Was kann man aus seinem Leben noch machen, wenn einen ein Schicksalsschlag in den Rollstuhl zwingt? Die Antwort gibt der neue Film von Heidi und Bernd Umbreit: unglaublich viel. "Tour ins Ungewisse" lautet der Arbeitstitel für die 45-minütige Dokumentation, die voraussichtlich im März oder April im Fernsehen zu sehen sein wird. Vom SWR hätten sie schon die Sendezeit 20.15 Uhr zugesagt bekommen, sagt Bernd Umbreit. "Klasse wäre es, wenn der Film in der ARD läuft." Die Chancen stehen gut, denn es handelt sich um eine Gemeinschaftsproduktion mit dem NDR.
"Etwas, das es noch nie gab" haben die Oberstenfelder Eheleute nach eigener Aussage miterleben dürfen. Denn die beiden drehen nicht einfach nur Filme - sie lassen sich von den Menschen berühren, über die sie berichten. Das war auch dieses Mal so.
So genannte Tetras sind die Hauptdarsteller. Sie nennen sich selbst so. Das Wort ist die Kurzform für den Begriff "Tetraplegiker". Darunter versteht man Menschen, die so querschnittgelähmt sind, dass alle vier Gliedmaßen, also Beine und Arme, betroffen sind. Je nachdem, welcher Halswirbel verletzt wurde, ist der Ausfall der Armmuskulatur mehr oder weniger stark ausgeprägt. Rumpf- und Beinmuskulatur fehlen auf jeden Fall komplett. Allen "Tetras" gemein ist, dass sie keine oder nur eine eingeschränkte Fingerfunktion besitzen.
Eigentlich hatte er gar keine Zeit, als ein Arzt anrief und ihn fragte, ob er Interesse an der Geschichte habe, erinnert sich Umbreit. Das "Tetra-Team" hatte sich aber etwas schier Unglaubliches vorgenommen - und so etwas weckt bei Bernd Umbreit die Neugierde. Deshalb schaute er, wer von den vier Männern zwischen 23 und 48 Jahren am nächsten wohnte, wollte wenigstens einen kennenlernen. Zur Auswahl standen Magdeburg, das fränkische Gunzenhausen, Zuzmershausen im bayerischen Schwaben - und Heidelberg, wo er dann hinfuhr. "Total perplex" sei er gewesen, weil das Quartett plante, von Sonthofen nach Flensburg zu fahren. Vom südlichsten zum nördlichsten Ort Deutschlands sind es immerhin etwa 1100 Kilometer. Und das mit Handbikes. Und in weniger als 72 Stunden.
Er habe schlucken müssen, sagt Bernd Umbreit. "Das kann man sich gar nicht vorstellen." Er war jedenfalls so gefesselt, dass er alle Hebel in Bewegung setzte. Seine Begeisterungsfähigkeit, seine mitreißende Art - und nicht zuletzt das Renommee, das die Umbreits mittlerweile genießen - haben den zuständigen Chefredakteur beim SWR überzeugt. "Das machen wir", habe dessen knappe Zusage gelautet.
Gerade einmal eine Woche hatten die Eheleute Zeit für die Vorbereitung. Dann ging es im vergangenen Sommer auf die Reise. Und die war aufregend. Nicht bloß, weil einer der "Tetras" bei der Tour zusammenbrach, nicht mehr weiter konnte. Aber die vier hatten auch daran gedacht und einen Ersatzmann in der Hinterhand.
Begleitpersonen waren ebenfalls nötig. Wenn es zu warm war, lief einer neben dem jeweiligen Fahrer her und schüttete ihm Wasser über den Kopf. Denn eine weitere Begleiterscheinung der Tetraplegie besteht darin, dass schwitzen nicht mehr möglich ist. Unter großer Belastung und bei hohen Temperaturen kann das schnell gefährlich werden. Er habe "großartige Menschen" erlebt, die sich selbst nicht als Helden sehen würden, sagt Umbreit. Und Mitleid wollten sie sowieso nicht. Ihr Argument: "Woher will ein anderer wissen, dass es ihm besser geht als uns?"
