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Daniel Cohn-Bendit: S21-Widerstand vergleichbar mit der 68er-Revolte

dpa/lsw, vom 08.01.2011 18:22 Uhr
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Berlin/Stuttgart - Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit hat den Widerstand gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21 in eine Reihe mit der Studentenrevolte von 1968 gestellt. In beiden Fällen handele es sich um einen Machtkampf mit den Regierenden, sagte der Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament in einem Interview mit der „taz“ am Samstag.

1968 seien die Demonstranten aus Angst vor einem wiederkehrenden Faschismus auf die Straße gegangen. Heute sei es die „Angst vor der Globalisierung und der Modernität“. Er selbst bezeichnete den Plan, den Stuttgarter Kopfbahnhof in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umzubauen, als „ein Projekt der 80er Jahre, ein Anachronismus“.

"Dann müssen sich alle bewegen“

Die Landtagswahl Ende März im Südwesten kann für Cohn-Bendit zu einer entscheidenden Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte werden: „Wenn die FDP unter fünf Prozent fällt, ist das bürgerliche Lager erdolcht“, sagte er. Die CDU hätte dann keinen Koalitionspartner mehr. „Das wäre das Spannendste, was der Bundesrepublik passieren kann. Dann müssen sich alle bewegen.“ Denn auch eine Große Koalition sei für den Bund „perspektivlos“. Damit gebe es die Orientierungsmarken der Nachkriegszeit nicht mehr.

Cohn-Bendit rechnet damit, dass das konservative Lager bei den Bürgschaftswahlen in Hamburg herbe Verluste hinnehmen muss. Danach werde der „Wutbürger“ auch bei Landtagswahl in Baden-Württemberg Ende März entsprechende Quittungen verteilen. Grün-Rot werde die Regierung übernehmen - unter Führung eines Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann von den Grünen. Allerdings werde die SPD eine solche Regierung nur mittragen, wenn sie in Hamburg vor den Grünen landen, ist Cohn-Bendit überzeugt.

Die Politik der Sozialdemokraten zu Stuttgart 21 nannte er „katastrophal“. Der künftige Ministerpräsident Kretschmann werde „alle seine rhetorischen und politischen Fähigkeiten aufbringen müssen“, um rational aus dem Konflikt um Stuttgart 21 rauszukommen. Dies sei deshalb schwierig, weil die „emotionale Radikalität“ mancher Gegner „die Sperre zu einer rationalen Verarbeitung ist“.

 

Kommentare (55)
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FEB
02
08:12 Uhr, geschrieben von Lilith
Modernität???
Nein es geht nicht um die "Angst vor der Globalisierung und der Modernität", natürlich wollen wir, die auf die Straße gehen, einen Modernen Bahnhof haben. Es geht um den Bahntechnischen Rückschritt, den dieses Projekt mit sich bringt. EIn Tiefbahnhof ist nicht modern, sondern in Stuttgart fehl am Platz. 80% der Bahnreisenden in Stuttgart steigen hier ein oder aus, nur 20% steigen um. Aus diesem Grund haben die Planer damals schon einen Kopfbahnhof gebaut. S 21 bringt: - schlechtere Bahnverbindungen (vor allem im Nahverkehr) - neue Gleisengstelle (Verspätungen werden übertragen) - Gefahr für das wertvolle Ökosystem Schlosspark (alte Bäume beherbergen vorm Aussterben bedrohte Tierarten) - Gefahr für Mineralquellen - Gefahr für Luftzufuhr im Stuttgarter Kessel (der "Tiefbahnhof wir eine hohe! Schneise durch die Stadt ziehen) etc... Wenn Milliarden investiert werden, wollen die Stuttgarter, dass sich etwas im Bahnverkehr verbessert, nicht verschlechtert. K21 wäre die wirklich moderne und angepasste Lösung!
JAN
16
08:55 Uhr, geschrieben von Anonymer Benutzer
Rationale Politik von Cohn-Bendit gefordert ...
O.k. Das heißt für mich - trotz Wahlkampf: es geht in Stuttgart nur um eine Infrastrukturprojekt inclusive Städtebau mit aufs Ganze und relativ gesehen hohen aber nicht exorbitanten Kosten. Was gebaut werden soll, kann man rational so sehen oder anders sehen, aber es geht nicht um Weltuntergang, um Ende der Demokratie, um Systemwechsel, um Lügenpack und vieles andere Schreckliche mehr. Ist doch wahr! Recht hat er, der Cohn-Bendit!
JAN
13
11:55 Uhr, geschrieben von Anonymer Benutzer
Cohn-Bendit ist für interessante Gedanken immer gut.
Ich schätze Cohn-Bendit, vor allem auch in Talk-Shows. Er hat auch die Gabe zur öffentlichen Selbstkritik, was ihn vor andern Politikern auszeichnet. Wenn er sagt, dass die „emotionale Radikalität“ mancher Gegner „die Sperre zu einer rationalen Verarbeitung ist“, dann ist das kritisch gegen den "Widerstand" (!) gegen Stuttgart 21. Genauer sagt er es im Zürcher Tages-Anzeiger. // Frage Tages-Anzeiger: "Beobachten wir im Moment nicht das Gegenteil? Dass sich Bürger in sogenannte Wutbürger verwandeln und sich in Stuttgart, Gorleben oder an den Wahlurnen über demokratisch gefasste Entscheide oder das Völkerrecht hinwegsetzen?" // Antwort Cohn-Bendit: "Sie haben recht. Wir haben es im Moment mit den gefährlichsten populistischen Strömungen zu tun. Wir haben zum einen den Hang zum «Bewusstsein der Lega Lombarda», wie ich es nenne. Dieses ist geprägt vom «Ich zuerst und ich allein» – was interessiert mich Italien, mich geht nur mein Mailand und mein Norditalien an. Gleichzeitig haben wir 40 Jahre lang die falsche Einwanderungspolitik gemacht, nämlich keine, und bezahlen jetzt den Preis dafür mit islamophober Demagogie, mit Ablehnung und Angst. Zudem haben wir eine Globalisierung, die wir nicht regulieren wollten, weshalb sie den Menschen Furcht einflösst. Schliesslich haben wir eine von den Grünen mitproduzierte Haltung, die man umschreiben könnte mit «Mein Bauch und ich und meine Angst sind alles». Nehmen Sie «Stuttgart 21», das ist zwar ein bedeppertes Projekt. Aber unter uns: Die Welt geht doch nicht unter, wenn dieser Bahnhof unter der Erde gebaut wird. Es mag richtig sein, gegen dieses Projekt zu sein. Wenn ich aber sehe, dass in Stuttgart Menschen in hysterische Schreikrämpfe ausbrechen, wenn ein Baum gefällt wird, muss ich mich selbst fragen, ob wir mit unserer gefühls- und ichbezogenen Politik nicht der rationalen Politik den Teppich unter den Füssen weggezogen haben." // Mir gefällt dieses Plädoyer für "rationale Politik" - die haben die meisten Gegner von Stuttgart 21 leider verlassen.
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