Friedliche Frühlingstage - im April vor 65 Jahren schien dies für die Menschen rund um Leonberg ein unerreichbarer Traum zu sein. Der Krieg, den Deutschland einst im fernen Polen losgetreten hatte, stand unmittelbar vor den Toren; nicht mehr aus Moskau oder Tobruk kamen die Frontmeldungen, sondern aus Pforzheim und Heilbronn. Und die kriegsmüden Menschen hatten einfach nur noch Angst um ihr Leben.
Die Lage war unübersichtlich in jenen ersten Apriltagen des Jahres 1945. Aus der Gegend von Pforzheim war schon der Geschützdonner der Front zu hören. Gerüchte machten die Runde, dass der Feind bald da sei. Bestärkt wurde diese Einschätzung, als an den Ortsausgängen in der Umgebung Panzersperren eingerichtet wurden. Auch in Renningen hatten die Volkssturmmänner, die das Dorf verteidigen sollten, solche Verhaue aus Steinen und Stacheldraht aufgebaut. Ein untrügliches Zeichen, dass die Militärs mit baldigen Gefechten rechneten.
Doch sie hatten die Rechnung ohne die Renninger Frauen gemacht. Diese hatten bereits mehr als 200 ihrer Männer, Brüder oder Söhne verloren. Sie hatten zahlreiche Bomben- und Tieffliegerangriffe ertragen, hatten Entbehrungen in Kauf genommen - jetzt war das Maß voll. Der Oberlehrer Erwin Kömpf hat aufgeschrieben, was sich an jenem 7. April 1945 zugetragen hat: "Weil aber jedermann klar geworden war, daß Widerstand für das Dorf nur verhängnisvoll werden konnte, beschlossen 3 Frauen (Seitzer, Aikele u. Maisch) . . . die Panzersperre zu beseitigen. Zu diesem höchst gefährlichen Vorhaben überredeten sie 200 - 300 Frauen".
Noch heute erinnern sich ältere Renninger, wie aufgeladen die Stimmung war, als die Frauen gegen 13 Uhr bei der Panzersperre an der Malmsheimer Straße aufmarschierten. Denn der Bürgermeister Albert Eisenhardt, der Ortskommandant Gottlob Walker und die an der Sperre eingesetzten Volkssturmmänner dachten überhaupt nicht daran, den Verhau abzubauen. Sie hatten gute Gründe. Noch reichte der lange Arm der Stuttgarter Gestapo bis an den Rankbach. Und Propagandazeitungen wie das "Leonberger Tagblatt" posaunten hinaus, wie es denen ergehen sollte, die sich den Befehlen des "Führers" widersetzten: "Wehrkraftzersetzer" wurden erhängt oder erschossen.
Den Renninger Frauen jedoch war das egal. Sie forderten lautstark, die Sperre wegzureißen. Der Tumult war groß, es wurde geschrien und gespuckt, der Volkssturmmann Karl Bissinger feuerte gar einen Schuss in die Luft ab - worauf die Frauen in Anlehung an seinen Beruf als Küfer schrien: "Dir treibet mr d" Reifa au no a." Der Bürgermeister Eisenhardt war es schließlich, der die Situation in den Griff bekam. Er redete beruhigend auf die erregte Menge ein und schaffte es, die Demonstration aufzulösen. Als später am Abend die drei Rädelsführerinnen noch einmal zur Sperre kamen, folgten ihnen nur noch 15 mutige Mitstreiterinnen. Zu wenige, um den Drohungen des Nachmittags auch Taten folgen zu lassen.
Der Aufruhr in Renningen war indessen nicht unbemerkt geblieben. Egon Walker, der Sohn des damaligen Ortskommandanten, erinnert sich: "In der Nacht ist mein Vater gegen zwei Uhr von zwei SS-Männern auf das Rathaus geholt worden". Ihm wurde vorgeworfen, nichts gegen die Entfernung der Panzersperre getan zu haben. Auch der Bürgermeister Eisenhardt wurde herumgeschubst und bedroht. "Ein SS oder Gestapo-Mann hat zu ihm gesagt, man erschieße ihn an der Panzersperre und dort bleibe er liegen, bis er stinke", erinnert sich seine Tochter. Nur weil beide nachweisen konnten, dass die Sperre unverändert intakt war, ließ die SS von ihnen ab - mit unverhohlener Enttäuschung. "Dann können wir ja gar niemanden erschießen", sollen sie zu Gottlob Walker gesagt haben.
Die Rädelsführerinnen des Frauenaufstandes wurden dagegen verhaftet und noch in der Nacht verhört. "Als geistige Urheberin wurde Frau Seitzer erklärt, schwer beschuldigt wurde auch Frau Aikele", heißt es dazu in der Chronik des Oberlehrers Erwin Kömpf. Nur die dritte im Bunde, die Taxifahrerin Maisch, wurde geschont, weil sie bereits ihren Mann und zwei Brüder verloren hatte. "Man dachte wohl, die hat sowieso schon genug", vermutet der Renninger Stadtarchivar Mathias Graner.
Die Renningerinnen gehören zu den letzten, die noch in die Gestapo-Zentrale im "Hotel Silber" in Stuttgart gesperrt wurden. Fünf Tage wurden sie verhört, dann ließ sie ein gnädiger Richter laufen. Und die Panzersperre? Als die Franzosen am 20. April von Malmsheim her anrückten, kamen sie über die offenen Stegwiesen. Auf ihrem Weg von der Normandie bis nach Süddeutschland hatten sie längst gelernt, dass es keine gute Idee war, mit Panzern in engen Dorfstraßen herumzukurven, wo hinter jedem Kellerfenster eine Panzerfaust lauern konnte. Weil zudem Ortskommandant Walker den Volkssturm im letzten Moment abgezogen hatte, wurde auch nicht mehr geschossen.