Es hat bessere Zeiten gegeben, um Direktor eines Krankenhauses zu sein. Aber Bernd Sieber, seit zwei Jahren Chef am Klinikum Esslingen, will nicht klagen. Er hat das städtische Haus, das unter seiner Vorgängerin vor allem wegen interner Querelen Schlagzeilen machte, in ruhigere Gewässer gesteuert.
Herr Sieber, die Entwicklungen im Gesundheitswesen sind rasant, die Konsequenzen für die Krankenhäuser weitreichend. Wie steht das Klinikum Esslingen da?
Wir sind unseren Weg konsequent weiter gegangen, haben uns auf unsere Schwerpunkte konzentriert und konnten unser Ergebnis gegenüber 2009 trotz einiger "Querschläger" in diesem Jahr um rund eine Million Euro verbessern.
Wo liegen diese Schwerpunkte?
Die Schwerpunkte unseres Hauses sind die Onkologie, die Kardiologie sowie die Versorgung von Kindern und Jugendlichen. In der Onkologie haben wir bereits seit einem Jahr unsere hochmoderne Strahlentherapie, die auch überregional ausgesprochen gut angenommen wird, mit vollen Segeln gefahren. Vor kurzem haben wir den Zertifizierungsprozess der Deutschen Krebsgesellschaft zum Onkologischen Zentrum erfolgreich hinter uns gebracht. Zwei unserer Chefärzte, Professor Michael Geißler und Professor Thorsten Kühn, stehen in der "Focus"-Liste unter den besten deutschen Ärzten für Krebsbehandlung. Im kardiologischen Bereich haben wir nun auch die Elektrophysiologie dazugenommen.
Gibt es Veränderungen in der Kinderklinik?
Ja, wir haben unser Angebot für Kinder und Jugendliche weiter ausgebaut. Im Januar 2010 haben wir die Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Betrieb genommen. Mit Professor Christian von Schnakenburg konnten wir außerdem eine exzellente Neubesetzung der Chefarztposition in unserer Klinik für Kinder und Jugendliche vornehmen.
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie fehlt doch aber noch ein wichtiger Baustein, die vollstationäre Versorgung. Hätte mit dem Neubau nicht bereits in diesem Jahr begonnen werden sollen?
Wir haben zwar den Bescheid vom Land, dass wir gefördert werden. Wir kennen aber die Höhe der Förderung noch nicht. Sobald wir diese kennen, wollen wir mit der Umsetzung beginnen, zumal das teilstationäre Angebot schon jetzt stark in Anspruch genommen wird.
Und wo gab es Rückschläge?
Ein wichtiges Thema sind neue vertragliche Bedingungen bei der Zytostatikaversorgung, also bei den Medikamenten für die Krebsbehandlung. Da wird uns im nächsten Jahr ein siebenstelliger Betrag an Erlösen verloren gehen. Bereits in diesem Jahr hat sich diese Neuregelung mit einem hohen sechsstelligen Betrag bei uns negativ bemerkbar gemacht.
An Kooperationen führt heute kein Weg mehr vorbei. Sehen Sie das auch so?
Uneingeschränkt ja. Ein modernes Krankenhaus ist vernetzt. Wir arbeiten eng mit den niedergelassenen Ärzten zusammen und haben darüber hinaus weitere Partnerschaften geschlossen. Ganz aktuell haben wir im Bereich der Wirbelsäulenchirurgie eine Zusammenarbeit mit dem Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, einer der renommiertesten Wirbelsäulenkliniken Deutschlands, vereinbart. Von dort stammt auch der neue Leiter unserer Wirbelsäulenchirurgie, Herr Dr. Dörr, der seine Tätigkeit zum 1. Januar 2011 aufnehmen wird. So gehen wir deutlich gestärkt aus den Veränderungen des vergangenen Jahres hervor.
Wie sieht die Zusammenarbeit vor Ort aus?
Wir kooperieren mit vielen niedergelassenen Ärzten. 2011 wollen wir uns noch enger mit dem ambulanten Bereich verzahnen. Wir arbeiten zudem seit Jahren mit der Herzchirurgie in Stuttgart zusammen. Die ebenfalls langjährige Kooperation mit dem Krankenhaus vom Roten Kreuz Bad Cannstatt im Rahmen des Thorax-Zentrums Esslingen-Stuttgart gipfelte nun in einer hausübergreifenden Zertifizierung als Lungenkrebszentrum.
