Anzeige

Deutschland Kreuz und quer

Von Wolfgang Albers aus Magdeburg 

Ein Transportschiff fährt über das Wasserstraßenkreuz. Foto: dpa
Ein Transportschiff fährt über das Wasserstraßenkreuz. Foto: dpa

Die Magdeburger sind stolz auf ihr Wasserstraßenkreuz. Der rund 500 Millionen Euro teure Bau an der Elbe lockt auch viele Touristen an.

Magdeburg - Mit den Witzen ist das so eine Sache - nicht jeder goutiert sie. Hat Willi Willmann erfahren müssen. Der Stadtführer aus Magdeburg informiert seine Gäste auch am Mittellandkanal, und dort gibt es einen Abschnitt, der so eng ist, dass ein Schiff warten muss, wenn sich zwei begegnen. Und welches hat nun Vorfahrt? Das in Richtung Westen. „Wegen der Sehnsucht der Ex-DDRler, in den Westen zu kommen“, witzelt Willi Willmann dann immer.

Aber einmal antwortete eine Gruppe nicht mit Gelächter, sondern mit wütendem Protest: „Nicht alle, nicht alle!“ Es waren alte Stasi-Kameraden auf Ausflug. Es ist ein Ziel, das der Stolz der Magdeburger und ein attraktiver Besichtigungspunkt geworden ist: das Wasserstraßenkreuz Magdeburg. Bürokratisch „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 17“ genannt, und ein gut 500 Millionen Euro teurer Bau. Hier, im Norden von Magdeburg, endete der Mittellandkanal. Schiffe, die Richtung Berlin auf den Elbe-Havel-Kanal wollten, mussten einen 15 Kilometer langen Umweg über den Magdeburger Hafen und die Elbe machen.

Das Problem war oft die Elbe: Wenn sie wenig Wasser hat, geht für Schiffe mit großem Tiefgang nichts mehr. Die mussten im Hafen auf einen höheren Wasserstand warten oder einen Teil der Ladung auf ein zweites Schiff umladen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es daher Planungen, die beiden Kanäle zu verbinden. 1942 wurde der Bau wegen des Krieges eingestellt, und für die DDR hatten Ost-West-Verbindungen keine Priorität. Nach der Wende legten die Bautrupps aber eine aufwendige Direktverbindung hin. Der verlängerte Mittellandkanal kreuzt die Elbe - auf einer Kanalbrücke. 918 Meter ist sie lang und somit die längste in Europa. Eine stählerne Riesenwanne, in der 133 000 Tonnen Wasser auf die Brücke drücken. „Ein Gewicht, das den 1,6 Millionen Einwohnern von Hamburg entspricht“, sagt Willmann.

„Den trinkt man lieber selbst“

Da sollte nichts kaputtgehen, zum Beispiel im Winter durch Eis, das die Trogwände auseinanderdrücken könnte. Zu diesem Punkt lässt Willmann seine Gäste gerne raten: „Wie macht man das?“ Salz, schlagen manche vor. Aber das ließe die Brücke rosten. Heizen? Zu teuer. Alkohol kommt auch immer als Tipp. „Den trinkt man lieber selbst“, sagt der Experte dann. Nein, das Ganze wird mit einströmender Luft gemacht, die verhindert, dass sich eine feste Eisdecke bildet. Und was ist mit dem Umweg? Den hatten die Schiffe unter anderem über das Schiffshebewerk Rothensee nehmen müssen. 1938 schon wurde es eingeweiht, ein technisches Schmuckstück, das auch extrem effizient arbeitet: Die Pumpkosten für ein Heben oder Senken betragen lediglich fünf Euro. Trotzdem musste das nicht mehr gebrauchte Werk, neben dem eine neue Schleuse gebaut worden war, auf Anordnung des Bundesrechnungshofes im Jahr 2006 seinen Betrieb einstellen.

Aber da zeigten die Magdeburger, wie viel Protestpotenzial noch von der Wende übrig geblieben war. 70 000 Unterschriften sammelten sie, natürlich war auch die von Willi Willmann dabei. „Mit Bürgerprotest haben wir das Schiffshebewerk in Betrieb gehalten“, sagt er stolz. Seit 2013 nützen nun von Frühjahr bis Herbst Sportboote und die Schiffe der Weißen Flotte das Werk, das die Stadt Magdeburg für einen Euro gepachtet hat. Alles, das ist das Schöne für Besucher, lässt sich anschauen. Ein Aussichtsturm ermöglicht einen Blick über das Wasserstraßenkreuz, und die Schiffsbrücke hat breite Seitenstraßen, über die Radfahrer flitzen. Deutlich ruhiger ist der Verkehr auf dem Wasser.

Die Zahl der Schiffe erreicht nur zehn Prozent der Prognosen vor dem Bau. „Die Zahlen der Planer sind auf peinliche Weise veraltet“, gibt sogar die offizielle Tourismusseite der Stadt zu. Noch ein Grund für i Willmann zu opponieren: „Die Vorteile der Binnenschifffahrt müssten mehr diskutiert werden. Wir reden immer von der Umwelt, aber hier muss man den Autobahn-Lobbyismus überwinden.“

  Alle Reisereportagen sind in Sonntag Aktuell erschienen

Lesen Sie jetzt