Delegationsreise nach Israel Risikobereitschaft liegt Israelis in den Genen

Von Arnold Rieger 

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (rechts) sind derzeit mit einer Delegation in Israel  unterwegs Foto: dpa
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (rechts) sind derzeit mit einer Delegation in Israel unterwegs Foto: dpa

Eine mehr als 70-köpfige Delegation informiert sich mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut in und um Tel Aviv und Jerusalem über Startups in Israel.

Jerusalem - Eine verwirrende Stadt. Voller Kontraste und Unverträglichkeiten. Wer am Rand der Jerusalemer Altstadt auf der luftigen Terrasse der Pilgerherberge „Paulus Haus“ steht, der lässt den Blick hinüber schweifen zum Ölberg, zum Felsendom und über das Häusermeer im Osten: Orient pur samt Gassen, Märkten und Ruinen. Doch gleichzeitig wachsen im Rücken modernste Gebäude mit Hochschulen, Kliniken und Behörden in den Himmel.

Von dort ist die baden-württembergische Delegation mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Wirtschaftsminiserin Nicole Hoffmeister-Kraut an der Spitze gerade herüber gekommen. Sozusagen aus einer anderen Welt. Sie waren bei Yissum, einer Technologie-Transfereinrichtung der Hebräischen Universität, die für High Tech, Startups, für das moderne Israel steht. Jetzt lehnen die mehr als 70 Unternehmer, Politiker und Verbandsvertreter an die Brüstung und schütteln den Kopf über die vielen Facetten dieses unruhigen Landes.

Auf der Suche nach Inspiration

„Wir wollen uns inspirieren lassen“, sagt die CDU-Wirtschaftsministerin und meint natürlich nicht den Nahostkonflikt, sondern das wirtschaftliche und technologische Kraftwerk Israel. Der Großraum Tel Aviv gilt neben dem Silicon Valley, wenn es um junge, innovative und stark wachsende Firmen geht, als kreativste Region der Welt. An die 5000 Startups soll es mittlerweile geben, was man auf deutscher Seite mit einer Mischung aus Selbstberuhigung, Neugier, aber auch Besorgnis registriert. „Wir machen uns oft schlechter als wir sind“, sagt Christoph Röscher von der Robert Bosch GmbH, die als globales Unternehmen längst in Israel vertreten ist und das dortige Potenzial für sich nutzt. „Bei uns geht die Gründerquote zurück, das macht mir Sorgen“, sagt andererseits Adrian Thoma vom Vorstand des Bundesverbands deutsche Startups. Dazwischen Unternehmer wie York Dlugokinski aus Sindelfingen, die ausloten, wie man mit den Israelis zusammenarbeiten kann.

Was also ist das Besondere an dieser Gründerkultur, und kann sich Baden-Württemberg etwas abgucken? Im Vicky Cristina, einem hippen Restaurant in einem früheren Bahnhof an der Tel Aviver Strandpromenade, erhalten die Baden-Württemberger erste Hinweise. Bei Tintenfisch, Lamm und anderen Mezze, jenen köstlichen orientalischen Häppchen, werden sie mit der israelischen Tugend vertraut, auf Perfektionismus zu verzichten. „Israelis kennen den kürzesten Weg zur zweitbesten Lösung“, flachst Grisha Alroi-Arloser, der Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Handelskammer, und bemüht ein Klischee: Eine gute Idee schnell umzusetzen, darin seien seine Landsleute gut. Schwierig werde es, sobald ein rechter Winkel gefordert sei.

Eine Verbeugung vor den akkuraten Schwaben

Das ist natürlich eine Verbeugung vor den akkuraten Schwaben. Doch ist es nicht gerade dieses sorglose Trial-and-Error, das Israel in Zeiten von Industrie 4.0 einen Vorsprung verschafft? Immer wieder taucht das Wort Risikobereitschaft auf, während mancher Deutscher bei Vicky Cristina darüber sinniert, welche Schattenseiten eine gute Konjunktur hat: „Die guten Leute gehen halt alle gleich zu Bosch und Daimler“, sagt Wilhelm Bauer, der Technologiebeauftragte des Landes. Die Hochschulen müssten noch stärker für Entrepreneurship werben. Volle Auftragsbücher ließen die Neigung, mal etwas Neues zu probieren, auch nicht gerade wachsen, wenden Unternehmer ein.

Ganz Israel ist ja im Grunde ein Startup-Land. Chuzpe und Risikobereitschaft liegen einer Nation, die von Feinden umgeben ist, quasi in den Genen. Und doch das ist nur einer von vielen Faktoren der Startup-Nation, wie ein Bestseller über Israel lautete. Bei Yissum, einer Technologie-Transfereinrichtung der Hebräischen Uni Jerusalem, erhält die Delegation weitere Hinweise. „Jüdische Mütter drängeln gern“, sagt Dana Gavish Fridman, die für das Marketing verantwortlich ist. Sie meint sich selbst: Ihr 13-jähriger Sohn nimmt schon in der Schule an Programmen teil, die ihn auf Entrepreneurship vorbereiten. Dabei ist Yissum, das laut Fridman in den vergangenen 50 Jahren mehr als 10 000 Patente bewirkt hat, nur eine von vielen Organisationen, die Unternehmensgründern helfen.

