Deutschland Tegernsee: Ganz schön helle...

Andreas Steidel aus Gmund, 17.02.2013 05:00 Uhr

Gmund - Eine der häufigsten Fehlannahmen ist, dass die Bayern am liebsten Weizenbier trinken. Das mögen sie zwar gern, doch der Renner unter den bayerischen Biersorten ist und bleibt das Helle: Ein süffiges, wenig gehopftes untergäriges Gebräu, das der Bayer wie ein Grundnahrungsmittel zu sich nimmt. Vielleicht leistet sich das Herzogliche Brauhaus am Tegernsee deshalb den Luxus, in seiner Produktpalette ganz auf Weizenbier - oder Weißbier, wie man hier sagt - zu verzichten. Viel lieber setzt man auf Hausgemachtes und mischt damit den Markt auf: Die Marke Tegernseer Hell ist binnen weniger Jahre zum Kultbier avanciert, wird in Münchner Szenekneipen serviert und als Partyvariante in der 0,3-Liter-Flasche angeboten. Was in Baden-Württemberg das Tannenzäpfle von Rothaus, ist in Oberbayern das Helle mit dem weiß-blauen Wappen.

Im Herzoglichen Braustüberl am Tegernsee kann man den goldblonden Gerstensaft am Ort seiner Entstehung probieren, die dicke regionale statt der dünnen Euro-Flasche bestellen und sich dazu ein Bierbratl mit Kartoffelsalat kommen lassen. Am besten ohne Auto, vor allem wenn zur Bockbierzeit im Februar zum Hellen das besonders alkoholhaltige Quirinus auf einen der unzähligen Holztische gewuchtet wird. Auf die Bockbiersaison freut man sich auch in der Naturkäserei Tegernseer Land. Dann ist es Zeit für den Quirinus-Käse, der mit dem gleichnamigen Bockbier geschmiert wird und zu den Spezialitäten des Hauses gehört - nur erhältlich in der Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Die Naturkäserei ist das Resultat eines 2007 gestarteten Versuchs, einheimische Produkte auch wieder auf dem einheimischen Markt abzusetzen. 20 Landwirte haben sich zusammengetan, um ihre Milchprodukte direkt an die Menschen aus der Region und die Urlauber zu verkaufen. Die wissen einen frischen Heumilch-Bergkäse, Naturjoghurt und Quark ebenso zu schätzen wie die Möglichkeit, in der Käserei auch gleich einkehren zu können. Regionale Produkte sind gefragt, insbesondere im Urlaub, und regional ist am Tegernsee nun einmal auch das Bier.

Vom Verzehr des Bierpapiers wird abgeraten

Im Parkhotel Egerner Höfe in Rottach-Egern lassen sie sogar ihre eigene Hausmarke brauen und verfeinern die Gerichte ihrer Sterne-Gastronomie damit. Damit ist man am Tegernsee noch keineswegs am Ende der Bierpalette angelangt. Nur ein paar Hundert Meter von den Egerner Höfen entfernt hat die Confiserie Hagn Quartier bezogen. In einer alten Fischerhütte direkt am Wasser werden süße Köstlichkeiten gereicht, darunter auch eine Bierpraline aus einem König-Ludwig-Dunkelbierbrand. Das weißblau verzierte Schokoladenstück ist geschmacksmusterrechtlich geschützt und eine Erfindung des hauseigenen Chocolatiers. Ziemlich einmalig ist auch der Bierlikör, den sich die Edelbranddestillerie Liedschreiber ausgedacht hat. In dem traditionellen Bergbauernhof hoch über der Gemeinde Gmund stellen sie nicht weniger als 26 Brände und Liköre her. Die Hausherrin war eines Tages auf die Idee gekommen, mit Tegernseer Dunkelbier zu experimentieren. Sie hat es mit reinem Alkohol versetzt und mit einer Zuckerlösung verfeinert. Bis jenes süße, leicht karamellartige Destillat herauskam, das sie nun in schlanken Flaschen ihrer Kundschaft anbietet. Wer in Gmund am nördlichen Tegernsee den Berg hinabradelt, kommt irgendwann an einer alten Papierfabrik vorbei. Dort wird bis heute hochwertiges Büttenpapier für die ganze Welt hergestellt. Auch in Gmund haben sie sich der Faszination des Bieres nicht entziehen können und tatsächlich ein Bierpapier in den Farbnoten Weizen, Lager, Pils, Ale und Bock auf den Markt gebracht.

Von einem Verzehr wird allerdings dringend abgeraten, obwohl es tatsächlich mit Spuren von echtem Biertreber angesetzt wurde. Am Ende bleibt man zumeist doch wieder im Herzoglichen Braustüberl in Tegernsee-Ort hängen. Einmal um den See herum macht ganz schön durstig und hungrig. Und mit allen, die nicht ganz aufs bayerische Weizenbier verzichten wollen, hat der Wirt dann doch ein Erbarmen: Es gibt auf Wunsch eine Schneider Weisse aus Kelheim. Ein Bayern-Urlaub ganz ohne Weißbier wäre doch irgendwie nicht ganz vollständig - bei aller Liebe zum Hellen.

 
 
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