Deutsche Opfer in Istanbul Anschlag trifft Türkei ins Herz

Von Susanne Güsten 

Eine Explosion zerreißt die Idylle der Istanbuler Altstadt: Ein Selbstmord­attentäter sprengt sich in die Luft – inmitten einer deutschen Reisegruppe. In unserer Bildergalerie kommen auch Türkei-Reisende vor ihrem Abflug in Stuttgart zu Wort.

Istanbul - Ein sonniger Januarmorgen in­ ­Istanbul. Der Südwestwind Lodos bläst warme Sturmwinde durch die Straßen der türkischen Millionen-Metropole. Die Touristen in der Altstadt freuen sich, sie haben gutes Wetter für ihren Besuch erwischt. Kurz nach zehn versammeln sich Deutsche, Norweger und Peruaner auf dem sogenannten Pferdeplatz vor der Blauen Moschee. Eine Reisegruppe wie viele. Der Pferdeplatz mit seinen zwei ­uralten Obelisken, das frühere Hippodrom von Konstantinopel, ist Ausgangspunkt vieler Besichtigungstouren durch die mit ihren sechs Minaretten berühmteste Istanbuler Moschee im Stadtviertel Sultanahmet.

Um diese Zeit ist noch nicht viel los auf dem Platz, der in unmittelbarer Nähe der Blauen Moschee liegt, nur ein paar Minuten von der Hagia Sophia und dem osmanischen Topkapi-Platz entfernt. Die kleine Gruppe hat sich gerade vor einem der Obelisken ­aufgestellt, um den Worten ihrer Fremdenführerin zuzuhören, als es knallt. Die ­Explosion erschüttert Istanbul, die Türkei – und die ganze Welt.

Der gewaltige Knall zerreißt die morgendliche Ruhe, ein orange Feuerball steigt inmitten der Gruppe auf, wie ein Augenzeuge später schildert. Körperteile werden mehrere Dutzend Meter weit in den Eingangs­be­reich eines Museums auf der anderen Seite des Platzes geschleudert. Die geschockte Museumsleitung schließt die Tür und lässt die Besucher durch einen Hinterausgang ins Freie. Ein deutscher Tourist, der die Explosion überlebt, sagt später der Polizei, er habe den Selbstmordattentäter gesehen.

Bombenspezialisten suchen die Gegend nach weiteren Sprengsätzen ab

Die Explosion wirft Menschen zu Boden, einige haben schwerste Verletzungen und werden von den kurz darauf eintreffenden Sanitätern für tot erklärt. Leyla Akcam, eine türkische Passantin, entkommt der „lebenden Bombe“, wie Selbstmordattentäter in der Türkei genannt werden, nur knapp. Kurz vor der Explosion geht sie an der Reisegruppe vorbei. „Drei Minuten haben mich gerettet, drei Minuten!“, schluchzt sie in die Mikrofone türkischer Reporter. „Ich hörte einen gewaltigen Lärm. Als ich mich umdrehte, war überall Rauch.“ Akcam rennt zurück zum Explosionsort, um zu helfen. Sie hört fürchterliche Schreie.

Wenig später werden Journalisten und Schaulustige von der Polizei vom Platz ­gedrängt. Bombenspezialisten suchen die Gegend nach weiteren Sprengsätzen ab. Der Verkehr auf einer Straßenbahnlinie wird unterbrochen. Fast auf den Tag genau zwei Monate nach der Terrorserie von Paris wird wieder eine europäische Metropole von Gewalt erschüttert. Von elf Toten (zehn Touristen und der Selbstmordattentäter) sowie 15 Verletzten ist die Rede. Mehrere schweben am Nachmittag noch in Lebensgefahr. Unter den Opfern sind acht Deutsche. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu ruft Bundeskanzlerin Angela Merkel an und drückt seine Anteilnahme aus.

Der Anschlag sollte nicht nur einen ­Lebensnerv der Türkei treffen. Die Täter wollten ein brutales Zeichen setzen: Wir können überall zuschlagen, selbst im Herzen der größten Stadt des Landes. Vor einem Jahr hatte sich am Rand des Platzes eine tschetschenische Frau in einer Polizeiwache in die Luft gesprengt. Der Anschlag wurde nie gründlich aufgeklärt.

Die Gewalt zielt auf Zivilisten

Diesmal zielt die Gewalt auf Zivilisten. In Ankara sagt Präsident Recep Tayyip Erdogan, der Attentäter von Istanbul sei Syrer gewesen. 28 Jahre alt, sekundiert Regierungssprecher Numan Kurtulmus. Medien berichten dagegen, der Attentäter sei Saudi gewesen. Doch auch in diesen Berichten ist von einem islamischen Extremisten die Rede.

Dass Erdogan und andere Regierungspolitiker eine zu diesem Zeitpunkt noch diskutierte Täterschaft der kurdischen Terrororganisation PKK, die sich in Südostanatolien schwere Gefechte mit Sicherheitskräften liefert, nicht einmal erwähnen, macht deutlich, dass die türkische Führung schon kurz nach dem Anschlag über handfeste Beweise zu verfügen glaubt. Für den Präsidenten und die meisten Türken steht fest: Der Islamische Staat (IS) greift jetzt in ihrem Land westliche Touristen an. „Es war ein ausländisches Mitglied des IS“, sagt Davutoglu.

Das ist eine neue Dimension. Im vergangenen Jahr hatten IS-Mitglieder an der syrischen Grenze und in der Hauptstadt Ankara bei Selbstmordanschlägen mehr als 130 Menschen getötet. Damals richteten sich die Gewalttaten gegen linke und kurdische Aktivisten, die vom IS als gottlos und gefährlich eingeschätzt wurden. Kurz vor dem Jahreswechsel nahm die türkische Polizei in Ankara zwei Männer fest, die als Selbstmordkandidaten des IS geplant haben sollen, sich in der Silvesternacht in der türkischen Hauptstadt in die Luft zu sprengen. Schon damals machten Berichte die Runde, der IS habe mehr als ein Selbstmord-Team aus Syrien über die Grenze nach Istanbul geschickt.

Viele Fragen bleiben offen

Die Tatsache, dass Erdogan und andere Regierungsvertreter schon kurze Zeit nach der Explosion die Identität des Täter kannten, zeige, dass der Name des Mannes offenbar auf einer Liste von mutmaßlichen Gewalttätern gestanden habe, nimmt der regierungskritische Journalist Abdullah Bozkurt an. „Irgendjemand hat versagt.“

Als der Abend über dem abgesperrten Platz in Sultanahmet hereinbricht, hat die Türkei noch keine Antworten auf die vielen Fragen, die sich aus der grausigen Gewalttat vom Morgen ergeben. Viele hoffen jetzt auf schnelle Fahndungsergebnisse, um mögliche IS-Schläferzellen enttarnen zu können – doch sicher, dass die Gewalt endet, sind sich die Istanbuler nicht.

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