Deutschland Kaffeeklatsch mit Dröppelmina

Martin Cyris aus Bergisch Gladbach, 05.12.2012 05:00 Uhr
In der Region zwischen Leverkusen und Gummersbach kann man wandern und genießen - nicht nur die Bergische Kaffeetafel.

Bergisch Gladbach - „Sehr geehrte Fluggäste, wir überfliegen gerade das schöne Oberbergische Land. Unter uns liegt die Gemeinde Reichshof mit dem Restaurant Ballebäuschen. Dort kann man hervorragend essen. Überhaupt kann ich die Küche im Bergischen Land nur empfehlen.“ Der genussfreudige Flugkapitän wurde offenbar von Jugenderinnerungen übermannt. An das Bergische Land mit seiner gemüt­lichen Hügellandschaft. An die ausgedehnten Wälder und die saftigen Weiden mit den vielen gescheckten Kühen. Und nicht zuletzt an die idyllischen Wasserlandschaften - dank des TV-Spots einer bekannten Biermarke („ . . . eine Perle der Natur“) haben sie nationale Berühmtheit erlangt. Aber am meisten dachte der Pilot vermutlich an typisch bergische Gerichte wie Rheinischen Sauerbraten, an Schnippelbohnen und Reibekuchen.

Der Pilot ließ die Passagiere an seiner kuli­narischen Schwelgerei teilhaben. Einer darunter, Stammgast im Ballebäuschen, berichtete kurz darauf dem Wirt des Lokals von der ungewöhnlichen Pilotenansage. Günter Allmann schmunzelt zufrieden ob dieser Anekdote. Zeigt sie doch, dass sein Weg der richtige war. „Als wir Ende der Achtziger eröffneten, war das Oberbergische eine kulinarische Diaspora“, erinnert sich Allmann. Zehnerlei Schnitzelvariationen mit Fertigsoßen und Pommes, damit gaben sich die meisten Wirte und Gäste zufrieden. Doch Allmann und andere Wirte tasteten sich an eine modernere, zeitgemäße Küche heran. Was nicht immer einfach war. „Die Menschen im Bergischen Land sind zwar sehr gesellig, im ersten Moment jedoch eher misstrauisch und zurückhaltend“, sagt Günter Allmann, „aber wenn das Eis erst einmal gebrochen ist, dann sind sie sehr treu und hilfsbereit.“ Die Gäste verlangen inzwischen etwa nach schlichten Reibekuchen, wie sie Großmutter einst machte. Firmen der Umgebung - etwa aus Solingen, Remscheid oder Wuppertal - veranstalten in der Vorweihnachtszeit gerne Wanderungen durch die ruhige Landschaft.

Nils Henkel hat hier das Pure-Nature-Konzept entwickelt

Um anschließend in einem der vielen Landgasthäuser einzukehren. Es geht durch romantische Bachtäler, idyllische Wälder oder über luftige Höhenwege. Gemeinsam mit dem Wandern lebt auch die Bergische Kaffeetafel wieder auf, eine Mischung aus Kaffeekränzchen und deftiger Brotzeit. Nicht fehlen dürfen Waffeln mit heißen Kirschen, Honig, Schwarzbrot, Apfelkraut, Leberwurst, Kochschinken und Käse. Und natürlich die Dröppelmina, die bauchige Kaffeekanne. Zu ihrem Namen kam sie, weil zu Urgroßvaters Zeiten die Kanne mangels Filter verstopfte und der Kaffee nur tröpfchenweise herauswollte. 2006, während der Fußball-WM in Deutschland, kam die Dröppelmina zu höchsten Weihen: Seinerzeit bezog die brasilianische Nationalmannschaft um Superstar Ronaldinho ihr Quartier im Schlosshotel Lerbach in Bergisch Gladbach. Teambildende Maßnahme: ein Mannschaftspicknick im Bergischen Land samt Boller­wagen und Dröppelmina. Entlang der Zufahrt zum ansonsten sehr gepflegten Grundstück empfängt einen übrigens nicht etwa englischer Rasen, sondern Brennnesseln, Giersch und Löwenzahn. Die dürfen hier nach Herzenslust wuchern - als Lebensmittel. Was vielerorts als Unkraut verpönt ist, landet in Schloss Lerbach auch mal in Töpfen und auf Tellern. Zwei-Sterne-Koch Nils Henkel hat hier das Pure-Nature-Konzept („Natur pur“) entwickelt. Er spielt vir­tuos mit Wildkräutern und Gemüse. Seine Gourmetmenüs für Vegetarier sind in der Sterneküche, wo Fisch und Fleisch wie ehedem die erste Geige spielen, jedoch keine Selbstverständlichkeit. Allerdings überzeugen sie auch nicht jeden: Schon im vergangenen Jahr verlor er einen Michelin-Stern.

Diese Wertung wurde nun bestätigt. Dennoch sagt Nils Henkel: „Wir müssen davon wegkommen, jeden Tag Fleisch zu essen. Sonst fliegt uns irgendwann der Planet um die Ohren.“ Wegen der landfressenden Massentierhaltung. Für Vegetarier sind Henkels Gemüsemenüs jedenfalls der Gipfel - an Genüssen. Die Kulinarik ist im Bergischen Land ein wichtiger Faktor im Ringen um Touristen. Zählt es doch tendenziell zu jenen deutschen Freizeitregionen, die eher links liegen gelassen werden. Den Weg zum Gardasee oder nach Lloret de Mar finden die Massen leichter als nach Wermelskirchen oder Wipperfürth. Gourmets wissen freilich längst, wo das Bergische Land liegt. Denn nur wenige Kilo­meter vom Schlosshotel Lerbach entfernt befindet sich Schloss Bensberg. Dort verzaubert Joachim Wissler die Gaumen. Seine Kochkünste waren den Michelin-Testern abermals drei Sterne wert.

Selbst spitze Kritikerfedern aus dem Ausland singen Lobeshymnen auf den Erfindungsreichtum des gebürtigen Nürtingers. Aal mit Himbeerstreuseln und Rosenkohl - das ist doch mal was anderes. Das Bergische Land mit seiner inoffiziellen Hauptstadt Wuppertal ist Teil des Rheinischen Schiefergebirges. Und doch heißt es nicht wegen seiner Berge so. Sonst würde es ja Bergiges Land heißen. Namensgeber war ein altes Grafengeschlecht namens Berg. Ob bergig oder bergisch, eines erklimmt der Besucher im Bergischen Land in jedem Fall: den Gipfel der Gaumenfreuden.

 
 
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