Das milliardenschwere Unternehmen Mobileye ist ein Yissum-Baby

Auch die Firma Mobileye war solches Baby von Yissum. Mittlerweile ist das Unternehmen, das Fahrassistenzsysteme herstellt und damit unter anderem BMW ausrüstet, längst kein Startup mehr. Vor wenigen Wochen hat es dadurch Schlagzeilen gemacht, dass der US-amerikanische IT-Riese Intel dafür 15 Milliarden Dollar auf den Tisch geblättert hat. Ab 2018 müssen alle Neuwagen in Israel übrigens mit solchen elektronischen Helfern ausgestattet sein, die beispielsweise den Fahrer bei unbeabsichtigtem Spurwechsel warnen.

Dass auch das Militär bei Unternehmensgründungen eine wichtige Rolle spielt, vor allem Spezialisten, die mit dem Cyber-War vertraut sind, verschweigt keiner der Gesprächspartner. Einer verblüfft Kretschmann damit, dass er bekennt, es sei wichtiger, in welcher Einheit man gedient habe, als von welcher Hochschule man komme. Es gibt jedenfalls ein enges Netzwerk von Ehemaligen, die sich mit moderner Technologie selbstständig machen. Dieser ohnehin fruchtbare Humus wird noch dadurch gedüngt, dass hunderte global agierende Unternehmen in Israel Forschungszentren unterhalten, zumeist solche aus den USA. „Die Gründer haben auch keine Angst, aufgekauft zu werden, dann gründen sie eben wieder ein neues Unternehmen“, sagt David Abraham, der Chef des Forschungs- und Technologiebüros von Bosch in Tel Aviv.

Dem Land fehlt mit seinen 8,5 Millionen Menschen der Markt

Es ist also das Produkt vieler Faktoren, die Israels Startup-Wunder hervorbringt. Und doch fehlt dem Land etwas ganz Entscheidendes: der Markt. Die kaum rund 8,5 Millionen Menschen sind dafür zu wenig, außerdem ist Israel eingemauert. „Baden-Württemberg hat diesen Marktzugang zu bieten, das ist für Israel eine große Chance“, sagt Adrian Thoma vom Startup-Verband. Auch industrielles Know-how, wie es etwa deutsche Mittelständler besitzen, käme dem Land zu Gute, glaubt Mickey Steiner, der ehemalige Chef von SAP Israel. Startup und Mittelstand: diese Kombination wird in diesen Tagen immer wieder beschworen.

Die Wirtschaftsministerin will rasch darauf reagieren und hat bereits mit dem israelischen Generalkonsulat die Einrichtung einer Vermittlungsstelle vereinbart: Ein Repräsentant soll Israelis und Deutsche in Kontakt bringen - ein Novum in der deutschen Wirtschaftslandschaft. „Wir sollten die Israelis nicht kopieren, aber mit ihnen stärker kooperieren“, sagt die CDU-Politikerin.

Die Art, wie Firmen mit Kapital ausgestattet werden, ist nachahmenswert

Durchaus nachahmenswert sehen viele Delegationsteilnehmer aber die israelische Art, junge Firmen mit Kapital auszustatten. Dass staatliche Hilfe notwendig ist, daran lässt in Israel niemand Zweifel. Wer in Deutschland scheitere, erhalte doch von den Banken kein Geld mehr, sagt Unternehmer Dlugokinski. Dass Baden-Württemberg jetzt ganze fünf Millionen Euro Wagniskapital zur Verfügung stellen will, obwohl doch 20 Millionen in Aussicht gestellt worden waren, wird jedenfalls von vielen milde belächelt.

Und wie ist das mit Vorbehalten gegen Deutschland? Dass der Holocaust das Verhältnis zu Israel immer prägen wird, erfährt Kretschmann bei seinem Besuch in Yad Vashem, der Gedenkstätte für die Opfer der Judenvernichtung durch die Nazis. Doch die Zeiten, dass Israelis deutsche Produkte mieden oder sogar Erich Kästners Kinderroman „Pünktchen und Anton“ in Wien statt in Berlin spielen ließen, sind längst vorbei. Supermodel Bar Refaeli wirbt jedenfalls für Sonnenbrillen der Marke „Carolina Lemke, Berlin“.

Kretschmann: „Wir sind nicht schlecht, aber anders.“

Und was nimmt die Politik nun aus dem Nahen Osten mit? „Wir sind nicht schlecht, aber anders“, sagt Kretschmann. Die Startup-Szene im Südwesten sei sehr wohl vorhanden, sie müsse aber sichtbarer werden: „Nur dann zieht man neue Leute an.“ Auch Berlin zu kopieren, bringe nichts, jede Region müsse vielmehr ihre eigene DNA entwickeln, sagt Adrian Thoma. Wer Startup als hippes Lebensgefühl begreife, der ziehe vielleicht nicht ins Schwabenland, sondern eben nach Berlin oder gar Tel Aviv. Doch technikorientierte Gründer wüssten was sie am Südwesten haben.

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