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Diabetes im Kindesalter An den Schulen entstehen Betreuungslücken

Von Barbara Czimmer-Gauss 

In Familien mit Diabetes gehören  Insulinrechner und Pen zum Alltag Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
In Familien mit Diabetes gehören Insulinrechner und Pen zum AlltagFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Immer häufiger leiden Kinder an Allergien und Unverträglichkeiten. Die Zahl der Diabetiker im Kindes- und Jugendalter steigt rapide. Insbesondere an Ganztagsschulen stellt der Umgang mit chronisch Kranken die Lehrer vor Probleme.

Stuttgart - Jan ist elf Jahre alt, ein aufgeweckter Junge und hat einen stabilen Freundeskreis. Eines aber war anders, als er mit seinen Kindergartenkumpels eingeschult wurde: Jan konnte nur in Begleitung einer Integrationshilfe zur Schule gehen. Er hat Typ-1-Diabetes und braucht Insulin.

Bei Jan und seinem Bruder Nils (9) trat die chronische Erkrankung vor sieben Jahren zeitgleich zutage. Sie äußerte sich durch starken Durst, Müdigkeit und Gewichtsverlust. Landesweit nimmt die Zahl der Erkrankten um 3,9 Prozent zu, nach Erhebung des Stuttgarter Klinikum besonders häufig bei Kinder zwischen fünf und neun Jahren. Allein am Stuttgarter Olgäle gibt es jährlich 50 neue Typ-1-Diabetiker unter 18 Jahren.

Weil der Körper der Betroffenen kein Insulin produziert, wird das fehlende Hormon künstlich zugeführt. Die Menge ist abhängig davon, wie viele Kohlehydratanteile das Essen enthält und muss ausgerechnet werden. „Die Integrationskraft hat bei Nils und Jan kontrolliert, ob sie den Blutzuckerspiegel richtig gemessen und ob sie die richtige Insulinmenge ausgerechnet haben“, erzählt Petra Beißwenger, die Mutter der beiden. Sie ist Biologin und wollte ursprünglich wieder in ihren Beruf einsteigen, als beide Jungs schulpflichtig waren. „Unter diesen Umständen ließ ich die Kinder zum Mittagessen aber lieber heimkommen.“

Petra Beißwenger ist Vorsitzende der Stuttgarter Diabetes-Initiative. „Unser Ziel ist, dass an den Schulen alles so gut geklärt ist, dass die Kinder unbegleitet in die Schule können.“ Genau dort aber herrscht große Verunsicherung über den praktischen und juristischen Umgang mit chronisch Kranken, wie die Diskussion jüngst im Schulbeirat gezeigt hat.

Die Probleme fangen bei der Suche nach einer Integrationskraft an: „Es gibt immer wieder Streit, wer finanziell zuständig ist“, sagt Schulbürgermeisterin Susanne Eisenmann. Je nach Einzelfall sind Jugend- oder Sozialhilfe gefragt. Ohne Integrationskraft aber lastet die Verantwortung auf den Lehrern. „Viele verweigern sie inzwischen“, sagt Petra Beißwenger, und erwähnt ein Kind, das deshalb nie auf Ausflüge mitdürfe und stattdessen in der Parallelklasse sitze.

Zu Zwischenfällen kann es kommen, selbst wenn die Kinder das Insulin-Management in der Kinderklinik ausreichend geübt haben. In zwei Fällen fielen Kinder vom Stuhl, weil sie zwar ihr Insulin genommen, aber anschließend das Vespern vergessen hatten. Insbesondere beim Schwimmen und Sport könne der Insulinspiegel rasch sinken.

Susanne Eisenmann hat Verständnis für die Lehrer: „Die Anforderungen an Lehrer werden immer komplexer.“ Andererseits seien die Eltern „in Sorge, wie die Betreuung im Ganztag funktionieren soll bei so vielen involvierten Personen“, sagt Petra Beißwenger, „es muss jemand geben, der sich kümmert.“

Bis jetzt „bewegen wir uns in einer Grauzone“, sagt Renate Schlüter, die Geschäftsführende Leiterin der Grund- und Hauptschulen. Für eine professionelle Lösung plädieren auch Sabine Wassmer, die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats, und der Geschäftsführende Leiter der Sonderschulen: „Die Betreuung von Kindern mit chronischen Krankheiten, Allergien oder Unverträglichkeiten darf nicht von Zufällen abhängen“, sagt Michael Hirn.

In skandinavischen Ländern und in Frankreich sind Schulkrankenschwestern fast die Regel. In Stuttgart geht die Waldorfschule mit diesem Beispiel voran. Seit zwölf Jahren ist dort die festangestellte Kinderkrankenschwester Anke Karl zuständig für Hygiene und die Gesundheitsversorgung der Kinder. Sie gibt mal Kopfschmerztabletten aus, kümmert sich um die Kinder, wenn sie einen kleinen Unfall hatten oder macht Wärmflaschen bei Bauchweh. „Im Fall von chronisch Kranken kann ich mich für den speziellen Fall am Olgahospital schulen lassen. Dafür braucht man Fachkräfte. Das kann ein Lehrer nicht leisten, der die Verantwortung für die ganze Klasse hat“, sagt sie.

Olgahospital und Gesundheitsamt informieren künftig Eltern, Lehrer und Erzieher mit Flyern über Diabetes, insbesondere bei der Schuleingangsprüfung. Für Susanne Eisenmann steht fest: „Wenn wir an der Integration diabeteskranker Kindern scheitern, sind wir ganz weit weg von Inklusion.“

Info

Haftungsansprüche

In Schulen regelt eine Verwaltungsvorschrift die Abgabe von Medikamenten bei chronischen Krankheiten. Eltern können die orale Medikamentenabgabe oder die Überwachung der Einnahme delegieren. Die Verabreichung von Ohren- oder Augentropfen kann von Lehrkräften nicht gegen deren Willen verlangt werden, Spritzen dürfen nicht gesetzt werden. Blut bei Diabetikern abzunehmen oder die Insulinpumpe zu bedienen, kann keinem Lehrer zugemutet werden. Allerdings darf die Pumpe nach entsprechender Fortbildung bedient werden. Lehrer sind in solchen Fällen von der Haftung gegenüber einem Geschädigten, dessen Schmerzensgeldforderungen und von Haftungsansprüchen gegen das Land freigestellt.

Städtische Kitas schließen mit Eltern eine schriftliche Vereinbarung. Mitarbeiterinnen sind von der Haftung freistellt. Für Injektionen wie bei Diabetes müssen die Erzieherinnen medizinisch geschult sein.

 

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