In der Arrestzelle des ehemaligen Häslacher Rathauses stehen vier Paar herrenlose Schuhe. Die dazugehörigen Füße sind gerade auf Abenteuerurlaub. Sie kneippen, hüpfen, matschen, balancieren, fühlen, leiden, spielen und baden.
Die acht Museumsbesucherfüße, die gerade schuhlos in Beuren den Parcours "Barfuß durchs Museumsdorf" absolvieren, genießen ihre neue Freiheit. Damit nicht nur die Füße, sondern auch die dazugehörigen Köpfe zu ihrem Recht kommen, haben Regine Gropper und Martina Soeffing dem sinnlichen Barfußerlebnis im Freilichtmuseum eine kulturwissenschaftliche Dimension hinzugefügt. Die Museumsbesucher haben an insgesamt zwölf Stationen gelernt, dass die bloßen Füße kulturgeschichtlich gesehen schon immer mehr waren als nur bloße Not.
Moritz kann ein Lied davon singen. Er versucht gerade, nur mit den Zehen einen Knoten in ein Hanfseil zu schlingen. "Zehenspiele" ist die vorletzte Station auf dem Museumsgelände überschrieben. "Zehenarbeit" wäre sicherlich zutreffender gewesen, denn bevor der Knoten schließlich im Seil ist, hat ihn Moritz mehrfach in den Beinen. Sein zufriedenes Strahlen nach kurzem, aber heftigem Kampf signalisiert: Experiment geglückt.
Das Fazit "Experiment geglückt" gilt auch für den gesamte Aktion, über die am Samstag im Rahmen der Naturerlebniswoche Baden-Württemberg 2010 mehr als 100 Museumsbesucher mit den Füßen abgestimmt haben. "Uns ist der Einfall mit dem Barfußpfad einfach beim gemeinsamen Spazierengehen gekommen, als wir nach einem passenden Beitrag für die Naturerlebniswochen gesucht haben", sagt Regine Gropper, die als wissenschaftliche Volontärin im Museum arbeitet. Wasser, Wiese, Acker, Lehm und Steine gibt es auf dem Gelände am Fuß der Schwäbischen Alb schließlich im Überfluss, Asche und Kohle auch, nachdem das Museum regelmäßig zu Köhlertagen lädt.
Was es bisher nicht gegeben hatte, war der Mehrwert für den Kopf. Für das Barfußprojekt musste noch der passende museumspädagogische Schuh gefertigt werden. Der besondere Verdienst von Regine Gropper und Martina Soeffing ist es, die Kulturwissenschaft vom Kopf auf die Füße gestellt zu haben. Von der Naturheilphilosophie des Pfarrers Sebastian Kneipp angefangen über die Barfußpilger des Mittelalters bis hin zu den Wengerten, Kraut- und Lehmstampfern, die ihre Arbeit einst mit den Füßen verrichtet haben, spannt sich nun die spezielle Beurener Kulturgeschichte der blanken Sohle.
Beim Balancieren über einen abgestorbenen Baum, beim Ertasten verschiedener Naturmaterialien und beim Gang über den steinigen Albacker oder die gemähte Blumenwiese ist auch das sinnliche Erleben nicht zu kurz gekommen. Und dann, ganz zum Schluss, hat die Station "Kindheit ohne Schuhe" doch noch einen Eindruck davon vermittelt, wie der von Armut geprägte Alltag in einem schwäbischen Dorf auf blanken Sohlen dahergekommen ist.
Ach ja: Die Schuhe aus der Arrestzelle sind im Laufe des Tages alle wieder befreit worden - ganz im Gegensatz zu den dann wieder eingesperrten Füßen. Einen Trost haben die Museumsmacher von Beuren den geknechteten Gliedmaßen noch mit auf den Heimweg gegeben: Am Sonntag, dem 16. Mai, soll der Duft der Freiheit noch einmal einen Nachmittag lang durch das Museumsdorf wehen. Dann wird der Barfußparcours ein zweites Mal aufgebaut. Ob es allerdings einen Dauerbetrieb gibt, ist fraglich. Zumindest die Lehmstation und das abschließende Füßewaschen erfordern eine besondere Aufsicht. "Das schaffen wir nicht", sagt Regine Gropper.