Die Heimat der Garstigen und der Barmherzigen

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Waiblingen Der Künstler Peter Schmidt zeigt im Schwanen eine Modelleisenbahnwelt, die nicht mehr heil ist. Von Kathrin Wesely

Waiblingen Der Künstler Peter Schmidt zeigt im Schwanen eine Modelleisenbahnwelt, die nicht mehr heil ist. Von Kathrin Wesely

Aha, ein Modelleisenbahner, denkt man beim Reinkommen. Der Nachbau des Nürnberger Bahnhofs mit seiner schmucken Fassade, den verschiedenen Geschossen voller Läden, Korridore, Rolltreppen, Leuten steht auf einem Sockel. Man erblickt im Innern eine Dönerbude, ein Stehcafé, Boutiquen, einen Blumenladen, die Warte-Lounge der Deutschen Bahn und so fort. Alles ganz putzig und wie in Echt. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man auch die garstigen Szenen: Im Untergeschoss des Bahnhofs liegen die Lumpen eines verwaisten Berberlagers, sechs Polizeibeamte kesseln einen Mann dunkler Hautfarbe ein und auf dem Bahnhofsvorplatz haben Autonome ein Auto abgefackelt.

"Das Raffinierte an Peter Schmidt ist: Er verwendet die gleichen technischen Mittel wie die Modellbau-Freaks, um genau das Gegenteil zu erreichen", schreibt Bernd Zachow, ein Bewunderer des Künstlers. "Sein Ziel ist nicht die Illusion einer putzigen, heilen Welt, sondern die subtile Darstellung einer krisenhaften, komplexen, insgesamt wenig erfreulichen Wirklichkeit."

Die Szenen im Modellbahnhof hat Schmidt fotografisch reproduziert, vergrößert und aufbereitet. Sie wirken auf den flüchtigen Blick wie Fotos von realen Bahnhöfen. Man erkennt nun auch Einzelheiten, wie etwa die Preistafel im Dönerladen: "groß 2,50 Euro, klein 2,00 Euro, Hartz IV 1,50 Euro". Schmidt sagt, "das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern tatsächlich gesehen." Die Fotos gehen der Frage nach, "Wem gehört der Bahnhof?" und jedes einzelne Bild steht unter einem Motto. Die Rollstuhl-Flotte der Bahnhofsmission steht etwa unter dem Motto "Der Bahnhof gehört der Barmherzigkeit". Das 50-Cent-Eintritt-Klo mit einer Stahlpforte, hinter der man eher Stammheimer Häftlinge denn Urinale vermuten möchte, schmückt das schlichte Motto, "Der Bahnhof gehört dem Bedürfnis".

Doch die Installation mit Modell und Fotos erschöpft sich weder in frivolen Späßen noch im Tüfteltalent des Künstlers. Dahinter steht vielmehr die politische Frage, wer, wie den öffentlichen Raum in Beschlag nehmen darf, und wen man hier nicht haben will. Der Bahnhof als transistorischer Ort eignet sich vorzüglich für diese Debatte. Hier kreuzen sich die Wege unterschiedlicher sozialer Schichten, Altersgruppen, Ethnien, die Wege Eingeborener mit denen von Reisenden. Der Künstler beschreibt den Bahnhof als einen wichtigen zentralen Ort, an dem fortlaufend soziale und politische Prozesse ablaufen, ein Ort, der Gesellschaft spiegelt.

Angeregt wurde er dazu nicht durch das Projekt Stuttgart 21. Die Frage "Wem gehört der Bahnhof?" leitete er vielmehr von der Debatte über das Hamburger Gängeviertel ab. Ein versteckter Hinweis in Form eines winzigen Plakats findet sich im Modell. Um das historische Gängeviertel, das entmietet war und verkam, hatte sich ein Streit entfacht. Eine Initiative, die für den Erhalt und eine neue Nutzung eintrat, gründete sich, Häuser wurden besetzt, das mittlerweile berühmte Manifest "Not In Our Name, Marke Hamburg" ausgerufen. Die Initiative erwirkte, dass der Verkauf an einen Investor rückabgewickelt wurde, um "eine Projektkonzeption mit breiterem öffentlichen Konsens" zu ermöglichen.

Peter Schmidts Ausstellung im Kulturhaus Schwanen ist bis 11. Februar zu sehen.

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