"Dieser Papst fährt die Kirche an die Wand"

Von "Strohgäu Extra" 

Renningen/München Der katholische Priester Michael Broch spricht das Wort zum Sonntag, liest rund um Leonberg Messen, ist mittlerweile Akademiedirektor und tut dies alles mit großer Kritik "am geschlossenen System der zölibatären Männer". Von Michael Schmidt

Renningen/München Der katholische Priester Michael Broch spricht das Wort zum Sonntag, liest rund um Leonberg Messen, ist mittlerweile Akademiedirektor und tut dies alles mit großer Kritik "am geschlossenen System der zölibatären Männer". Von Michael Schmidt

Michael Broch ist mehr denn je auf Achse. Der katholische Priester ist neuerdings geistlicher Direktor der katholischen Journalistenschule in München. "Nebenher" ist er noch SWR-Rundfunkpfarrer und einer der "glorreichen Sieben" - der aktuellen Sprecher des Worts zum Sonntag in der ARD. Die journalistische Freiheit gibt ihm auch den Freimut, die Probleme in der katholischen Kirche anzusprechen, nicht nur zu Pfingsten.

Grüß Gott, Herr Broch. Sind Sie als Rundfunkpfarrer ob ihrer offenen Worte nun nach oben befördert worden? Als geistlicher Direktor einer Journalistenschule?

Das ifp (Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchs) ist eine wichtige und angesehene Bildungseinrichtung unserer Kirche, ich sehe mich da keinesfalls als Frühstücksdirektor. Außerdem habe ich ganz klar gesagt, dass ich unbedingt weiter auf Sendung gehen will - das ist meine Leidenschaft.

Zuletzt haben Sie vom ökumenischen Kirchentag das Wort zum Sonntag gesprochen. Eine Woche vorher über Europa.

Es geht darum, keine Rundfunkpredigt zu halten, auch das Wort zum Sonntag oder unsere Radiobeiträge sind religiöse Sendungen mit journalistischen Maßstäben. Mein Leitmotiv, dass ich an andere Pfarrer weitergebe: Wenn ihr was zu sagen habt, dann erzählt doch eine Geschichte. Mir ist wichtig, dass wir eben nicht missionieren.

Sie haben vom Kirchentag aus vorsichtige Töne angeschlagen, sprachen von Bescheidenheit und Mitgefühl. Wie geht es einem katholischen Priester angesichts der Turbulenzen um Missbrauchsfälle - und vor allem dem Umgang der Amtskirche damit?

Das betrifft einen fürchterlich. Derzeit wird auch alles durcheinander geschmissen, der Zölibat ist gewiss nicht die Ursache für Pädophile, die wiederum eine Krankheit ist. Mittlerweile muss ich mir die Frage stellen, ob ich einem Ministranten noch die Hand geben darf. Doch die Frage ist nun auch, wie fähig die Kirche sein wird, sich zu verändern. Das System Kirche darf nicht von ein paar zölibatären Männern beherrscht werden. Es gibt neben dem Zölibat noch andere Lebensmodelle - wir müssen da offener werden.

Als "wir" damals Papst wurden, war die Euphorie über Benedikt XVI. groß. War die Erwartungshaltung tatsächlich doch überzogen?

Ein Kardinal Ratzinger war nie liberal. Er kommt aus einer kirchlichen Bischofshierachie heraus, deren Bunkermentalität auffällig ist. Wenn ein Bischof nach draußen geht, zu Altarweihen, Festgottesdiensten, dann wird ihm doch nur zugejubelt. Ich habe bei Professor Ratzinger und bei Professor Küng mein Staatsexamen in Tübingen abgelegt. Während der Küng schon immer seine eigene Art pflegte, waren für Ratzinger die Kirchenväter das große Thema. Ich denke, das zeigt doch einiges.

Was zeigt es?

Ich habe keine Angst um die Kirche. Aber unser derzeitiges System hält sich so nicht. Wer sind wir denn, mit einer völlig antiquierten Sexualmoral? Das gefährliche an der katholischen Kirche ist das geschlossene System, die Männerwirtschaft. Das Priesteramt ist häufig für junge Neoklerikale interessant, die schon im Studium gerne mit dem römischen Kragen rumrennen würden. Den müsste ich gerade im Staatstheater im Kostümfundus holen. Wenn es so weitergeht, fährt Papst Benedikt die Kirche an die Wand!

Das sind harte Worte. Fürchten Sie da nicht den langen Arm Roms?

Sie werden lachen: Ich bin loyal, auch wenn ich motze. Und dann habe ich natürlich als Medienpfarrer mehr Freiheiten - denn meine Kirchenbezirke aus Rottenburg, Freiburg und Mainz haben Respekt vor der Pressefreiheit. Vielleicht steigt in mir manchmal der Zorn der alten Männer hoch? Je älter ich werde, desto liberaler werde ich.

Ist eigentlich die katholische Kirche allein der Papst? Es gab doch auch mal noch südamerikanische Befreiungstheologen und Arbeiterpriester und Schwestern der Barmherzigkeit. . .

Die Gleichzeitigkeit der Dinge ist in der Tat ein Trost. Im Mittelalter gab es die Kreuzzüge - aber zugleich auch den heiligen Franziskus. Wir erleben derzeit, wie sich Opfer von Missbrauchsfällen zu Wort melden - und auf der anderen Seite gibt es das Don-Bosco-Werk, das gerade Prostituierten und missbrauchten Frauen einen Schutzraum bietet.

Was ist also ihr Trost, wenn Sie gerade auf Ihre Kirche schauen?

Ich bin Ökonomiker. Und gerade die Ökumene geht mir viel zu langsam, die Kirche ist da viel zu verbeamtet - ich hoffe auf schnellere Aufbrüche. Vielleicht ist das die Chance in der Krise.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Lesen Sie jetzt