Der Klinikverbund Südwest hat seine Intensivstation im Sindelfinger Krankenhaus aufgerüstet. Hochmodern ist die Station, ausgestattet mit neuesten High-Tech-Geräten. 25 Patienten könnten dort gleichzeitig betreut werden. Doch momentan steht die halbe Station leer - denn es fehlt an Krankenschwestern, die sich um die schwer pflegebedürftigen Patienten kümmern.
Mit diesem Problem steht das Sindelfinger Krankenhaus nicht alleine da. Händeringend suchen die Kliniken landauf, landab nach Schwestern und Ärzten. "Doch der Markt ist leer gefegt", sagt Elke Frank klagend, die kommissarische Geschäftsführerin des Klinikverbunds Südwest, zu dem neben dem Sindelfinger Haus fünf weitere Kliniken in den Kreisen Böblingen und Calw gehören. Von momentan 930 Vollzeitstellen für examinierte Krankenschwestern im Verbund seien 20 aktuell nicht besetzt, sagt Frank. Der Betriebsrat zweifelt diese Zahl indes an. "Wir gehen von einem wesentlich größeren Mangel aus", sagt Wolfram Ruck, der Betriebsratsvorsitzende des Leonberger Krankenhauses.
Die Ursachen für den Pflegenotstand lägen teils in der großen Politik, teils seien sie hausgemacht, sagt Ruck. Noch vor einigen Jahren hieß die Parole im Klinikverbund wie auch in vielen anderen Kliniken im Land: sparen, optimieren, Personal reduzieren. Denn seit dem Jahr 2003 werden von den Krankenkassen statt festen Tagessätzen für jeden Patienten nur noch Fallpauschalen gezahlt, unabhängig davon, wie viel Pflege er tatsächlich benötigt. Die Folge: die Häuser leiden unter chronischer Finanznot.
Gespart hat man in der Holding in den vergangenen Jahren vor allem beim Personal. Das scheint sich nun zu rächen. Mit einer mehr vorausschauenden Planung wäre der Pflegenotstand heute nicht so gravierend, meint der Betriebsrat Ruck. "Man hat die Baustellen in der Klinik mit den Personalstellen finanziert", kritisiert er.
Nun versucht der Klinikverbund gleich mit mehreren Strategien das Ruder wieder herumzureißen. Die eine lautet: selbst ausbilden und dabei neue Zielgruppen ansprechen. So hat der Verbund in Nagold einen weit und breit einzigartigen Teilzeit-Ausbildungsgang geschaffen. Hauptsächlich Mütter nach der Kleinkinderzeit und Quereinsteigerinnen nutzten das Angebot, sagt Frank. Gesucht werden in den Krankenhäusern im Kreis vor allem Spezialisten für die Intensivstationen. Doch weil es immer schwieriger wird, Experten zu finden, hat der Klinikverbund nun ein eigenes Ausbildungsprogramm aufgelegt. Vom kommenden Jahr an werden 20 Schüler pro Jahrgang für die Intensivpflege ausgebildet.
Für einfachere Aufgaben setzt die Geschäftsführerin mittlerweile auf angelernte Kräfte: "Wir brauchen keine examinierte Schwestern fürs Bettenschieben oder Tablettabräumen." Auch dies sieht der Betriebsrat kritisch. "Es ist richtig, dass man nicht für alles examinierte Pfleger braucht. Aber man sollte bei der Personalplanung sehr genau hinschauen, nicht nur wie viele Leute auf einer Station arbeiten, sondern auch welche Ausbildung diese mitbringen", sagt Ruck.
Die Hauptursache für den Pflegenotstand sieht Frank im schlechten Image des Pflegeberufs. "Sie hat keine Lobby in der Gesellschaft", klagt die Geschäftsführerin, die selbst 16 Jahre lang als Krankenschwester gearbeitet hat.
Doch eng ist es im Verbund auch bei der Besetzung der Arztstellen. Bei den Anästhesisten kann der Verbund seinen Bedarf nur mit Hilfe von zusätzlichen Honorarärzten decken. Sie werden in Spitzenzeiten angefordert. Billig sind sie nicht. 600 bis 1100 Euro erhält der Arzt pro Tag. Der Calwer Landrat Helmut Riegger, einer der drei Aufsichtsratsvorsitzenden des Verbunds, war kürzlich sogar in Griechenland bei einer Medizinmesse, um Ärzte für Calw und Böblingen zu werben. Erste Bewerbungen lägen auf dem Tisch.
Für die Pflege hingegen gebe es auch im Ausland keine Kräfte mehr, sagt Frank. Die osteuropäischen Schwestern seien längst nach England abgewandert. "Dort genießen Pfleger hohes Ansehen."