Der Rennwagen für die Stadt Die Geh-Klasse

Von Frank Rothfuss 

Gerhard Wollnitz zieht seinen Geh-Wagen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Gerhard Wollnitz zieht seinen Geh-Wagen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Gerhard Wollnitz baut einen Rennwagen der Geh-Klasse. Er fährt 20 Sachen, schmutzt nicht, verbraucht nur Muskelkraft und Schuhsohle. Und wenn man ihn parkt, kann man hineinsitzen.

Stuttgart - Die Autofahrer hatten eine Erscheinung. Ein seltsames Gefährt zuckelte da mitten zwischen ihnen über die Heilbronner Straße. Erst beim Überholen merkten sie, dass der Antrieb nicht von Daimler, Benz oder Diesel erdacht wurde, sondern ein original Gerhard Wollnitz ist. Quer durch die Stadt zog der 47 Jahre alte Stuttgarter „seinen Handwagen der Geh-Klasse“ von der Freien Werkstatt Hobbyhimmel in Feuerbach, wo er den Holzrahmen fertig gebaut hatte, bis zu den Wagenhallen, wo er an den Feinheiten arbeitete. Also beispielsweise die Lichter aufklebte.

Das kleine Parkraumwunder, so nennt Wollnitz sein Gefährt, oder liebevoll „mein trojanisches Pferd“. Von hinten, von vorne und von der linken Seite wirkt es wie ein Auto, rechts allerdings ist es offen: Man kann hineinsteigen und auf den Bänken Platz nehmen. Entschuldigung, das war falsch gesagt. Man soll sogar hineinsteigen und auf den Bänken Platz nehmen. Wenn demnächst das Dach aus Hanf fertig ist, bietet es auch Schutz vor Regen.

„Ich will die Leute einladen, sich wieder im öffentlichen Raum aufzuhalten“, sagt er. Die Städte habe man einst für Menschen geplant, gerade die Gründerzeitviertel im Süden und im Westen seien entstanden, als man sich zu Fuß bewegte. Heute sind weite Teile dieser Viertel vor allem Parkfläche. „Wenn Sie sich dort als Fußgänger bewegen, sind Sie eingekeilt von Autos“, sagt er, „der Platz für Fußgänger schrumpft immer mehr, er wird von Autos belegt, die zumeist 23 Stunden am Tag nur rumstehen.“ Wenn die Leute ihre Autos wenigstens nicht abschließen würden, dann könnte man hineinsitzen und zum Beispiel kuscheln oder lesen oder vor schlechtem Wetter flüchten.

„Das wäre doch eigentlich nur recht und billig, wenn man schon nahezu kostenfrei den öffentlichen Raum belegt, oder?“ Eine rhetorische Frage, natürlich. Wollnitz ist ein Idealist, aber nicht naiv. Hauptberuflich war er Vater und Fahrradkurier, nun ist er Gestalter mit eigenem Atelier im Westen. Der lange Tisch im Schlesinger, der stammt beispielsweise von ihm. Gerade nimmt er sich aber eine Auszeit, schuftet in einem Brotjob. „Ich muss meine Batterien aufladen“, sagt er. Doch wohin mit all der Kreativität? Sie steckt in seinem Parkraumwunder. „Das Auto ist für die Stadt etwa das Gleiche wie ein Elefant für das Schlafzimmer“, zitiert er den Wiener Stadtplaner Hermann Knoflacher. Deshalb stellt er nun ein trojanisches Pferd nicht auf den Flur, aber auf die Straße. „Ich schließe meinen Wagen nicht ab, wenn ich ihn abstelle“, sagt er, „und überall, wo er bisher stand, haben ihn vor allem die Kinder erobert.“ Das sei ja auch kein Wunder, schließlich seien vor allem die Kinder und die alten Menschen die Leidtragenden der autogerechten Stadt.

20 Kilometer in der Stunde im Rennbetrieb

„Wissen Sie, woran man eine menschengerechte Stadt erkennt?“, fragt er. Und gibt die Antwort gleich selbst. „Der dänische Stadtplaner Jan Gehl hat gesagt: ,Sie müssen einfach schauen, wie viele Kinder und Alte sich in der Stadt bewegen.‘“ Dazu will er seinen Beitrag leisten. Und nützt Lücken auf der Straße und im Gesetz. Seinen Handkarren darf er nämlich auf jedem Parkplatz abstellen und muss nichts dafür zahlen. „Ich habe mich bei der Stadt erkundigt“, sagt Wollnitz, „ich darf meinen Wagen überall abstellen, wo Parkflächen eingezeichnet sind.“ Das sei ja auch nur gerecht, schließlich darf er ihn laut Straßenverkehrsordnung nicht auf dem Bürgersteig schieben, da würde er die Fußgänger behindern. „Außerdem ist es ja ein Rennwagen, und der gehört auf die Straße.“

Wie es sich gehört, hat er die Leistungsdaten parat. 200 kg Leergewicht, 3,60 Meter lang, 1,80 Meter breit und 1,80 Meter hoch. Sechs Sachen macht der Wagen im Flaneurmodus, 20 Kilometer in der Stunde im Rennbetrieb. Oder auch mehr, wenn man etwa Usain Bolt zum Ziehen engagieren würde. Ganz emissionsfrei sei der Wagen nicht, 60 Gramm pro Stunde betrage der Ausstoß an Kohlendioxid – Atemluft. Und eine Prise Schuhsohlenabrieb.

Um besser die Gipfel stürmen zu können, denkt er darüber nach, einen Elektromotor anzubauen. Und er sinniert bereits über ­weitere Wagen nach. „Sonneninseln, Fahrradständer, Pflanzen, Fußballtore, man kann im Prinzip alles drauf bauen.“ Zunächst allerdings plant er mit dem Prototyp einen Trip auf die Partymeile Theodor-Heuss-Straße, „zum Rennenfahren“. Er werde Schaumstoffwürfel in den Wagen hängen. „Das ist das Zeichen, dass ich mitmachen will und an der roten Ampel auf Konkurrenten warte.“ Und wenn er abgehängt wird, so ist er sicher, dass er an der nächsten roten Ampel wieder auf Augenhöhe sei. So wie bei der Mär von Hase und Igel. Oder besser gesagt, Elefant und trojanischem Pferd.

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