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Debatte: Obdachlosigkeit in Stuttgart Wer genau hinschaut, sieht die Armut

Von Hanna Spanhel 

Thomas Schuler zeigt Interessierten regelmäßig die Kehrseite der Stadt – die Plätze, an denen Armut und Obdachlosigkeit zu sehen sind. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Thomas Schuler zeigt Interessierten regelmäßig die Kehrseite der Stadt – die Plätze, an denen Armut und Obdachlosigkeit zu sehen sind.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Diskutieren Sie mit - Knapp 3700 Wohnungslose gibt es im Großraum Stuttgart – wo und wie sie leben, fällt im Stadtbild kaum auf. Ein Stadtrundgang mit einem ehemaligen Obdachlosen zeigt Stuttgarts Schattenseiten und sogenannte Brennpunkte, abseits von hübschen Plätzen und luxuriösen Einkaufsstraßen.

Stuttgart - Es ist kalt geworden. Ein ­beißender Wind zerrt an der roten Jacke von Thomas Schuler, und die einbrechende Dämmerung hüllt den kleinen, von Bäumen umsäumten Platz neben der Paulinenbrücke in dunkle Schatten. Kalt? Thomas Schuler schüttelt den Kopf. Nein, kalt ist etwas anderes. Kalt ist, wenn man bei gefühlten minus 24 Grad auf einer Parkbank schläft, nur in einen Schlafsack gehüllt. Kalt waren die Winter, als die Straße noch sein Zuhause war und der Alkohol seine Sinne benebelte, sagt er.

Den Platz bei der Paulinenbrücke kennt Thomas Schuler gut. Der 50-Jährige deutet mit der Hand auf ein paar Gestalten, die sich in den Schatten der Brückenpfeiler drücken. „Ich erkenne gleich, wer hier ist, um an Drogen zu kommen“, sagt Schuler. Hier treffen sich Heroinabhängige, Obdachlose, Alkoholiker. Die Paulinenbrücke gilt als sozialer Brennpunkt, als Drogenumschlagplatz der Stadt. Acht Jahre lang war es hier etwas ruhiger gewesen, erzählt Schuler, weil die Stadt 2007 die Tankstelle am Rupert-Mayer-Platz abriss und so versuchte, Drogenabhängige zu vertreiben. Heute sei der Platz wieder das, was er vorher war. Einer von den Orten, die das „andere Stuttgart“ prägen, wie Schuler sagt.

An diesem grauen Winternachmittag führt Thomas Schuler an viele solcher Orte. Schuler ist Stadtführer, aber keiner, der einem den Schlossplatz oder den Hans-im-Glück-Brunnen zeigt. „Ich will zeigen, dass es auch ein anderes Stuttgart gibt“, sagt er. Ein Stuttgart fern von luxuriösen Einkaufsläden, von schicken Restaurants oder hübschen Plätzen. Das Stuttgart der Obdach­lo­sen, Ausgegrenzten, Armen. „Wenn man keinen Blick dafür hat, geht man an solchen Orten einfach vorbei“, sagt Schuler. „Die Armut hier spielt sich im Hintergrund ab. Man sieht sie nur, wenn man genau hinschaut.“

Von einem Tag auf den anderen abgestürzt

Schuler zieht an seiner Zigarette, zerrt ein bisschen an der Leine seines Hundes und drängt zum Weitergehen. Jahrelang war er selbst obdachlos, schlief auf Parkbänken und begann schon morgens mit dem Trinken. Der Alkohol war auch die vermeintliche Zuflucht gewesen, an diesem Tag vor etwa 30 Jahren, als er während der Ausbildung zum Koch Ärger mit seinem Chef bekam. Damals lebte er noch in Freiburg. Nach dem Ärger flüchtete Schuler in seine Stammkneipe, ­betrank sich und stieg irgendwann in der Nacht in ein fremdes Auto. „Als ich aufgewacht bin, war ich auf einem Parkplatz in einer völlig fremden Umgebung. Das war Stuttgart“, erzählt er. Keinen Pfennig hatte er da mehr bei sich – sein Erspartes, das er in Freiburg noch abgehoben hatte, war versoffen und vielleicht auch gestohlen. Schuler vertraute sich einem Obdachlosen an. „Mit einem Schluck Korn sehe die Welt ganz anders aus, hat der Mann mir damals gesagt. So hat das seinen Lauf genommen.“ Von einem Tag auf den anderen war Schuler obdachlos, rutschte immer tiefer in einen Sumpf aus Scham, Alkoholsucht, Armut. „Irgendwann kommst du nicht mehr raus. Dir ist alles egal – es geht nur noch darum, wie du an Alkohol kommst“, sagt er heute.

