Die mutigen Genossen sind nicht vergessen

Von "Filder-Zeitung" 

Esslingen. Die SPD gedenkt vor der Nikolauskapelle jener Mitglieder, die sich gegen das Naziregime gestemmt haben. Von Jürgen Veit

Esslingen. Die SPD gedenkt vor der Nikolauskapelle jener Mitglieder, die sich gegen das Naziregime gestemmt haben. Von Jürgen Veit

Es waren mutige Menschen, die am 8. Februar 1933 vor dem Alten Rathaus in Esslingen für Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden demonstriert haben. Denn die von der Esslinger SPD organisierte Kundgebung richtete sich gegen die politische Willkür und die Gewaltanwendung der Hitlerregierung. Es sollte bis 1945 die letzte öffentliche Veranstaltung zur Verteidigung der Grundrechte und der Demokratie in der Stadt sein. Danach wurde die SPD verboten und die Genossen sahen sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt.

Im Rahmen der Feierlichkeiten zu ihrem 140-jährigen Bestehen haben die Esslinger Sozialdemokraten am Samstag vor der Nikolauskapelle in der Inneren Brücke dieses Ereignisses gedacht. Gleichzeitig ehrten sie unter anderem jene Esslinger Genossen, die wegen ihrer politischen Gesinnung in Konzentrationslagern inhaftiert waren.

Elisabeth Nill, die ehemalige Esslinger SPD-Stadträtin und Landtagsabgeordnete, erinnerte in ihrer Ansprache an die Männer, die sich gegen das Hitlerregime gestemmt und dafür ihre Existenz und die ihrer Familien riskiert haben. Im Esslinger Stadtarchiv habe sie freilich nicht viel über das Leben dieser Genossen gefunden, "die Nazis hatten die meisten Akten verschwinden lassen". Fündig wurde sie schließlich im Ludwigsburger Staatsarchiv.

Bei ihren Recherchen ist Elisabeth Nill der Geschichte von 18 mutigen SPD-Männern auf die Spur gekommen, die für ihr Engagement gegen die Nationalsozialisten ins Gefängnis gesteckt wurden. Einer von ihnen war Karl Schmid, ehemaliger Stadtrat in Esslingen und in Stuttgart. Der Begründer der Arbeiterwohlfahrt Esslingen wurde 1933 in das Konzentrationslager Heuberg auf der Schwäbischen Alb gebracht. Dort habe er zusammen mit anderen politischen Häftlingen dem ebenfalls verhafteten SPD-Reichstagsabgeordneten Kurt Schumacher auf Befehl des Lagerkommandanten einen demütigenden Empfang bereiten müssen. Die Männer wurden gezwungen, Rizinusöl zu trinken und dann im Spalier stehend - nur mit einem Nachthemd bekleidet und mit einem Strauß Brennnesseln in der Hand - den neuen Mithäftling Kurt Schumacher zu begrüßen.

Karl Schmid, der mit seiner Familie auf der Esslinger Neckarhalde gewohnt hatte, zog nach seiner Entlassung aus dem Lager Heuberg nach Stuttgart um. Ständig von der Gestapo überwacht, wurde er im Juli 1944 erneut abgeholt und dieses Mal in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Von dort kam er nach Elisabeth Nills Recherchen "in jammervollem Zustand zurück". Nach 1945 habe er in Stuttgart am demokratischen Aufbau mitgewirkt.

Karl Schmids Enkelin Anja Dieterich nahm an der Gedenkfeier vor der Nikolauskapelle ebenfalls teil. Sie ist "sehr stolz" auf den Mut und die Standhaftigkeit ihres Großvaters. Der habe jedoch "über diese Zeit nicht sprechen wollen", ihre Mutter habe ihr die Geschichte des Opas erzählt.

Als Zeitdokumente sind der Stuttgarterin Briefe des Großvaters geblieben, die dieser von Dachau nach Hause geschrieben hat. In denen habe er zumindest "verschlüsselt" mitgeteilt, wie furchtbar es ihm dort ergangen sei. Eindrucksvoll hätten die Zeilen dennoch überliefert, dass er "schrecklich Hunger gelitten und gefroren hat".

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