Die vier beziehungsweise fünf, die sich in der Reha kennen gelernt hatten, lösten sich jeweils ab - fuhren quasi ein Staffelrennen. An Schlaf war trotzdem kaum zu denken - natürlich auch nicht für das Filmer-Ehepaar. Doch die Begeisterung hielt sie wach. Das musste auch so sein, denn die beiden arbeiten grundsätzlich zu zweit. Bernd Umbreit führt die Kamera, seine Frau Heidi kümmert sich um den Ton.
Auf ein großes Team und aufwändige Technik verzichten die Oberstenfelder. "Man muss nur mit dem Herzen dabei sein und offen", beschreibt Bernd Umbreit ihr Erfolgsgeheimnis. 1984 haben sie ihre Firma "Filme als Anliegen" gegründet. Der Name ist Programm - denn nur solche Dokumentationen wollen sie drehen. Drehbücher gebe es keine. "Die schreibt das Leben sowieso immer anders", sagt der 61-Jährige. "Ich nehme meine Kamera und lasse mich inspirieren."
Der Ausgang sei immer offen. Nicht zuletzt, weil die Beteiligten jederzeit aussteigen könnten. Was sie aber nicht tun. Denn die Umbreits sind nah an den Menschen dran. "Drehen auf Augenhöhe" nennt das Bernd Umbreit. Ein Honorar gibt es für die Protagonisten übrigens nicht. Lediglich die Kosten würden ihnen ersetzt.
Kalt lassen ihn die Geschichten nicht, erst recht nicht die Menschen dahinter. Das hört man besonders, als Umbreit von dem jungen Mädchen erzählt, das sie derzeit für einen zweiten Film begleiten. Die 22-Jährige habe Knochenkrebs, unheilbar. Man habe ihr schon etliche Tumore aus der Wirbelsäule herausgeschnitten. "Andere Mädels in dem Alter schmieden Pläne für die Zukunft, überlegen sich, welchen Beruf sie ergreifen. Sie denkt ans Sterben", sagt Umbreit mit bewegter Stimme. Da frage man sich schon einmal: "Gibt"s Gott?" Auch hier wurden sie gezielt angesprochen, eine Krankenpflegerin habe sie informiert. "Wenn man jahrelang solche Filme macht, hat man natürlich schon einen guten Ruf", weiß Umbreit.
Wie lange der Dreh noch dauert? "Das wissen wir nicht." Allerdings habe die junge Frau wohl nicht mehr sehr lange Zeit. "Dass sie sterben wird, ist klar", sagt Umbreit. Er und seine 59-jährige Frau wollen mehr sein als nur Dokumentare. Sie lassen zu, dass sich eine Beziehung zu den Menschen aufbaut, mit denen sie arbeiten.
So ist es auch bei der 22-Jährigen. Derzeit sei für sie die Schweiz ein Thema, erzählt Umbreit - also die Frage, wie lange sie ihr Leiden und ihre Schmerzen noch aushalten wolle und könne, oder ob sie dem selber ein Ende bereite. Im Nachbarland wäre das leichter. Die Umbreits würden sie auf jeden Fall auch dorthin begleiten. "Ich versuche aber gerade, ihr den Gedanken an ein Hospiz näher zu bringen, erklärt Umbreit, der einräumt, dass ihn so ein Schicksal "schon packt".
So unterschiedlich die beiden Filme sind - so sehr identifizieren sich die Umbreits mit dem, was sie tun. "Wir wollen nichts anderes machen als Dokumentarfilme", betont Bernd Umbreit. Die Frage, wie viele Preise sie bereits bekommen haben, kann er nicht beantworten. "50 sind"s wohl schon. Irgendwann haben wir aufgehört zu zählen." Aus seiner Sicht ist das nur konsequent: "Es geht schließlich nicht um uns, sondern um unsere Filme."
Und für ihre Dokumentationen sind sie hartnäckig, bleiben auch mal längere Zeit an einem Thema dran. Der längste Dreh habe sich über sieben Jahre erstreckt, sagt Umbreit. Das relativiert dann auch die 70 000 bis 100 000 Euro, die die Sender für einen 30- bis 45-minütigen Film zahlen.
Meist arbeiten er und seine Frau parallel an mehreren Werken. Im Moment sind sie gerade dabei, den Film über die "Tetras" zu schneiden. Ob diese ihr Ziel in der angepeilten Zeit erreicht haben, möchte Umbreit natürlich noch nicht verraten.