Der Schlupfwinkel in der Schlosserstraße, das Winternotquartier an der Hauptstätter Straße, die Redaktionsräume der Straßenzeitung „Trott-war“, die Substitutionsambulanz im ehemaligen Café Maus, das Bohnenviertel hinter der Leonhardskirche: Orte für alle auf der Schattenseite von Stuttgart. Eine Anlaufstelle für Straßenkinder, eine Station für ehemals Heroinabhängige, der Straßenstrich. Rund 3700 Wohnsitzlose gibt es derzeit im Großraum Stuttgart – das sind knapp 150 Menschen mehr ohne festen Mietvertrag als noch im Vorjahr. Zwischen 20 und 60 davon leben auf der Straße, heißt es von der Stadt. Sie sind auf Anlaufstellen und Notquartiere angewiesen. Der Stadtrundgang mit Thomas Schuler ist auch ein Rundgang an Orte, an denen es Nothilfe gibt.

Gezeigt werden auch Orte der Nothilfe

Er steht vor der Franziskusstube in der Paulinenstraße. Hier gibt es jeden Tag ­kostenloses Frühstück für Obdachlose. Er deutet mit der Hand etwas weiter die Straße hinunter, Richtung Österreichischer Platz. „Die wichtigste Anlaufstelle für Obdachlose hier in Stuttgart“, sagt er. In dem Komplex an der Hauptstätter Straße, direkt neben der Notübernachtung für Drogenabhängige, ist die Zentrale Fachstelle der Wohnungsnotfallhilfe untergebracht. Hier werden Wohnungslose, die ihre Notlage nicht aus eigener Kraft überwinden können, in Wohnheime und Unterkünfte vermittelt. „Man kann schon Hilfe bekommen“, sagt Schuler. „Aber viele wollen nicht so recht – oder können nicht, weil sie schon zu tief drin sind im Teufelskreis der Sucht.“ Weil sie sich daran gewöhnt haben, keine Auflagen erfüllen zu müssen oder Regeln zu befolgen. Oder weil sie sich schämen. So war das auch bei ihm, erzählt Schuler. Jahrelang habe er sich nicht getraut, Hilfe zu verlangen. Schämte sich dafür, dass er seine Hose wochenlang nicht wusch oder dass er so abhängig war vom Alkohol. Aber das Leben auf der Straße war hart, vor allem im Winter. Also meldete er sich irgendwann doch, kam in ein Männerwohnheim und erhielt staatliche Hilfe.

Es nieselt nun ein wenig. Thomas Schuler geht von der Paulinenbrücke aus Richtung Rathaus. Die letzte Station auf seinem Rundgang ist die Leonhardskirche. Einmal im Jahr öffnet hier die Vesperkirche – vom 17. Januar bis 5. März gibt es hier täglich ein warmes Mittagessen für Bedürftige. Auf dem Spielplatz dahinter, erzähle man sich, seien etliche vergrabene Heroinspritzen zu finden. Mit Heroin oder anderen harten Drogen habe er selbst nie etwas zu tun gehabt, sagt Schuler. Seine Droge war der Alkohol, das kannte er schon von seinem Vater.

Vor 13 Jahren kommt der Wendepunkt

Am Schluss waren es bei Schuler drei bis vier Flaschen Wodka am Tag – an die drei Promille waren Normalzustand. „Irgendwann habe ich mich gefragt, was ich da eigentlich tue. Ich wusste, wenn ich so weitermache, bin ich bald tot.“ Das war der Wendepunkt. Und dann war da noch eine Frau, die ihn vor die Entscheidung stellte: der Alkohol oder ich. Schuler machte eine Entgiftungskur – das ist nun 13 Jahre her. Seitdem ist er trocken, heiratete, kam zusammen mit seiner Frau in eine Wohnung. Dann begann er, bei Trott-war als Verkäufer der Straßenzeitung zu arbeiten. Zuerst als freier Verkäufer, irgendwann konnte er aufstocken, mehr verdienen. Und dann kamen 2006 die Stadtführungen dazu. Heute macht er mehrmals die Woche so eine Stadtführung, hauptberuflich. Seit einem halben Jahr bezieht er daher kein Hartz IV mehr. „Auf einmal bist du wieder im System drin, bist zurück im Leben“, sagt Schuler. „Ich bin der, der es geschafft hat. Was meinen Sie, wie das das eigene Selbstwertgefühl steigert.“

