Deutschland Das Licht der Freiheit über der Ostsee

Von Ekkehart Eichler aus Boltenhagen 

Wenn Jugendliche mit Gummiboot ins Wasser gingen, wurde es hektisch. - Andreas Krechlok, Ehemaliger Grenzsoldat.  Foto: Eichler
"Wenn Jugendliche mit Gummiboot ins Wasser gingen, wurde es hektisch." - Andreas Krechlok, Ehemaliger Grenzsoldat. Foto: Eichler

Mehr als 5000 DDR-Bürger wagten einen Fluchtversuch über die Ostsee. Eine Spurensuche in den Ostseebädern Boltenhagen und Kühlungsborn.

Boltenhagen - Über der Ostsee leuchtete für uns das Licht der Freiheit! Den DDR-Flüchtlingen 1961-1989“. Der schlichte Gedenkstein schmückt die Seebrücke des Ostseebades Boltenhagen. Der einst westlichste Strand der DDR war als Badeparadies für Sommerurlauber sehr populär. Durch seine Nähe zur Bundesrepublik Deutschland - von Boltenhagen bis ins schleswig-holsteinische Dahme sind es 30 Kilometer Luftlinie - tummelten sich in Boltenhagen jedoch nicht nur Wasserratten und Sonnenanbeter, sondern auch Menschen, die vom Unrechtssystem DDR die Nase voll hatten und sich deshalb aufs Meer wagten, um in die Freiheit zu gelangen.

Es war ein überaus gefährliches Vorhaben. Die Flüchtlinge waren nicht nur den Tücken von Wellen und Wind ausgeliefert - sie mussten zudem das ausgeklügelte und ständig perfektionierte Grenzsicherungssystem überwinden, dessen zentrale Aufgabe auch im hohen Norden der DDR darin bestand, jeden Gedanken an Flucht bereits im Keim zu ersticken. Von abends 20 Uhr bis morgens 6 Uhr war der Strand für Besucher gesperrt und wurde streng bewacht. „Anders als an der Westgrenze oder der Berliner Mauer war dieses Sperr- und Kontrollsystem hier bei uns zwar weniger sichtbar, weniger effektiv war es deshalb aber keineswegs“, erzählt Volker Jakobs, der in und um Boltenhagen geführte Fahrradtouren zu diesem spezifischen Aspekt der DDR- Geschichte anbietet.

Flucht durch die „nasse Mauer“

Keine ganz leichte Aufgabe, denn nach 25 Jahren ist nicht viel geblieben vom einstigen Abschreckungsarsenal: das rostige Metallgerippe eines zugewucherten Beobachtungsturms an der Steilküste bei Redewisch, den man ohne Hilfe kaum finden würde; oder die gelochten Betonplatten des einstigen Kolonnenweges, der mit einem Metallzaun gesichert war - dahinter konnte man die Ostsee zwar verführerisch rauschen hören, sehen aber konnte man sie nicht. Und so lässt Hobbyhistoriker Jakobs an verschiedenen Stationen vor allem mit Hilfe von Fotografien, Karten und Erzählungen jene bleischwere Zeit wieder auferstehen, in der Volksmarine, Grenzbrigade Küste, Volkspolizei, Stasi, Spitzel, Denunzianten und freiwillige Grenzhelfer im unheilvollen Verbund alles dafür taten, um die Flucht durch die „nasse Mauer“ zu verhindern - meist mit Erfolg.

Wie viele Menschen genau die Flucht über die Ostsee gewagt haben, ist unbekannt. Schätzungen gehen von rund 5300 Fluchtversuchen zwischen 1961 und 1989 aus, nur etwa jeder zehnte erreichte Schleswig-Holstein, Dänemark oder eine der Skandinavien-Fähren. „Viele ertranken, immer wieder wurden Wasserleichen angeschwemmt“, erzählt Volker Jakobs, „doch nicht einmal die Angehörigen erfuhren davon.“ E ine Autostunde weiter östlich, in Mecklenburgs größtem Ostseebad Kühlungsborn, bekommen tragische, aber auch glückliche Flucht-Schicksale einen Namen und sogar ein Gesicht. Zum Beispiel das von Uwe Kahl, heute 71 und Bürgermeister im Ostseebad Nienhagen. Er floh am 24. September 1962 mit einem Kumpel in einem Paddelboot.

