Deutschland Genossen am Wasser

Dolores Kummer aus Waren, 07.02.2013 05:00 Uhr
Eine Ferienwohnung in einem Wasserturm, mit Seeblick und Weinkeller - so macht Urlaub Spaß. Das fanden auch einige Freunde aus Berlin.

Waren - Eigentlich sollte es nur eine Datsche werden. „Wir wollten für unseren Freundeskreis ein schönes Plätzchen im Grünen, fuhren deshalb zu fünft oder sechst über Land“, berichtet Christian Thommes. Als eines Morgens seine Partnerin eine Immobilien-Anzeige mit dem Wasserturm an der Mecklenburgischen Seenplatte sah, war der junge Architekt sofort wie elektrisiert. Hoch auf dem Nesselberg in Waren an der Müritz stand der runde, denkmalgeschützte Turm, keine 400 Meter vom größten deutschen Binnensee entfernt und direkt am Eingang zum Müritz-Nationalpark. „In den ersten beiden Stockwerken befand sich bereits eine Wohnung“, erzählt Christian Thommes. Allerdings hatte keiner seiner Freunde allein so viel Geld, um den Turm zu kaufen, geschweige denn das außergewöhnliche Objekt zu sanieren. Aber was einem nicht gelingt, dass klappt oft gemeinsam. Nachdem die Stadt Waren sich zwischen fünf Mitbewerbern für das Konzept der Berliner entschieden hatte, gründeten die Freunde 2009 eine Genossenschaft, die sie kurz „Bewahren Ferienhaus eG“ nannten.

Jörg Leerahn aus Waren macht die Turmbetreuung vor Ort und zeigt voller Stolz die vier entstandenen Ferienwohnungen. Über eine Außentreppe steigt man bis in den vierten Stock. Hier gibt es einen Rundumbalkon mit einem fantastischen Blick auf die Müritz und auch auf die Feisneck, einen kleinen See, um den Christian Thommes morgens gern joggt. Aber nicht nur Mitglieder können hier Ferien machen, zwei Drittel sind inzwischen Nichtgenossen. Sie kommen aus Berlin, Hamburg oder sogar aus Bayern. Die Wohnungen Pankow, Güstrow, Hagenow oder Kargow sind alle individuell gestaltet. Platz ist für zwei bis sechs Personen. Man kann aber auch den ganzen Turm mieten, mit bis zu 14 Gästen. In jeder Wohnung gibt es eine moderne Küche, im vierten Stock ist sie besonders groß, so dass alle Turmbewohner an einem großen Tisch gemeinsam essen können. Die Wohnung im Erdgeschoss ist behindertengerecht. Bis 1963 versorgte dieser 1897 in Betrieb genommene Wasserturm die Stadt Waren mit dem richtigen Wasserdruck. „Noch Anfang der 90er Jahre wohnte hier der letzte Wassermeister“, berichtet Genosse Jörg Leerahn, „der hatte Wohnrecht auf Lebenszeit, danach verfiel das Ganze.“

Es gibt in jeder Wohnung WLAN, aber keinen Fernseher

Erst zehn Jahre später sanierte die Stadt Waren das baufällige Dach neu, den Rest übernahmen weitere sieben Jahre später die Genossen. Einfallsreich ist die Rundumheizung, die unten an den fast einen Meter dicken Turmwänden verläuft. Sie kann, ebenso wie die Fußbodenheizung im Bad, über Fernsteuerung schon in Berlin aktiviert werden. Es gibt in jeder Wohnung WLAN, aber keinen Fernseher. Genosse Jörg hat aber ein paar historische Radiokassettenrekorder spendiert, zum Beispiel seinen SK3 700, der 1985 einmal 700 Ostmark kostete. Für den ehemaligen Klempner war das damals ein ganzes Monatsgehalt, heute ist es schick und Vintage. Der kleine Weinkeller mit der Kasse des Vertrauens wurde aufgefüllt, und in den Regalen findet sich eine Reihe spannender Krimis. Jörg Leerahn bringt noch eine Schale rotbäckiger Äpfel aus dem eigenen Garten vorbei, ungespritzt versteht sich, und die duften ganz frisch. Irgendwann schlummert man dann ganz selig ein in den überdimensionalen Federkissen. Am Morgen strahlt die Sonne durch sechs Fenster, keiner kann einem ins Bett schauen, das ist toll. Frische Brötchen gibt es nur fünf Minuten die Straße hinunter beim Bäcker Lebzien, in fünfter Generation ein Familienbetrieb, seit 1887 in Waren an der Müritz.

Ist der See zugefroren, geht es raus zum Schlittschuhlaufen oder auf die Skier. Besser ist nur die Warener Sole. Gleich neben dem Wasserturm liegt das nagelneue Kurzentrum, denn Waren darf sich auch Soleheilbad nennen. In gut 1500 Meter Tiefe, unterhalb der Müritz, befindet sich ein jodhaltiges Thermalvorkommen. Diese Sole ist ein natürlicher Jungbrunnen, gut für die Haut, für die Atemwege, hilft bei Gefäßerkrankungen und Durchblutungsstörungen. Man kann ein Rezept von zu Hause mitbringen oder eine Anwendung als Selbstzahler kaufen. Nach der Kurbehandlung empfiehlt sich ein Mittagsschläfchen im Turm. Dann eine historische Stadtführung mit Besuch des Müritzeums, ein naturhistorisches Museum der Superlative. Unweit davon gibt es leckere Torten im Traditionscafé Müritz. Auch für ein romantisches Abenddinner findet man in Waren eine gute Auswahl. Für Gourmets ist das Restaurant Kleines Meer Pflicht, jung und elegant geht’s in Victors Esszimmer oder im Moments zu, rustikal und gesellig dagegen im Lokal Klabautermann. Überall gibt es den frischen, leckeren Fang der Müritzfischer zu essen. Die Natur am großen See ist zu jeder Jahreszeit atemberaubend. Die Sonnenuntergänge an der Müritz sind legendär, auch die Seeadler trauen sich nun näher heran. Wer noch größere Tiere sehen will, kann ins nahe Wisentreservat nach Jabel oder in den Bärenwald am Plauer See fahren. Dort ist der größte Bärenpark Europas, eine Auffangstation zum Schutz von Bären, denen es andernorts mal nicht so gutging. Schützen und bewahren wollen die Genossen noch weitere schöne Bauwerke. Inzwischen ist die Genossenschaft, bei der man schon mit 5000 Euro Mitglied werden kann, auf 24 Mitglieder angewachsen. Weitere Feriendomizile in den Bergen und am Meer sind in Planung.

 
 
Kommentare (0)
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.