Schwierig hat sich in der Vergangenheit das Verhältnis zu den Kreiskliniken gestaltet. Wie würden Sie es aktuell beschreiben?
Die Kooperation mit den Kliniken im Kreis ist historisch bedingt ein nicht ganz einfaches und manchmal auch vorbelastetes Thema. Aber wir gehen zunehmend stärker aufeinander zu und sind miteinander im Gespräch. Wir wollen zum Beispiel auch bei Großgeräteleistungen miteinander kooperieren. Wo wir Wege zur Zusammenarbeit sehen, sind wir also dabei, das miteinander zu besprechen.
Ein zartes Pflänzchen der Zusammenarbeit gibt es bei der Onkologie. Welche Erfahrungen haben Sie da gesammelt?
Wir entwickeln momentan gemeinsam einen onkologischen Schwerpunkt. Dabei machen wir auf beiden Seiten gute Erfahrungen, die wir trotz des bestehenden Wettbewerbs ausbauen wollen.
Wie weit kann eine solche Kooperation im besten Falle gehen?
Da kann man über vieles spekulieren. Letztlich wird das die Zeit zeigen. Die Zusammenarbeit auf ärztlicher Ebene läuft schon ganz gut. Wir werden sicher auch andere Bereiche finden. Andererseits: natürlich stehen wir uns auch als Wettbewerber gegenüber - ein Wettbewerb übrigens, den teilweise auch das Land Baden-Württemberg durch die Förderung derselben Fachdisziplinen unterstützt.
Ein wichtiges Thema im vergangenen Jahr war die vermeintliche Überversorgung des Kreises mit Linksherzkatheter-Messplätzen. Gibt es die?
Ganz Deutschland ist aus meiner Sicht überversorgt mit Linksherzkathetermessplätzen. Dann dürfte auch eine Region innerhalb Deutschlands da keine Ausnahme machen. Für unser Klinikum kann ich deutlich sagen: Wir sind nicht überversorgt.
Wie begründen Sie das?
Es ist politisch gewünscht, dass Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte Geräte gemeinsam nutzen. Dies tun wir. Damit tragen wir dazu bei, dass wichtige Kompetenzen gebündelt werden. Wir haben mit 106 Betten die größte kardiologische Klinik landauf, landab, und wir bieten das gesamte kardiologische Spektrum an. Bei uns sind in in diesem Jahr gemeinsam mit der herzchirurgischen Klinik in Stuttgart mehr als 50 Herzklappen implantiert worden. In 2010 haben wir darüber hinaus die Abteilung Elektrophysiologie aufgebaut. Ich sehe für uns daher klar den Bedarf eines elektrophysiologischen Messplatzes, auch wenn an anderen Stellen eine Überversorgung herrscht.
Wo wird das Klinikum in den kommenden Jahren Schwerpunkte setzen müssen?
Wir werden unsere bisherigen Stärken weiter ausbauen. Gleichzeitig werden wir in der Öffentlichkeit noch deutlicher machen, dass wir ein Versorger sind, der alles anbietet. Bei uns gibt es beispielsweise bei der Abstimmung von Therapien keine langen Wege und keine Informationsverluste. Wenn wir die Kinder- und Jugendpsychiatrie dazubekommen, haben wir unsere Schwerpunkte wirklich abgerundet.
Ein immer wichtigeres Thema wird die Öffentlichkeitsarbeit von Krankenhäusern. Was tut das Klinikum in diesem Bereich?
Wir haben in diesem Jahr "KE im Dialog" gestartet. Das ist eine Informationsreihe, die der Bevölkerung die Möglichkeit geben soll, sich über verschiedenste Themen zu informieren und vor allem auch Fragen zu stellen. Wir haben seit April über 700 Besucher gehabt. Aktuelle Themen zur Gesundheit werden auch im Esslinger Gesundheitsmagazin, das wir gemeinsam mit der Kreisärzteschaft herausgeben, aufgegriffen. Das Esslinger Gesundheitsmagazin wird in kommenden Jahr bereits fünf Jahre alt. Wir wissen, dass viele Leser jedes Mal gespannt auf die neue Ausgabe unserer "KE im Dialog" warten.
Die Fragen Stellte Kai Holoch.