeiten der globalen Vernetzung wachsen auch IT- und Maschinenbaufirmen zusammen. Sind die Branchen nicht ziemlich unterschiedlich?
Ulrich Dietz: IT-Fachleute leben in einer viel schnelllebigeren Produktwelt. Die Zyklen sind extrem kurz. Die Suche nach neuen, ­innovativen Geschäftsmodellen steht oft im Zentrum der Arbeit. Im Maschinenbau geht es in erster Linie um Akribie und absolute Qualität. Beide Welten zusammenzubringen und die neue Denke in den Köpfen zu verankern ist eine zentrale Herausforderung.
Peter Leibinger: Maschinenbauer denken in neuen Maschinengenerationen, die vieles besser können als die Vorgängermaschinen, aber im Grunde immer noch das Gleiche tun. Um das Geschäftsmodell brauchten sich Maschinenbauer wie wir die letzten 50 Jahre keine großen Gedanken zu machen, weil es einfach existierte. In Zukunft müssen wir uns ein Stück weit entfernen vom ingenieurgetriebenen Denken und lernen neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wir begreifen es als oberste Management-Aufgabe, das zu fördern und damit unsere Entwicklungs­philosophie weiterzuentwickeln.
Industrie 4.0 heißt eines der Megathemen für die gesamte Wirtschaft in den nächsten Jahren. Was verbirgt sich dahinter konkret?
Leibinger: Die Maschinen überwachen sich und ihre Umgebung – beispielsweise das Werkstück – über eine umfangreiche Sen­sorik. Das heißt, sie kennen den Zustand ihrer Aufträge und ihren eigenen Zustand. Wenn mehrere solcher Maschinen miteinander vernetzt werden, können sie sich gegenseitig informieren und optimal auslasten. Die ­Produkte, die sie fertigen – im Fall von Trumpf-Maschinen sind das in der Regel Blechteile –, kennen ebenfalls ihre Bestimmung, so dass sie den Maschinen selbst­ständig „mitteilen“ können, wie sie bear­beitet werden müssen. Damit sollen individuelle Einzelprodukte so wirtschaftlich hergestellt werden können wie Massenprodukte. Der Mensch wird zum Hüter des Netzwerks und des Prozesses, der überwacht, eingreift und optimiert – zum Beispiel über sein iPad.
Dietz: Deshalb brauchen wir breiter ausgebildete Mitarbeiter. Sie müssen über ihre eigentliche Aufgabe hinausdenken und immer im Blick haben, was mit der Analyse dieser Daten alles gemacht werden kann. Nehmen Sie Amazon als Beispiel: Amazon kann am Kaufverhalten ablesen, wann eine Kundin schwanger ist. Amazon weiß das vermutlich schon, bevor es der Frauenarzt der Kundin erfährt. Wir müssen noch besser lernen, in Zusammenhängen zu denken. Mit bereits vorhandenen Daten können jetzt ganz neue Folgerungen gezogen werden. Das ist das eigentlich Neue.
Damit ist die Industrie so effizient wie nie zuvor.
Leibinger: Das stimmt. Indem wir mehr Sensoren nutzen und mehr Daten auswerten, können wir die Auslastung und die Verfügbarkeit der Maschinen erhöhen. Und wir können aus den Ergebnissen vergleichbarer Maschinen lernen. Wir sehen zum Beispiel genau, wie viele Blechteile im Idealfall hergestellt werden können, welche Maschine ein Überangebot an Kapazität hat und ­welche überlastet ist. Und wir können die Maschinen leichter warten.
Dann verkaufen Sie als Maschinenbauer weniger Maschinen – das ist nicht gut für Sie.
Leibinger: Das ist richtig: Wenn wir für eine bessere Auslastung sorgen und so was wie Machine-Sharing fördern, werden unter dem Strich weniger Trumpf-Maschinen für das gleiche Ergebnis gebraucht. Daher muss sich unser Geschäftsmodell erweitern. Wenn bei uns gewisse Daten zusammenfließen, können wir eine optimale Steuerung der Aufträge gleich mitverkaufen. Wenn wir das nicht machen, handeln hier irgendwann andere. Wir werden weiter als Hauptgeschäft Maschinen entwickeln und verkaufen, aber eben nicht ausschließlich. Das ist wie beim Car-Sharing, das Autobauer derzeit anbieten.
Dietz: Der Flugzeugbauer Airbus nutzt zum Beispiel Triebwerke von Rolls-Royce. Die Triebwerke werden aber nicht gekauft, ­sondern quasi gemietet und nach Betriebsstunden bezahlt. In Zukunft wird es Modelle geben, bei denen ein Maschinenlieferant ­seine Kunden berät und für jedes einzelne Stück bezahlt wird, welches die Maschine produziert.
Sind US-Firmen bei den Geschäftsmodellen in der Industrie 4.0 den deutschen Unternehmen voraus?
