Die weiße Taube , die Horst Roensch über 80 Tage hinweg immer wieder zuflog, ist ihm auch ein schönes Zeichen. Denn die Zuversicht nicht zu verlieren, das war nicht immer leicht für ihn. Der Vogel saß eines Tages im Sommer vergangenen Jahres auf dem Balkon vor seinem Wohnzimmer. Dort in der Hoffeldstraße, wo er seit der Trennung von seiner Frau vor bald zehn Jahren wohnt, mit Blick über das stille Tal und hinauf zu den Hochhäusern des Asemwalds, malt Horst Roensch auch seine Aquarelle.
Einen Bezug zur Kunst hat er schon immer gehabt, auch beruflich. Aber erst seit er in Rente ist, hat sich Horst Roensch dieser frühen Neigung intensiv gewidmet. Und ungefähr vor drei Jahren war ihm dann plötzlich klar: "Jetzt habe ich meinen Stil entdeckt." Mit dieser deckenden Aquarellmalerei - ohne die fließenden, durchsichtigen und transparenten Elemente der Nass-in-nass-Technik bei den Wasserfarben - hat er im Haus Birkach im Sommer auch eine erste Einzelausstellung gehabt.
Als Kind schon hat der heute 74-Jährige viel und gern gezeichnet. An die Schlitten der Nachbarskinder und an die Schneemänner erinnert er sich besonders. Aber diese Kindheit im oberschlesischen Neiße war bald vorbei, als der Krieg zurückkam nach Deutschland. Dem Vater, als Hauptmann an der näherrückenden Ostfront kämpfend, war es in den letzten Kriegswochen noch gelungen, die Familie aus den eingekesselten Gebieten herauszuholen. Die Flucht über das Sudetenland und Österreich endete zunächst in Bietigheim. Der Vater, ein gelernter Landvermesser, arbeitete später als Naturschutzbeamter.
Horst Roensch hatte gute Noten im Malen. Ein Kunstlehrer namens Meier am Ludwigsburger Gymnasium "zwang mich doch auch zu ernsthafter Kunst". Der strenge Pädagoge ließ ihn Stadtansichten zeichnen oder ein schlichtes Seil, wie es sich so wild auf der Unterlage wand. Das ist schwer. Aber er konnte das. Doch dann befiel den Schüler jene Schwermut, die man heute Depression nennt. Sie sollte in immer wiederkehrenden Episoden sein dunkler Begleiter bleiben. Er musste das Gymnasium ohne Abschluss verlassen.
Nach einer kaufmännischen Ausbildung und der ersten Stelle bei Salamander in Kornwestheim arbeitete er in Stuttgart für eine Versicherung, als Abteilungsleiter in einem Sporthaus und schließlich lange Jahre in einer Galerie, dem Kunsthaus Bühler.
Schon zuvor hatte er eine Begegnung gehabt, die ihm das Künstlerische erschloss. Horst Roensch hatte, "man kann sagen privatissime", den Kunstprofessor Wilhelm Imkamp aufgesucht, der einst einmal einen Vortrag an seinem Gymnasium gehalten hatte. Imkamp war am Dessauer Bauhaus Schüler von Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger gewesen. Er vermittelte Roensch die strengen Begriffe der Abstrakten Malerei. "Farbenlehre, die Kontraste sehen, den Eigenwert der Formen wahrzunehmen und interessante Harmonien, das habe ich bei ihm gelernt", schwärmt Roensch noch heute.
Ansonsten hat er sich ganz autodidaktisch fortgebildet, etwa mit der weitverbreiteten Zeichenschule von Gerhard Gollwitzer. Sein ganz eigener später Stil in "trockener" Aquarelltechnik kehrte nach einer "wilden Phase, in der ich schnell und einfach aus dem Bauch drauflos gemalt habe" , zum Konstruktiven und den klaren, kontrastreichen Formen der Bauhaus-Ästhetik zurück. Horst Roensch will in seinen Bildern "feine Farbabstufungen komponieren, die Grautöne in ihren Möglichkeiten ausschöpfen". Er will von der Geometrie zur Poesie.
Dass ihm das oft gelingt, zeigt die Resonanz auf seine Ausstellung. Das Lob vieler professioneller Kollegen tat ihm gut. Matthias Kleinert, der frühere Daimler-Manager und Sprecher Lothar Späths, hat zwei Bilder gekauft. Auch seine geschiedene Frau, mit der er eine Tochter hat, die in Passau studiert. Das gibt ihm Zuversicht, nicht nur für die weitere Arbeit.