Stuttgart - Tel Aviv Skyline, Strand
Unsere Redakteurin Lisa Welzhofer lebt
und arbeitet derzeit in Tel Aviv und erzählt Geschichten aus Israels Alltag.
 

Deutsch-israelisches Theater oder Israelis lachen gern über schwarzen Holocaust-Humor

Lisa Welzhofer, 15.12.2012 05:00 Uhr
Theater in Israel ist eine Massenveranstaltung. Vier Millionen Besucher haben alle Bühnen des Landes zusammen pro Jahr. Nicht schlecht bei einer Gesamtbevölkerung von acht Millionen Menschen.

Tel Aviv - Theater in Israel ist eine Massenveranstaltung. Vier Millionen Besucher haben alle Bühnen des Landes zusammen pro Jahr. Nicht schlecht bei einer Gesamtbevölkerung von acht Millionen Menschen. Theater hat damit mehr Zuschauer als Fußball im Heiligen Land.

Einen der Löwenanteile an diesem Erfolg hat das Cameri-Theater in Tel Aviv, eine Theatermaschine, die 365 Tage im Jahr läuft. Fünf Säle hat das Haus, 1800 Plätze und auf denen nehmen 1,2 Millionen Menschen pro Jahr Platz. Dass sie das tun, dafür sorgen 40 Marketingfrauen, die allein dafür zuständig sind, am Telefon bei Abonnenten, Theaterinteressierten, Schulen, Gewerkschaften und allen möglichen anderen Institutionen für den Kauf von Karten zu werben. Diese Zahlen nennt mir Omri Nitzan. Er ist künstlerischer Leiter des Stadttheaters, das übrigens nur wenige hundert Meter von dem Ort entfernt liegt, an dem während des Gazakriegs im November eine Busbombe explodierte und viele Menschen verletzte.

Apropos Gazakrieg. Während der blutigen Auseinandersetzung ging die Show im Cameri einfach weiter. Saal II ist gleichzeitig der Luftschutzbunker des Hauses. Dort wurde zum Zeitpunkt des ersten Luftalarms gerade „Richard II.“ gegeben. Die Zuschauer aus den anderen Sälen kamen einfach herein, stellten sich still in die Gänge und gingen nach ein paar Minuten wieder zurück. The show must go on. Während des Golfkriegs saßen Menschen sogar mit Gasmasken in einem Konzert in Jerusalem.

Aber zurück zum Cameri, in dem am Donnerstag eine deutsch-israelische Koproduktion ihre zweite Premiere feierte. „Zwischen den Welten“ heißt das Stück. Es wurde am Alten Schauspielhaus in Stuttgart produziert und hat dort sehr erfolgreich die laufende Spielzeit eröffnet. Anfang Dezember sind Intendant und Regisseur Manfred Langner sowie die deutsche Schauspielerin Cornelia Heyse und Ausstatter Paul Lerchbaumer nach Tel Aviv gereist. Die Kulisse war auf einem Schiff von Hamburg aus, einmal um Europa herum vorausgefahren. In Israel wurden sie – also Theaterleute und Requisiten - von den israelischen Schauspielern Sara von Schwarze und Eli Gorenstein erwartet.

Sara von Schwarze ist auch die Autorin des Stücks, es hat biografische Züge. Wie ihre Hauptfigur Ruth hat Sara von Schwarze deutsche Eltern, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Judentum konvertierten und nach Israel auswanderten, wo die Kinder aufwuchsen. In „Zwischen den Welten“ lässt Sara ihre Ruth eines Nachts unerwartet bei deren Vater Abraham, ehemals Ernst, auftauchen. Er lebt mittlerweile wieder in Deutschland – mit einer neuen Frau: Sabine.

