Der röhrende Hirsch war gestern

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Schmiden. Der Jagd- und Naturmaler René Georg Phillips bannt lieber Wildtiere in Bewegung auf die Leinwand. Von Sascha Sauer

Schmiden. Der Jagd- und Naturmaler René Georg Phillips bannt lieber Wildtiere in Bewegung auf die Leinwand. Von Sascha Sauer

Ein Brunftschrei im Wohnzimmer. Der Hirsch streckt seinen kräftigen Leib, heißer Atemhauch steigt aus dem Maul. Ich bin der Chef, scheint das Tier auf dem Bild zu sagen. Früher war dieses Motiv aus der Wildmalerei ein gern gesehener Gast in deutschen Wohnungen, schmückte die Wand über Sofa oder Anrichte. Heute gilt der röhrende Hirsch als Sinnbild der Spießigkeit, als Kitsch aus der archaischen Bergwelt.

In der Wohnung von Jagd- und Naturmaler René Georg Phillips bestimmen dagegen klare Linien, kühle Töne und eine minimalistische Einrichtung das Ambiente. Die Handschrift eines Menschen mit Gefühl für Proportionen ist zu erkennen. Der Schmidener ist von Beruf freier Grafiker und Illustrator. "In meiner Brust schlagen aber zwei Herzen", sagt der 30-Jährige, "das eines Künstlers und eines Jägers."

Wenn er als Kind mit seinem Vater - ebenfalls ein begeisterter Hobbyjäger - auf dem Hochsitz saß, dann hatte der Vater ein Gewehr und der Sohn ein Skizzenblock in der Hand. René Georg Phillips brachte die umliegende Landschaft mit Strichen auf Papier. Als Jugendlicher ist er dann allein auf den Hochsitz gestiegen und hat dort etwa das Gehörn eines Rehbocks nachgezeichnet, der in der Nähe graste. Um sich zu verbessern, hat er auch aus Jagdbüchern und -zeitschriften Wildtiere abgemalt.

Jagdmaler sind eine aussterbende Spezies. "In Deutschland gibt es vielleicht noch eine Handvoll davon", sagt Phillips. Er ist in Albstadt aufgewachsen, die Schwäbische Alb lag also direkt vor der Haustür. "Es gab keinen Morgen oder Abend, an dem ich nicht irgendeine Wildart gesehen habe", erzählt er. Besonders der Fuchs hat es ihm als Motiv angetan. Aber auch Dutzende Wildschweine und Rehböcke hat er schon abgebildet. "Diese Wildtiere kann ich längst aus dem Kopf zeichnen."

Doch am liebsten malt Phillips Situationen, die er selbst erlebt hat. Vor allem am Morgen hält er gerne mit dem Fernglas vom Hochsitz Ausschau. Dann ist das Licht gut, und im Winter sieht man frische Spuren von Wildtieren im Neuschnee. "Am Anfang sieht man nur, wie sich ein schwarzer Punkt im Weiß bewegt", erzählt Phillips. Wenn er Glück hat, dann nähert sich das Tier. "Mich interessiert das Wild aber nur, wenn es in einer ungewöhnlichen Bewegung ist." Dann werden Details sichtbar, die sonst verborgen sind. Wie etwa die angespannte Muskulatur des Rehwilds, wenn es rennt. Oder der Rücken eines Hasen, der sich krümmt, während er weghoppelt.

Mit Öl, Acryl, Tusche oder Bleistift bringt er den Augenblick der Bewegung auf Leinwand. Da spritzen Wassertropfen, wenn eine Ente im Wasser aufgescheucht wird. Oder er lässt per Wischtechnik Wildschweine durch den Wald brettern. Während ältere Jagd- und Naturmaler jeden noch so kleinen Stein im Bild ausarbeiten, lässt Phillips den Hintergrund gerne verschwimmen. "Wenn die Tiere rennen, verschwindet die Landschaft dahinter", erklärt er.

Als Jäger braucht man Geduld. Die fehlt Phillips allerdings als Maler. "Ich habe bis zu fünf Werke gleichzeitig in der Mache." Wenn bei einem Bild die Farbe trocknen muss, malt er so lange an einem anderen weiter. Dann lässt er etwa mit Tusche feine Härchen auf dem Tierfell wachsen. Auch wenn seine Werke mittlerweile Ausstellungen schmücken, sagt Phillips: "Ich male nur für mich selbst." Kritische Stimmen zu seinen Bildern nimmt er gelassen. "Die Geschmäcker sind eben verschieden."

Info: Einige Bilder von Jagd- und Naturmaler René Georg Phillips sind noch bis zum 31. Oktober im Rathaus in Spiegelberg ausgestellt.

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