Das Scheitern des Klimagipfels von Koppenhagen mit seinen Auswirkungen auf die Zukunft der Ökologie, die Anfälligkeit unseres Lebensstiles auf Naturereignisse wie des Ausbruchs des Vulkans auf Island, aber auch vieles andere belegen mehr als genug, dass der Modernisierungsprozess mit seinen Zielen von Wachstum, Industrialisierung und Urbanisierung gescheitert ist. Die Krise hat etwas mit dem Versagen, sich einen anderen Lebensstil vorstellen zu können, zu tun. Oft wird gesagt, dass wir in einer spirituellen Krise stecken, und dies ist sicher richtig. Aber hier wird oft vergessen, dass jede Spiritualität ja selbst gesellschaftlich verortet ist.
Unser Bildungssystem bereitet die Heranwachsenden mehr oder weniger optimal auf eine technische Beherrschbarkeit der Welt vor. Da wird analysiert, da werden die Mechanismen unserer Gesellschaft und wie sie funktionieren erforscht und gelehrt mit dem einen Ziel der Beherrschbarkeit unserer Welt, um nicht zu sagen die Ausbeutung unserer Welt voranzutreiben. Die Umweltzerstörung, der Raubbau an Ressourcen, völlig inakzeptable Armut, schreiende soziale Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen, Erosionen von kulturellen und religiösen Weltanschauungen, das alles wird hingenommen oder höchstens punktuell bekämpft. Die Krise ist eine Krise, sich eine andere Welt vorstellen zu können. Nicht umsonst hatte der alternative Gipfel in Rio de Janeiro das Thema: "Eine andere Welt ist möglich".
War es nicht vor 2000 Jahren ähnlich, als das römische Reich in seine Krise kam und sich keine andere Welt mehr vorstellen konnte? Und wie eine kleine Gruppe im fernen Palästina es dann doch wagte, neue Gedanken nicht nur zu denken, sondern sie neu Wirklichkeit werden zu lassen? Wir feiern in diesen Tagen das Pfingstfest. "Es wird geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen. Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen" (Joel 3,1ff.). Diese alte Ankündigung sollte in diesen Tagen sich tatsächlich ereignen. "Als der Pfingsttag gekommen war, kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen und erfüllte das ganze Haus. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab und wir hören sie Gottes große Taten verkünden" (Apg 2,1ff.). Pfingsten ist demnach das Ereignis, an dem eine neue Vorstellungskraft menschlichen Zusammenlebens zum Tragen kam und die Welt veränderte.
Solche Vorstellungskraft ist uns heute wieder vonnöten, allerdings ausgeweitet auf die ganze Ökologiefrage, dass alles sakral ist, dass Gottes Schöpferkraft in allem wirkt, dass Ökologie und Gerechtigkeit zusammenhängen. Unser Bildungssystem muss wieder lernen, dass Kreativität und Einfachheit, geistige Entdeckungsreisen und Entfaltungsmöglichkeiten, eine ganzheitliche Bildung wichtiger ist als das Wissen einer bloßen Beherrschbarkeit der Welt, beziehungsweise dass es kein technisches Wissen ohne ethisches Wissen mehr geben darf. Unsere aufstöhnende Welt braucht diese Urkraft von Pfingsten neu.