Deutschland Rostock: Darwins Zeugen

Ekkehart Eichler aus Rostock, 19.12.2012 05:00 Uhr

Rostock - Es ist garantiert kein Zufall, dass Esmeralda und Isabela am Anfang stehen. Oder besser gesagt faul in der Sonne liegen. Zum einen hat ihre Art seit Jahrmillionen auf der Erde überlebt. Und: Es waren ihre Vorfahren, die Charles Darwin 1835 auf den Galapagosinseln wichtige Anstöße für seine Evolutionstheorie gaben - zum Beispiel, dass sich die Riesenschildkröten auf den isolierten Inseln unterschiedlich entwickelt hatten. Nun begrüßen eine Handvoll gepanzerte Mädels im Rostocker Zoo ganz zünftig all jene, die sich auf die Spuren des großen Forschers begeben.

Willkommen im Darwineum, der nagelneuen Naturerlebnis- und Wissenswelt, die erstaunliche Einblicke in 500 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte vermittelt. So widmet sich die Ausstellung in acht Kojen erdgeschichtlichen Schwerpunkten. Sie erklärt, wie aus winzigen Einzellern die bunte Vielfalt von heute entstand. Und sie erläutert Darwins Theorie vom Überleben derjenigen Spezies, die sich am besten an die Umgebung angepasst haben. All das wird anhand von Tieren präsentiert, die in die jeweilige Evolutionsetappe passen - allein die Auswahl dieser letztendlich 40 Arten hat wesentlich mehr Zeit verschlungen als die 15 Monate Bauzeit für das 28-Millionen-Projekt im Barnstorfer Wald. So geht es in der Koje „Ozean der Wundertiere“ um die Zeit vor 500 Millionen Jahren.

Als Urahn der Landwirbeltiere gilt der Quastenflosser

Damals explodierte die Zahl der Arten und brachte Wesen wie den Pfeilschwanzkrebs hervor, der irgendwann ausstarb und nur als Fossil erhalten blieb. Bessere Überlebenstechniken entwickelten offenbar die Quallen, die seither unbeirrt durch die Weltmeere schweben und mangels Nahrung schon mal Teile ihres eigenen Körpers verdauen können. Als Beispiel für diese höchst empfind­lichen, evolutionsgeschichtlich aber extrem robusten Geschöpfe tanzen im Darwineum zauberhafte Wurzelmundquallen grazil in einem eigens für sie konstruierten Strömungskreisel. Zwei Kojen weiter geht es um die „Eroberung des Landes“. Als Urahn der Landwirbeltiere gilt der Quastenflosser; ihn gibt es hier als Modell. Echt ist dagegen der amphibische Schlammspringer, der seine Brustflossen zum Hüpfen benutzt und Sauerstoff über sackartige Kiemenkammern aufnimmt. Zu Zeiten der Dinosaurier tummelten sich bereits die Vorfahren von Nashorn-Leguanen und Tejus unter der Sonne; beide Arten gibt es in Koje sechs zu bestaunen. Und in Koje acht - inzwischen bei den Säugetieren angelangt ¬ tollen putzmuntere Antilopenziesel herum.

Ein anpassungsfähiger Kleinsäuger wie auch die benachbarten Schnabeligel, deren Männchen beim dreistündigen Geschlechtsakt ein Viertel ihres Gewichts verlieren. Wer das durchsteht, muss gute Karten haben. Dioramen, Wandbilder, Modelle, Fühl­boxen und interaktive Bildschirme ergänzen die optische Aufarbeitung der jeweiligen Epoche. Und für kleine Evolutionsforscher gibt es in jeder Koje zudem spannende Auf­gaben und Rätsel zu lösen.

Wer sich die Mühe macht, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen

Eine der fesselndsten Kojen läuft leicht Gefahr, links liegen gelassen zu werden. Denn ihre Bewohner zeigen sich nur bei genauerer Betrachtung. Wer sich die Mühe macht, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen - in „Ko-Evolution“ demonstrieren Blattschneiderameisen ihre umwerfende Lebens- und Überlebensstrategie. In fein abgestimmter Fließbandarbeit nämlich produzieren sie aus Blättern einen Pilz als Nahrungsgrundlage für ihre Kolonie. Dafür sind insgesamt 29 verschiedene Schritte nötig, für die jeweils eine spezielle Ameisen-Kaste zuständig ist. So gibt es Spezialisten für das Zurechtschneiden der Blätter. Transporteure, die mit den Blättern einen langen Parcours über zwei gebogene Äste zurücklegen müssen. Erntearbeiter schließlich, die unterirdisch den Pilz in regelrechten Gärten züchten. Ein faszinierender Prozess, dem man stundenlang zuschauen könnte. Ebenso frappierend ist eines der seltsamsten Wesen auf diesem Planeten: der Axolotl.

Ein mexikanischer Schwanzlurch, dessen aztekischer Name in etwa Wassermonstrum bedeutet. Das Sensationelle an dem Tierchen: Axolotl verfügen über die Fähigkeit, Gliedmaßen, Organe und selbst Teile des Gehirns und des Herzens komplett und voll funktionsfähig wiederherzustellen. Das macht den kleinen Lurch - im Darwineum als Albino-Version zu bewundern - zu einem hoch spannenden Forschungsobjekt für Biologen und Mediziner. Der Höhepunkt des Darwineums wartet in der riesigen Tropenhalle. Wenn man so will, eine neunte Koje mit Menschenaffen in einem naturnahen und artgerechten Umfeld. Je zwei Gorilla- und Orang-Utan-Familien mit vier Männchen und acht Weibchen sind inzwischen hier heimisch und dürfen sich gerne auch nach Leibeskräften vermehren - die Pille für die Damen ist jedenfalls schon abgesetzt. Hier drängt sich der Vergleich Mensch/ Menschenaffe geradezu auf. Und manchmal steht man sich sogar unverhofft und fast hautnah gegenüber - getrennt nur durch ein paar Zentimeter Scheibe.

Ein seltsames Gefühl, wenn einmal nicht nur der Mensch den Affen beobachtet, sondern auch dieser den anderen intensiv mustert. Und dem Besucher nachdrücklich bewusst macht, dass der Starke von einst der Schwache von heute ist. Weil seine Lebensräume zerstört wurden und er den Schutz des Menschen zum Überleben braucht. Auch für Einsichten wie diese ist das Darwineum ein bestens geeigneter Platz.

 
 
Kommentare (1)
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DEZ
19
Martin, 19:37 Uhr

Der Autor war wohl nicht im Darwineum

Moin und oh Backe, Der Autor des Artikels war wohl nicht im Darwinuem und hat die Fakten nicht geprüft. - die Evolutionsgeschichte im Darwineum beginnt beim Urknall, also vor rund 13,7 Milliarden Jahren, nicht vor 500 Millionen Jahren - Pfeilschwanzkrebse sind nicht ausgestorben, sondern noch vielerorts vorhanden, unter andem quicklebendig im Darwineum in dem Aquarium neben den Quallen - dass Quastenflosser und Schlammspringer erst drei nicht zwei Kojen später kommen, kann bei der Vielfalt der Eindrücke schon mal passieren - beim Axolotl wird es dann wieder abenteuerlich, erstens ist es kein Albino, sondern 'lediglich' eine fast weiße Farbvariante, darüber hinaus wohnt es auch nicht bei den Blattschneideameisen, sondern auf der ganz anderen Seite des Darwineums, jenseits der Tropenhalle Handwerklich zwar schade, aber trotzdem eine schön geschriebene Werbung für Rostock.

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