Dietz: Die Amerikaner sind in allem, was digitale Geschäftsmodelle betrifft, sehr, sehr viel weiter als wir. Sie setzen Ideen viel schneller um. Was die industrielle Umsetzung angeht, ist es umgekehrt – noch. Hier verringert sich der Abstand nämlich. Deutsche Firmen haben bislang häufig die viel ausgefeilteren Teil-Lösungen parat. Das reicht aber nicht mehr. Jetzt geht es darum, die Agilität der IT-Branche bei der Innovation in den klassischen Industriesektoren zu verankern. Wenn uns das gelingt, können wir bei allen Zukunftsthemen ganz weit vorne mitspielen. Denn solch hervorragende Maschinenbauer, wie wir sie in Deutschland in großer Zahl haben, gibt es in den USA nicht.
Wem gehören die Daten in einer immer vernetzteren Welt?
Leibinger: Wir könnten schon heute für unsere Maschinen eine viel bessere Zustandsüberwachung anbieten, als wir das bisher tun. Doch die allermeisten Kunden behandeln die Daten, die in ihren Betrieben anfallen, als Geschäftsgeheimnisse.
Wenn die Firmen genauso lax mit ihren Daten umgingen wie Privatleute, die heute alles über Facebook und WhatsApp posten, wäre die Vernetzung in der Wirtschaft schon sehr viel weiter fortgeschritten?
Dietz: Genau. Die Firmen gehen aber aus ­gutem Grund sehr viel sensibler mit ihren Daten um. Allerdings ist es auch so, dass in vielen Firmen noch überhaupt kein Bewusstsein dafür existiert, welcher Mehrwert geschaffen werden könnte, wenn man einen größeren Austausch von Informationen zulassen würde. Die Produktivität könnte so stark gesteigert werden.
Im Fahrzeugbereich profitieren immer mehr IT-Firmen wie Google. Sehen Sie eine ähnliche Entwicklung im Maschinenbau?
Leibinger: Es könnte eine Verschiebung in den Machtverhältnissen geben. Wer Daten beherrscht, der verfügt vermutlich über die ­entscheidenden Geschäftschancen, der hat die Macht. Wenn es uns möglich sein wird, große Datenmengen selbst auszuwerten, dann bleibt die Macht bei uns. Sollten wir aber dabei grundlegende Hilfe brauchen, geben wir Einfluss und Geschäftschancen ab – vor allem in die USA. Diese Gefahr ist real.
Schafft die Industrie 4.0 mehr Arbeitsplätze, als sie wegrationalisiert?
Dietz: Firmen, die sich mit der Industrie 4.0 beschäftigen und den Kunden Lösungen bieten, werden wachsen und Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht tut, wird Probleme bekommen.
Leibinger: Industrie 4.0 sorgt für Produktivitätssteigerungen, und mehr Produktivität bedeutet immer auch mehr Wohlstand und Arbeitsplätze. Das haben alle Rationalisierungsmaßnahmen der Geschichte gezeigt. Daimler zum Beispiel beschäftigt mehr Mitarbeiter als vor 30 Jahren, obwohl – oder gerade weil – viel mehr Roboter im Einsatz sind.
Herr Dietz, Sie haben einmal die Industriepolitik im Südwesten als „Chicken-Shit“, also „Hühnerkacke“, bezeichnet. Sind Sie bei dieser Meinung geblieben?
Dietz: Ich möchte es so formulieren: Die Politik sollte sich darauf konzentrieren, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen, bei der Ausbildung zum Beispiel. Mehr ist nicht nötig und auch nicht möglich: Die IT-Welt ist viel zu schnelllebig, da hinkt die Politik immer hinterher. Deshalb müssen wir die Universitäten stärken und in die Schulen investieren. Wir brauchen dringend Ingenieure, der Bedarf wird künftig noch zunehmen.
Leibinger: Dem stimme ich zu 100 Prozent zu. Wir ertrinken in einer Flut von Regeln. Jede einzelne für sich ist erklär- und beherrschbar. Aber wenn es Tausende sind, macht es uns kaputt. Ein gutes Beispiel sind die geplanten Neuregelungen zum Arbeitsschutz. Hier hätte Wirtschaftsminister Nils Schmid ein gutes Feld, sich zu profilieren, indem er sich auch einmal gegen die Arbeitsmarktreformen seiner Parteigenossin Andrea Nahles positioniert.
Wie wichtig ist es, als deutsches Unternehmen im Silicon Valley ein Standbein zu haben?
Dietz: Das Silicon Valley steht für Dynamik und Kreativität. Sich dort anzusiedeln macht aber nur Sinn, wenn man ein geeignetes Thema verfolgt. Denn ein Büro dort ist schön, aber auch exorbitant teuer. Und es ist schwierig, dort gute Leute zu finden – die Konkurrenz ist extrem groß.
Leibinger: Für Trumpf ist es wichtig, dort zu sein, weil unsere Kunden da sind – deshalb sitzt unser Vertrieb teils im Silicon Valley. Aber ich glaube, wir übertreiben es mit dem Silicon-Valley-Hype. Dort allein entscheidet sich nicht das Schicksal der Welt.
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