Melanie Beier steht am Heiligen Abend bis 14 Uhr in der Schmuck- und Uhrenabteilung bei Galeria Kaufhof in der Stuttgarter Königstraße. „Natürlich ist am 24. Dezember sehr viel los. Aber ich spüre den Stress gar nicht, denn die Arbeit macht an diesem Tag ganz besonders viel Spaß”, berichtet die Verkäuferin. Schließlich sind ihre Kunden oft unglaublich erleichtert, wenn sie in letzter Minute noch ein schönes Weihnachtsgeschenk gefunden haben. Und diese Dankbarkeit der Kunden freut auch die Verkäuferin. „Arbeiten an Heiligabend ist ein Highlight”, betont sie. Mit ihren Kollegen stößt sie nach Geschäftsschluss noch mit einem Gläschen Sekt an. Dann geht es zu ihrer Familie.
Dr. Stefan Wiest, Oberarzt in der Notaufnahme des Katharinenhospitals, hat am 24. Dezember von 8 bis 18 Uhr Dienst. „Bei hohem Notfallaufkommen kann es auch mal später als 18 Uhr werden. Es würde mich nicht wundern, wenn das gerade an Heiligabend der Fall sein wird”, berichtet Wiest. Danach hat er bis zum nächsten Morgen Rufbereitschaft. „In dieser Zeit bin ich für die Assistenzärzte in der Notaufnahme immer ansprechbar. Falls die Situation es erfordert, komme ich ins Krankenhaus und unterstütze die Kollegen.” Dennoch hat Wiest ein kleines Heiligabendprogramm. So wird er dieses Jahr mit seiner Freundin und seinen „Fast-Schwiegereltern” festlich zu Abend essen. „Wenn ich später komme, fangen die eben ohne mich an”, erklärt der Mediziner gelassen. Seine Partnerin arbeite ebenfalls in der Notaufnahme, da sei Verständnis selbstverständlich. Auch die Stimmung im Krankenhaus ist festlich und freundlich. „Wir sind ein gutes Team. Da wird, wenn möglich, gemütlich zusammengesessen, und es werden kleine Geschenke verteilt. Und auch die Patienten sind besonders dankbar.”
Auf Station gibt es jährlich wiederkehrende Rituale, zum Beispiel schmücken die Krankenschwestern einen Baum. „Bei der Übergabe zwischen den Diensten setzen wir uns zusammen, trinken Kaffee und knabbern Gebäck. Die Stimmung ist dabei festlich”, berichtet die Stationsschwester Wioleta Hojczyk von der Station B7 des Katharinenhospitals. Aber auch melancholische Momente gibt es: „Viele Patienten erzählen von ihren Kindern, sprechen über ihr Leben. In diesen Tagen erlebe ich immer wieder tiefe Gespräche mit Patienten, die sehr dankbar sind, wenn wir uns Zeit für sie nehmen.”
Josef Wiedersatz hat am Heiligen Abend im Katharinenhospital eine andere Aufgabe: Als Krankenhaus-Seelsorger feiert er um 16 Uhr die Heilige Messe. „Das ist dann eine sehr familiäre und dichte Atmosphäre. Oft fließen auch Tränen.” Danach bringt er noch einigen Patienten die Kommunion. Wenn er nach Hause kommt, ist sein Dienst noch nicht vorbei: In diesem Jahr hat er über Weihnachten das Notfallhandy und ist für alle Stuttgarter Krankenhäuser ansprechbar. Deshalb verbringt er Weihnachten auch nicht mit Familie oder Freunden - schließlich kann er jederzeit angerufen werden. Aber ein gutes Essen und besinnliche Stunden gönnt sich Wiedersatz, wenn es möglich ist, schon. „Weihnachten als Seelsorger zu arbeiten, ist ein schöner Dienst. Es macht mir große Freude, anderen zu helfen und ihr Leiden erträglicher zu gestalten.”
Eine ganz eigene Stimmung herrscht am 24. Dezember im dritten Stock von Haus St. Monika: In dem Wohnbereich für Demenzkranke kommen Patienten und Angehörige zusammen, um gemeinsam mit Mitarbeitern und Ehrenamtlichen zu singen, in den Gottesdienst zu gehen und zu essen. „An Heiligabend sind wir besser besetzt als sonst”, erklärt die Wohnbereichsleiterin Ursula Schwarz. Ihr ist es ein Anliegen, an diesem Tag für die Patienten da zu sein. Sie selbst feiert dann, wenn ihre Patienten schon im Bett liegen: Sie geht mit ihrer Familie um 22 Uhr in die Christmette.
Pfarrerin Monika Renninger von der evangelischen Nordgemeinde ist an Heiligabend von 14 bis 20 Uhr in der Kirche, trifft letzte Vorbereitungen und feiert gleich zwei festliche Gottesdienste. „Arbeit ist das für mich nicht. Ich feiere genauso wie alle anderen Besucher Gottesdienst. Ich habe dabei lediglich einen aktiveren Part.” Oft passiert an Weihnachten etwas Unvorhergesehenes: So kommen Leute an ihre Haustür und brauchen sie als Seelsorgerin. „Einmal wurde ich gebeten, einer Familie ein Geschenk vorbeizubringen. Der Schenkende selbst konnte das nicht, weil er mit ihr zerstritten war.”