Der Meister und die Japanerin

Von "S-Innenstadt" 

Killesberg Keiko Fukumitsu ist für ihre Ausbildung zur Schuhmacherin von Hiroshima nach Stuttgartgekommen. Nach mehreren Monaten in Sprachkursen hat sie nun begonnen. Von Benjamin Schieler

Killesberg Keiko Fukumitsu ist für ihre Ausbildung zur Schuhmacherin von Hiroshima nach Stuttgartgekommen. Nach mehreren Monaten in Sprachkursen hat sie nun begonnen. Von Benjamin Schieler

Drei Jahre ist es her, da stand Keiko Fukumitsu rund 9200 Kilometer von Stuttgart entfernt vor einem Problem, das so manchem Gleichaltrigen hierzulande bestens bekannt sein dürfte. Die 19-Jährige hatte in Hiroshima das japanische Abitur gemacht und nicht so recht gewusst, wie es weitergehen sollte. Ihr Weg führte sie schließlich für ein Jahr nach Schwäbisch Hall, wo sie Land und Leute kennen lernen wollte. Der Besuch hatte eine nachhaltige Wirkung auf die junge Japanerin. Seit Anfang des Jahres ist sie zurück in Deutschland. Am vergangenen Montag begann sie im Stuttgarter Norden eine Ausbildung zur Schuhmacherin.

Die kleine Werkstatt samt Laden von Davor Krivak auf dem Killesberg ist eine Welt für sich. An der Decke baumeln Leisten, der Geruch von Leder, Gummi und Klebstoffen liegt in der Luft, die alte Kasse mit der verzierten Handkurbel funktioniert selbstverständlich ohne Strom. Die Nähmaschine im Eck ist 80 Jahre alt, die Werkzeuge, mit denen Meister Krivak hantiert, sind nicht viel jünger. Vor 30 Jahren ist Krivaks Vater Milan als Schuhmacher in den Feuerbacher Weg gezogen, bald darauf begann der Sohn seine Ausbildung. Krivak liebt diesen Beruf, der in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen wird, weil ihn immer weniger ausüben und noch weniger erlernen wollen. Keiko Fukumitsu will ihn erlernen. Sie will ihn ausüben. So fand das ungleiche Duo zusammen.

"Ich habe ihr Lehrstellengesuch auf der Internetseite der Bundesinnung gesehen", erinnert sich Krivak. Im Frühjahr 2009 war das. Ein halbes Jahr lang beschnupperte man sich vorsichtig via E-Mail. Überprüfte, ob es der andere auch wirklich ernst meinte. Dann beschlossen beide Seiten, das Wagnis einzugehen. "Es ist ein großer Schritt für uns. Der Aufwand ist extrem hoch", sagt der Schuhmacher, dem anzumerken ist, dass er dieses Ausbildungsverhältnis als ein faszinierendes Abenteuer sieht, ein noch größeres fast als Keiko Fukumitsu. "Warum nehmen sie keinen Bewerber aus der Region?", wurde Krivak vom Lehrlingsbeauftragten der Handwerkskammer beim ersten Kontakt gefragt. Da antwortete er mit der Geschichte von dem 24-jährigem Mann mit dem abgebrochenen Studium, der im Vorstellungsgespräch den Eindruck erweckt habe, nach zwei bis drei Wochen bereits alles können zu wollen, was man können müsse. "Dabei braucht es zehn bis 15 Jahre, um wirklich gut zu sein", sagt Krivak. Der Mann von der Innung nickte seufzend, als wisse er genau, wovon sein Gegenüber spreche.

Keiko Fukumitsu scheint das nicht abzuschrecken. Ihr ist es ernst. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat hat sie zwei Jahre lang als Sekretärin gearbeitet und Essen ausgeliefert. Die Idee zu der Ausbildung und dem längeren Aufenthalt in Deutschland sei da schon präsent gewesen. Der Plan habe nur noch reifen müssen. "Die Menschen hier sind sehr nett. Es gibt so viele schöne Parks und das Leben ist nicht so hektisch wie in Japan." Nur das Essen von Mama, sagt sie und lacht, vermisse sie etwas.

Seit Januar lernt die inzwischen 22-Jährige fleißig deutsch, um auf der Berufsschule in München bestehen zu können. Mehrfach jährlich wird sie dort für jeweils zwei Wochen Blockunterricht haben. "Wenn jemand im bayerischen Dialekt spricht, muss sie gut Deutsch können, um ihn zu verstehen", sagt Krivak. Drei Jahre lang werden er und seine Schülerin miteinander auskommen müssen. Es scheint nicht so, als könnte das zu Problemen führen. Keiko Fukumitsu weiß längst, was sie nach dem Abitur noch nicht wusste. Und sie ist sich sicher. "Ich würde gerne länger als drei Jahre hier bleiben", sagt sie.

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