Berlin/Stuttgart - Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit hat den Widerstand gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21 in eine Reihe mit der Studentenrevolte von 1968 gestellt. In beiden Fällen handele es sich um einen Machtkampf mit den Regierenden, sagte der Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament in einem Interview mit der „taz“ am Samstag.
1968 seien die Demonstranten aus Angst vor einem wiederkehrenden Faschismus auf die Straße gegangen. Heute sei es die „Angst vor der Globalisierung und der Modernität“. Er selbst bezeichnete den Plan, den Stuttgarter Kopfbahnhof in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umzubauen, als „ein Projekt der 80er Jahre, ein Anachronismus“.
"Dann müssen sich alle bewegen“
Die Landtagswahl Ende März im Südwesten kann für Cohn-Bendit zu einer entscheidenden Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte werden: „Wenn die FDP unter fünf Prozent fällt, ist das bürgerliche Lager erdolcht“, sagte er. Die CDU hätte dann keinen Koalitionspartner mehr. „Das wäre das Spannendste, was der Bundesrepublik passieren kann. Dann müssen sich alle bewegen.“ Denn auch eine Große Koalition sei für den Bund „perspektivlos“. Damit gebe es die Orientierungsmarken der Nachkriegszeit nicht mehr.
Cohn-Bendit rechnet damit, dass das konservative Lager bei den Bürgschaftswahlen in Hamburg herbe Verluste hinnehmen muss. Danach werde der „Wutbürger“ auch bei Landtagswahl in Baden-Württemberg Ende März entsprechende Quittungen verteilen. Grün-Rot werde die Regierung übernehmen - unter Führung eines Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann von den Grünen. Allerdings werde die SPD eine solche Regierung nur mittragen, wenn sie in Hamburg vor den Grünen landen, ist Cohn-Bendit überzeugt.
Die Politik der Sozialdemokraten zu Stuttgart 21 nannte er „katastrophal“. Der künftige Ministerpräsident Kretschmann werde „alle seine rhetorischen und politischen Fähigkeiten aufbringen müssen“, um rational aus dem Konflikt um Stuttgart 21 rauszukommen. Dies sei deshalb schwierig, weil die „emotionale Radikalität“ mancher Gegner „die Sperre zu einer rationalen Verarbeitung ist“.