Die Studiengebühren sind durchgefallen

Von "Blick vom Fernsehturm" 

Hohenheim. Markus Voeths Kompass weist vor allem in eine Richtung: Die Studenten sind gegen die Campus-Maut. Von Judith A. Sägesser

Hohenheim. Markus Voeths Kompass weist vor allem in eine Richtung: Die Studenten sind gegen die Campus-Maut. Von Judith A. Sägesser

Das Thema ist durch, da ist sich der Hohenheimer Marketing-Professor Markus Voeth sicher. Das Thema sind die Studiengebühren, und die haben von den Studierenden jüngst eine deutliche Abfuhr bekommen. Im Mai hat Voeth den Gebührenkompass ausgerichtet. Zum mutmaßlich letzten Mal. Halten doch nur noch Bayern und Niedersachsen eisern an der Campus-Maut fest.

Der Kompass ist eine Langzeitstudie, die sich Markus Voeth im Jahr 2007 ausgedacht hat. Alle Jahre wieder haben Studierende online über das Semestergeld geurteilt. Bei der jüngsten Auflage haben 10 000 Leute mitgemacht. Einzige Voraussetzung: dass sie in einem Bundesland studieren, in dem die Hochschulen Gebühren verlangen, diese kürzlich abgeschafft haben oder dies planen.

Die Richtung, die der Kompass weist, ist eindeutig: Drei Viertel der Befragten halten nichts von Studiengebühren, vergangenes Jahr waren es zwei Drittel. Zu den Ergebnissen gehört aber auch, dass die Studenten über die Jahre zufriedener geworden sind, wofür ihr Geld ausgegeben wird. Dass die Zufriedenheit die mangelnde Akzeptanz irgendwann überholen könnte, daran glaubt der Marketing-Professor nicht mehr. Spätestens seit Baden-Württemberg eine grün-rote Landesregierung hat, die die Studiengebühren abschaffen will, "haben die Studenten Blut geleckt", sagt er.

Das gilt im Übrigen nicht nur für die Studierenden in Baden-Württemberg. "Besonders deutlich zeigt sich das in Bayern und in Niedersachsen", sagt Voeth. Also in jenen Ländern, in denen ein Ende der Gebührenpflicht nicht zur Debatte steht. 74 Prozent der bayerischen Studenten sind für die Abschaffung, vergangenes Jahr waren es 61 Prozent. In Niedersachsen liegt die aktuelle Zahl der Gegner bei 82 Prozent, 2010 waren es 70 Prozent. Es ist ein bisschen wie mit einem Virus, der sich ausbreitet und nun kaum mehr zu stoppen ist.

"Ich habe die Initiative mit dem Gebührenkompass nicht geschaffen, um der Totengräber der Studiengebühren zu werden", sagt Voeth. Zumal er sich zu den Befürwortern zählt. Die Gebühren hätten den jungen Leuten verdeutlichen können, dass Bildung nicht zum Nulltarif zu haben sei. Und, dass sie dafür auch etwas erwarten dürfen. "Das tut einem dann schon leid." Er macht keinen Hehl daraus, dass er das Ende der Campus-Maut für einen Fehler hält. "Die Studenten werden anfangen, die Studiengebühren zu lieben, wenn es sie schon gar nicht mehr gibt."

Größtes Problem der Gebühren sei, dass die Studenten zu spät nachvollziehen können, wofür ihr Geld verwendet wird. Laut Voeth ein fataler Fehler der Hochschulen, denn an ihnen wäre es gewesen, von Anfang an darüber zu informieren. "Jetzt tun sie es, das ist ja der Treppenwitz", sagt er. Weil die Einsicht zu spät kommt.

Wer Markus Voeth besucht, dem fallen vielleicht die Service-Versprechen auf, die ans Schwarze Brett gepinnt sind. Darauf können Studenten lesen, was sie für ihr Geld bekommen. Zum Beispiel, dass Klausuren innerhalb von vier Wochen korrigiert werden und nicht ewig auf irgendeinem Stapel liegen. Oder dass E-Mails binnen eines Werktags beantwortet werden.

Voeth weiß nicht, ob er seine Versprechen künftig noch halten kann. "Da bin ich Realist." Zwar habe die neue Landesregierung angekündigt, finanziell einzuspringen. Ob dies reicht, um das Niveau zu halten, bleibe abzuwarten. Voeth hatte seit 2007 - das Jahr, in dem die Gebühren hierzulande eingeführt worden sind - in den besten Zeiten drei Mitarbeiter, deren Lohn er aus Studiengebühren bezahlt hat; zurzeit sind es anderthalb Stellen.

Dass nicht alles schlechter wird, sobald die Gebühren abgeschafft sind, zeigen die Beispiele Hessen und Saarland. In beiden Ländern sind die Studentenbeiträge wieder gestrichen worden, kaum dass sie eingeführt waren. Das Kompass-Ergebnis: In Hessen glauben nur 13 Prozent, dass ihnen dadurch Nachteile entstanden seien, im Saarland sind es sogar nur neun Prozent.

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