Der Pferdehelfer

Von "Blick vom Fernsehturm" 

Plieningen. Viele Berufe früherer Zeit sind heute eine Rarität. Die Arbeitswelt hat sich verändert. In einer Serie widmet sich der BLICK VOM FERNSEHTURM Berufen, die es zwar noch gibt, die aber nicht mehr alltäglich sind. Heute: Der Hufschmied. Von Cedric Rehman

Plieningen. Viele Berufe früherer Zeit sind heute eine Rarität. Die Arbeitswelt hat sich verändert. In einer Serie widmet sich der BLICK VOM FERNSEHTURM Berufen, die es zwar noch gibt, die aber nicht mehr alltäglich sind. Heute: Der Hufschmied. Von Cedric Rehman

Der Pferdehuf sieht aus wie das Innere einer Kokosnuss. Adolf Alber hat ihn zuvor von Schmutz gereinigt und dann mit einem scharfen Messer ausgeschabt. Das stumpfe Grau der Hornschicht ist nun cremig weiß. Darunter schimmert Rot durch - Pferdeblut. "Ich darf den Huf nicht zu stark verkleinern, sonst verletze ich ihn", sagt Alber. Er weiß, wann es genug ist, sagt er.

Alber öffnet einen in Dämmmaterial verpackten, transportierbaren Gasofen. Der Kasten im Format eines kleinen Röhrenfernsehers strahlt Hitze aus, als würde die Hölle in ihm glühen: 1400 Grad herrschen in seinem Inneren. Mit einer langen Zange holt der Hufschmied aus Plieningen das Hufeisen heraus und legt es auf einem Amboss. Sein Hammer trifft den Stahl der noch nicht geschmolzen ist, aber auch nicht mehr fest. Wieder weiß Alber, wann er genug auf das Eisen eingehämmert hat. "Das Augenmaß hat man, oder man hat es nicht", sagt er.

Alber ist Zeit seines Lebens Hufschmied, und er möchte es auch noch eine lange Zeit bleiben. Einer seiner Kollegen hat noch im Alter von 94 Jahren Pferde beschlagen, erzählt er, während sein kräftiger Oberarm den Hammer schwingt. Eigentlich hat Alber Schlosser gelernt. Doch als der Vater seinen Betrieb nicht mehr allein weiterführen konnte, stand der Sohn ihm zur Seite. Gelernt hat er, indem er dem Vater zur Hand ging. Den Rest hat er "im Blut", sagt er.

Dass Alber eine Familientradition weiterführt, fügt sich in die Geschichte eines Berufs, der selbst eine lange Tradition hat. Pferde, die in der Steinzeit noch beliebte Jagdtiere waren, werden vermutlich seit sechstausend Jahren von Menschen gehalten. Bereits für das Ägypten der Pharaonen lassen sich Schmiedetechniken nachweisen. Ein Zufall ist das nicht, denn der Fortschritt der menschlichen Zivilisation hängt ganz ursächlich damit zusammen, dass der Mensch sich das "Verkehrsmittel" auf Hufen zunutze machen konnte.

Doch Pferde, die Menschen und Lasten über weite Wegstrecken transportieren sollten, und damit nicht selten überstrapaziert wurden, kamen an Grenzen. Die Horngebilde, auf denen ihr Gewicht ruht, rieben sich ab. Den Pferden bereitete jeder Galopp in Folge unerträgliche Schmerzen. So berichten Chronisten davon, dass Alexander der Große seine Feldzüge in Asien abbrechen musste, weil seine Pferde lahmten. Das Problem haben heutige Reiter genauso wie einst der griechische Eroberer. Doch mittlerweile greifen sie zu einem Mittel, das auf dem umgekehrten Weg Europa erreichte, den einst Alexander der Große genommen hat. Die Hunnen gelangten im fünften Jahrhundert nach Christus auf mit Eisen beschlagenen Pferden von Zentralasien nach Mitteleuropa. Ihre Pferde konnten die gewaltige Distanz zurücklegen, weil hunnische Schmiede ihre Hufe mit durch Nägel befestigte Eisen vor Abrieb geschützt hatten. Das klingt schmerzhaft, ist es aber nicht, sagt Adolf Alber. Der Huf gleiche dem menschlichen Fingernagel. "Erst wenn das Nagelbett verletzt ist, spürt der Mensch Schmerz", sagt er. Beim Pferd sei das äußere Horngewebe auch unempfindlich. Sein Gehilfe Marko Oreski hebt das Bein des Pferdes an. Alber nähert sich mit dem Eisen, dass mittlerweile auf einige hundert Grad herabgekühlt ist. Die Hitze genügt, um eine dichte, stinkende Qualmwolke zu erzeugen, als er das glühende Metall auf den Huf auflegt. Die Szene erinnert an Cowboyfilme. "Passt noch nicht ganz", sagt Alber und kehrt mit dem Eisen zum Amboss zurück. Erst, nachdem er erneut das Eisen mit dem Hammer bearbeitet hat, landet es mit einem Zischen in einem Wassereimer. Alber muss in die Hocke gehen, als er das fertige Eisen wieder auf den Huf auflegt und beginnt, es mit Nägeln zu befestigen. Ohne eine Spur Ironie sagt er, dass sein Beruf nichts für hochgewachsene Männer ist. Sein Sohn sei viel zu groß. Macht sich Alber Nachwuchssorgen? Ja und Nein. "Im Moment gibt es genug Junge, die eine Ausbildung anfangen." Doch vielen ginge es eher um die guten Verdienstmöglichkeiten. Das mit dem rechten Augenmaß hängte aber auch mit der Einstellung zusammen, sagt Alber. "Ich will ja den Pferden helfen. Ich mag die Tiere."

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