Detlef Orlopps Fotografien Wellen, Linien, Räume

Von Nikolai B. Forstbauer 

Aus Wellen werden bei Detlef Orlopp Linien, die sich zu eigenwertigen Strukturräumen ­formieren. Foto: Detelf Orlopp/Parotta Contemporary Art
Aus Wellen werden bei Detlef Orlopp Linien, die sich zu eigenwertigen Strukturräumen ­formieren. Foto: Detelf Orlopp/Parotta Contemporary Art

Stuttgarts Privatgalerien lassen mit wichtigen Ausstellungen aufhorchen. Zu nennen sind die Wiederentdeckung der Malerin Erdmut Bramke in der Galerie Wahlandt und die Präsentation von Werken Julio Rondos in der Galerie Hauff. In diesem Reigen überrascht die Galerie Parrotta.

Stuttgarts Privatgalerien lassen mit wichtigen Ausstellungen aufhorchen. Zu nennen sind die Wiederentdeckung der Malerin Erdmut Bramke in der Galerie Wahlandt und die Präsentation von Werken Julio Rondos in der Galerie Hauff. In diesem Reigen überrascht die Galerie Parrotta.

Stuttgart - Detlef Orlopp skizziert seine Position so ­eindeutig wie kompromisslos: „Ich habe ­immer gesagt, ich bin Porträtist. Auch die Berge, die ich fotografiert habe, sind ­Porträts von Bergen“, sagt er. Und der verstorbene Schriftsteller und Orlopp-Freund Helmut Heißenbüttel notierte: „Seine Porträts sind Landschaftsbilder. Orlopp fotografiert Gesichter auf das hin, was in ihnen der flüchtigen Bewegung entzogen bleibt.“

Orlopp, 1937 im Siegerland geboren, studierte bei Otto Steinert an der Hochschule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken. Die Subjektive Fotografie Steinerts mag Orlopp beflügelt haben – er folgt ihr aber nur bedingt. Anderes lockt ja parallel, eine Zweite Moderne vor allem, die sich im Konkreten trifft und aus dem Licht- und Schattenspiel der 1920er Jahre neue Eigenwelten entstehen lässt.

Buchstäblich analytisch ist die bildnerische Schärfe, die Orlopp forciert. In der analogen Fotografie schafft er ein Paradox, das in seinen Werken anhaltend gilt. Orlopp schafft Distanz, indem er sie durch präzise Annäherung scheinbar aufhebt.

Zwischen den Meeren im deutschen Norden zuhause

Von 1973 an mehr als zwei Jahrzehnte Professor für Fotografie an der stets interdisziplinär agierenden Werkkunstschule Krefeld, lebt Orlopp seit 2010 zwischen den Meeren im deutschen Norden. In einer Landschaft, die von Wind und Wetter beständig umgeformt wird. „Ich bin so verwachsen mit der Landschaft, mit dem Fels, mit der sich bewegenden Wasseroberfläche eines Meeres, dass ich dabei die Fotografie ganz vergesse“, sagt ­Orlopp über sein Schaffen. Zwischen Nord- und Ostsee findet ­Orlopp sein „Gegenüber“, ebenso aber in den Gletschergebieten der Alpen.

Und auch dieser Widerspruch intensiviert die Wirkung seiner Arbeiten: Indem Orlopp die Materialität desssen aufhebt, was er fotografiert, schafft er überhaupt erst ­Materialität. Aus Wellen werden Linien, die sich zu eigenwertigen Strukturräumen ­formieren. Orlopp selbst schreibt hierzu: „Die Sonne brennt die Oberflächenstrukturen des Meeres und der See in die Seestücke. Die Landschaften sind Kalkül. Der Frost zeichnet Wasserzeichen, die Felsberge ­bilden Porträts kühner und weiser Gestalten der Erde.“

Die bemerkenswert hochkarätig bestückte Schau in der Stuttgarter Galerie Parrotta konzentriert sich auf die „Seestücke“ und die Felsformationen. Und doch gibt es einen Seitenblick auf die das menschliche Gegenüber meinenden „Porträts kühner und weiser Gestalten der Erde“. Mit gutem Grund: Man sieht sich Max Bense gegenüber. ­

Schauen wir aber auf den Philosophen, Vermittler und Impulsgeber eines zuvorderst Kunst, Literatur und Neue Musik verbindenden Stuttgarter ­Kulturlebens? Oder schaut der 1990 gestorbene Bense, der bereits 1967 Fotografien von Orlopp in der damaligen Studiengalerie der Universität Stuttgart vorstellte, nicht eher belustigt-nachsichtig auf uns? Vor allem Orlopps ­Begegnung mit dem Bense der frühen 1960er Jahre hat museale Qualität und könnte sich in einer verdichteten Präsentation als konzeptuelle Fotografie bestätigen.

Entscheidung für ein annähernd quadratisches ­Format

Den Bezug zum bildnerisch Konkreten unterstreicht Orlopp durch die Entscheidung für ein annähernd quadratisches ­Format von meist 60 Zentimeter Breite und 50 Zentimeter Höhe. Das Fast-Quadrat, das Orlopp auch in größeren Abzügen wahrt, hat ordnende Funktion. Mehr noch aber: Das Format unterstreicht so unauffällig wie selbstverständlich die in der Auseinandersetzung mit Landschaft gern vernachlässigte Realität, es mit einem Ausschnitt zu tun zu haben. Und gerade in diesem Ausschnitt gewinnt die eigenwertige Bildrealität an Intensität. ­Orlopps Kalkül geht auf – die ihrer Bedeutung als Landschaft enthobenen Linien und Formationen werden gültige Figurationen.

Sandro Parrotta präsentiert uns all die in einer konzentrierten Auswahl. In ihrer Zurückhaltung vertraut die Schau der Intensität von Orlopps Schaffen – und gewinnt.

Im kommenden Jahr widmet das Museum Folkwang Essen Detlef Orlopp eine umfassende Werkschau. Mit gutem Grund, wie diese Ausstellung in der Stuttgarter Galerie Parrotta unterstreicht. Zugleich erinnert diese Schau an einen weitgehend verschütteten Schatz einer Kunst mit Fotografie, wie ihn nicht zuletzt die Staatsgalerie Stuttgart über die Graphische Sammlung in den ­1980er und 1990er Jahren aufbauen konnte.

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