Was folgt, ist eine konfliktreiche Nacht, in der klar wird, dass hier drei Menschen auf der Suche nach ihrer Identität sind. „Ich bin immer dazwischen“, wirft Ruth dem Vater vor. Zwischen Israel und Deutschland, zwischen Opfer und Täter, zwischen Juden- und Christentum. Was sollte Ruth, das Kind, sagen, wenn die Lehrerin in der Schule fragte, wie die Familien der Schüler den Holocaust überlebt hatten? Und wer ist Ernst-Abraham, der der Nazivergangenheit seiner Familie durch den Übertritt entfliehen wollte, der zeitweise als orthodoxer Jude lebte und nun ein hippieskes Leben mit seiner ehemals lesbischen Freundin führt? Bleibt noch Sabine, die erfolgreiche Anwältin mit Hang zum intellektuellen Schuldkomplex, die nun damit hadert, die Familiengründung der Karriere und der Suche nach alternativen Lebensformen geopfert zu haben.

Ich habe das Stück schon in Deutschland gesehen, aber es hat mich dort nicht so berührt wie hier in Israel. Mag sein, dass es auch an dem achttägigen Gazakrieg liegt, der den Passagen, in denen Ruth den Konflikt zwischen Israel und Palästina thematisiert, ein ganz andere Relevanz gibt. Mag sein, dass man sich in diesem so instabilen Gebilde Israel auch der eigenen Identität schon mal unsicher werden kann. Mag sein, dass ich plötzlich darüber nachdenke, was die Israelis um mich herum im dunklen Theatersaal wirklich über Deutsche denken? Mag sein, dass ich mich frage, ob der Holocaust für immer zwischen den Völkern stehen wird – und mögen auch noch so viele junge Israelis begeistert als Touristen nach Berlin fahren. Mag sein, dass mir noch ein paar Gespräche aus den vergangenen Tagen im Magen liegen: Ich habe hier noch nie Ressentiments gegen mich als Deutsche gespürt, aber in letzter Zeit haben mir gleich mehrere Israelis, darunter auch jüngere, sehr liberal denkende, gesagt, dass sie die Kritik Europas (und damit auch Deutschlands) an Israel und seinem Verhalten gegenüber den Palästinensern sehr anmaßend finden. Und eine ältere Dame meinte ziemlich aufgebracht: „Dass hat eine lange Tradition, dass die Europäer den Juden sagen, was sie zu tun und zu lassen haben.“

Aber Sara von Schwarzes Stück bringt nicht nur Grübelei, sondern auch jede Menge Erkenntnisse. Zum Beispiel die, dass Israelis gern über schwarzen Holocaust-Humor lachen - etwa als Ruth sagt, Haare, Zähne und Menschenfett zu recyceln, das sei doch nun typisch deutsch - und dass sie sich über deutschen Putzfimmel amüsieren können. Außerdem wird mir klar, dass in diesem Land fast jeder eine bühnenreife Geschichte hat (so erzählt mir Eli Gorenstein, dass sein Großvater Felix Welsch war, ein enger Freund von Franz Kafka). Ich lerne, dass israelische Schauspieler auf der Bühne mehr Emotionen zulassen als deutsche, und dass Theater über den Holocaust das ist, was bei uns Filme über Nazis sind. Wobei es in Israel noch andere ähnlich beliebte Themen gibt: Den Konflikt mit den Palästinensern und den Konflikt zwischen Religiösen und Nichtreligiösen.

Nach dem kurzen, aber heftigen Applaus, wie er bei Premieren hier laut Omri Nitzan üblich ist, wird hinter der Bühne angestoßen. Auf den Erfolg, auf die freundschaftliche und herzliche Zusammenarbeit hinter den Kulissen in Stuttgart wie in Tel Aviv, auf das gemeinsame Weltenbummeln, das für eine gewissen Zeit lang aus zwei Theaterwelten eine gemacht hat. Und vielleicht ist es ja auch nur das, was zählt.

 
 
Kommentare (1)
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abumidian Ist schon länger als 1 Jahr her
Während einer Aufführung des Stückes 'Ghetto' von Joshua Sobol in Tel-Aviv am israelischen Shoah-Gedenktag, an der vor allem Jugendliche aus vier verschiedenen Schulen teilnahmen, produzierten diese einen Tumult sondergleichen, dessen Höhepunkt kam, als ein Kapo einen Ghettobewohner schwerstens misshandelte, und ein paar Jugendliche ihn anfeuerten: 'Gut so!' 'Gibs ihm!' http://abumidian.wordpress.com/deutsch/haimhanegbi/die-banalitat-des-bosen/
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