Die Männer richteten sich in der klaren Nacht einzig und allein nach den Sternen und erreichten nach acht Stunden das dänische Gedser. „Vom Paddeln und vom Salzwasser hatte ich nur noch nacktes Fleisch an den Händen, aber so viel Adrenalin im Blut, dass ich freiwillig niemals aufgegeben hätte“, sagt Kahl. Eine schier unfassbare Leistung vollbringt im Juli 1971 der Rostocker Arzt Peter Döbler. Nach zwei Jahren Konditionstraining und generalstabsmäßiger Planung steigt er mit Taucheranzug und selbst gebastelten Handflossen in die 18 Grad kalte Ostsee. Er schwimmt 25 Stunden lang gen Westen und legt dabei sagenhafte 48 Kilometer zurück. Dann, kurz vor Staberhuk auf der Insel Fehmarn, zieht ihn ein Skipper völlig entkräftet an Bord seiner Yacht. Bei Harry Ballbach aus Kühlungsborn geht die Flucht dagegen schief. Gestartet bei spiegelglatter See und schützendem dicken Nebel, schlägt das Wetter plötzlich um. Der Wind bläst kräftig, die Dünung rollt schwer.

„Wenn einer gar mit Faltboot anreiste, ging es gleich zum Verhör“

In den Wellentälern bekommt es sein Mitfahrer mit der Angst und hört auf zu paddeln. Allein hat Harry im leichten Faltboot keine Chance. Er gibt auf und kehrt um. Am Ufer warten sie schon auf ihn - er verschwindet erst in U-Haft und danach im Stasi-Knast, „wobei die Schläge beileibe nicht so schlimm waren wie der Nervenkrieg in Einzelhaft“. Glück im Unglück: 1973 wird Harry Ballbach offiziell freigekauft und darf ausreisen. Mit Geschichten und Begegnungen wie diesen macht das kleine Museum „Ostsee-Grenzturm“ in Kühlungsborn hinterm Strand nahe der Seebrücke Schlagzeilen. Auch und gerade jetzt im 25. Jahr des Mauerfalls. Das Interesse und die Resonanz sind enorm. Wie der Name verrät, ist ein alter Beobachtungsturm Kernstück und Magnet des Museums. Der Turm wurde 1972 erbaut, ist 15 Meter hoch und ermöglicht von seiner Rundumblick-Kanzel aus eine ausgezeichnete Sicht aufs Meer. Hier hinauf stiegen Grenzsoldaten wie Andreas Krechlok, der seinen Wehrdienst ab 1974 an der Küste ableistete.

Sechs lange Wochen auch in Kühlungsborn, exakt auf diesem Turm in bester Strandlage. „Schon wenn ein paar Jugendliche mit Gummiboot ins Wasser gingen, wurde es hektisch“, erinnert sich der spätere Hotelier. „Wenn einer gar mit Faltboot anreiste, ging es gleich zum Verhör.“ Dass er niemals einen Fluchtversuch habe unterbinden und von der Waffe Gebrauch machen müssen, empfinde er heute noch als großes Glück. „Auf einen Menschen hätte ich unter gar keinen Umständen geschossen - auch wenn das für mich Knast bedeutet hätte.“ Von ehemals 27 Türmen des Typs BT11 existieren heute gerade mal noch zwei, und auch diesen gäbe es nicht mehr ohne Knut Wiek. Der Kühlungsborner Bürgermeister rettete den Grenzturm gleich zweimal ziemlich pfiffig vor dem Abriss. „Als sie das erste Mal kamen, schickte ich Leute vom Bauamt los, um sich die Abrissgenehmigung zeigen zu lassen. Die hatten sie aber nicht. Beim nächsten Mal konnten wir den Turm über Nacht gerade noch einrüsten.“

Die Arbeiter zogen von dannen, der Turm steht bis heute - und ist ein beliebtes Ausflugsziel geworden. Dass in diesem Mahnmal zum Jubiläum des Mauerfalls nun auch erstmals Flüchtlinge und Ex-Grenzschützer gemeinsam über die Vergangenheit diskutierten, sieht Wiek mit großer Freude. Denn in 25 Jahren sei manche Wunde geheilt, könne vieles gelassener gesehen werden. „Das Entscheidende ist doch: Seit 25 Jahren ist die Ostsee wieder frei.“

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