6 Kommentare

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  1. Kommentarregeln Registrieren Login

Ich gebe gerne an Mensch und Tier, obgleich ich selbst wenig habe (nur kurz angemerkt). Und wenn ich gebe, dann um des Gebens willen, und ich entscheide dann auch nicht, ob sich jemand davon Alkohol oder Grünkernbratlinge kauft. Das ist ein Akt, ein Akt der Menschenliebe und wenn man es nicht gerne macht oder Dank oder sonstwas als "Gegenwert" erwartet, dann hat das Geben keinen Sinn, dann ist das ein "Tausch": Ich bin gut und du bist gefällgst dankbar! Dann sollte man es sein lassen. So ersparen Sie sich Enttäuschungen.

So ein Unsinn.Wer sich nicht bedankt,der hat keinerlei Anstand.Von selbigen Menschen würden Sie in Not keinen Pfifferling bekommen.Ausserdem gibt es das Konstrukt Armut und gleichzeitig High Tech Smartphone nur in Deutschland.Gehen Sie mal nach New York,Johannesburg.Dann sehen und wissen Sie,was Armut ist.

Dann ist es halt Unsinn in ihren Augen. Aber gerne können wir mal Anstand definieren: Artig Danke sagen für ein Almosen oder den Anstand zu haben eventuelle menschliche Defizite bzw. vielleicht auch nie Gelerntes oder Verlerntes zu übersehen. Anstand zu habe, sich nicht über andere zu erhöhen, Anstand zu haben einfach nicht neidisch zu sein auf ein Smartphone einer armen Prostituierten. Mir reicht die Armut in Deutschland, denn ich schaue hin und helfe und es nützt niemandem auf noch Ärmere zu verweisen.

"Denn die im Dunkeln sieht man nicht" - endlich bekommen auch diese Menschen eine Stimme. Jeder Mensch ist ein Kind Gottes, ob Flüchtlinge, Obdachlose oder Süchtige. Und jeder Mensch sollte sich seines Mensch-Seins erinnern, u.a. nämlich füreinander da zu sein und zu helfen. Gerade diese Menschen fallen durch das Raster, werden aus der Stadt gekarrt, damit das Stadtbild nicht leidet. Jeder Juppi läuft sich zur Zeit die Sohlen ab um seine Marken-Klamotten Flüchtlingsheimen zu spenden, das ist chic. Pennern und Trinkern zu helfen ist pfui, da schaut man weg, der Trottwar-Verkäufer wird ignoriert und ich schäme mich für alle diese herzlosen Menschen, wenn ich durch Stuttgart gehe. 5 Tüten in jeder Hand aber keine 2,50 € für eine Zeitung von einen armen Menschen. Ja ja, lieber Herr Nil, bleiben sie schön auf ihrem hohen Ross, vielleicht ereilt sie auch mal ein Schicksalsschlag und sie sind froh über eine helfende Hand.

Das was Sie schreiben,stimmt so aber einfach nicht.In der Vorweihnachtszeit gab ich einer sog.Armutsprostituierren im Leonhardsviertel 20 Eur.Einfach so als Weihnachtsgeschenk.Geld wurde eingesackt.Bedankt wurden sich nicht.Danach klimperte die "arme Frau" auf einem Samsung Galaxy S6 herum.Die Stuttgarter haben so was schon oft genug gesehen oder gehört.Erklären Sie auch mal bitte wie Obdachlose Alkohol für 30 Euro am Tag kaufen können.Der kleine Arbeitnehmer kann das nicht.

Mir fehlt das Verständnis für viele dieser Menschen.Sie betrinken sich,spritzen Drogen.Das alles kostet Unmengen Geld.Bei Ihrem Weg gefährden sie ohne Rücksicht andere(siehe Spritzen Spielplatz).Ausserdem: das Bohnenviertel ist befriedet.Den Strassenstrich gibt es gerade gar nicht.Das ist doch Stand der Dinge vor 5 Jahren und zuvor.Keiner wird gezwungen dermassen verantwortungslos zu leben.Normale Bürger werden beschimpft,verunglimpft von dieser Personengruppe.Dürfen aber gern.die Tausender für Subst. Hiv Therapie und co bezahlen.

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