Stuttgart - Das Rekordjahr beim Autobauer Daimler flutet auch wieder das Konto des Chefs: Dieter Zetsche verdient 2011 fast 9 Millionen Euro. Das ist mehr als die meisten Hauptgewinne im Lotto bringen. Ist das noch gerecht?
8,813 Millionen Euro - Daimlers Boss Dieter Zetsche hat im Rekordjahr seines Unternehmens auch rekordverdächtig verdient. Für einen Normalsterblichen sind das schwindelerregende Sphären. In Baden-Württemberg liegt der durchschnittliche Brutto-Jahresverdienst bei 45 150 Euro. Dafür benötigt Herr Zetsche nicht einmal zwei Tage. Rechnerisch verdient der Top-Manager rund 1000 Euro in jeder einzelnen Stunde eines Tages. Das Pikante an seiner Entlohnung: Daimler hat Zetsches Zaster im Vergleich zum Vorjahr konstant gehalten - und das trotz besserer Konzernergebnisse. Eine Reform der Vergütung ist schuld.
Für Rückstellungen bekäme der VfB sechs Mal Stürmer Ibisevic
Am Hungertuch nagen muss der 58 Jahre alte Top-Manager aber freilich nicht. Zwar fließen die 8,8 Millionen Euro nicht sofort komplett auf sein Konto, sondern enthalten mittel- und langfristige Teile, die erst später ausgezahlt werden und dabei auch schrumpfen könnten. Und auch der Daimler-Vorstandschef muss natürlich Steuern zahlen. Eines aber ist sicher: Da Zetsche schon länger dabei ist und dementsprechend von Boni der Vergangenheit profitiert, dürfte er der mit Abstand am besten versorgte Mitarbeiter bei Daimler sein. Allein die Rückstellungen für Zetsches Ruhestand haben einen Barwert von sage und schreibe knapp 30 Millionen Euro. Mit dem Gegenwert könnte man dem VfB Stuttgart sechs Mal den Starstürmer Ibisevic kaufen.
Mit 29 Millionen Euro liegen die gesamten Vorstandsvergütungen bei Daimler diesmal gut drei Millionen Euro höher als im Vorjahr. Das ist allerdings vor allem dem zusätzlichen Vorstandsmitglied Christine Hohmann-Dennhardt im neuen Ressort Integrität und Recht geschuldet. Abgeschlagen hinter dem Boss rangiert Finanzvorstand Bodo Uebber, dessen Bezüge (3,843 Mio Euro) leicht über denen der anderen liegen.
Erstmals griff bei Daimler dieses Jahr eine Reform der Vergütung. Die drei Säulen Grundgehalt, Boni und Aktienpakete sind stärker als bisher an langfristige Faktoren gekoppelt. Dadurch bekommt Zetsche trotz operativen Rekordgewinns (2011: 8,76 Milliarden Euro) keinen Rekordbonus.
Wo ist das Maß bei Managergehältern?
Doch wie misst ein Konzern eigentlich eine gerechte Vergütung? Die Gruppe der Geschäftsführer verdient in Baden-Württemberg laut Einkommensstatistik im Schnitt gut 100 000 Euro jährlich. Demnach ist Zetsche rund 90 Mal so viel wert wie die Leistung mittelständischer Manager. Ein Arbeiter bei Daimler hat in der höchsten Tarifstufe etwa 60 000 Euro Jahresbrutto. Das schafft Zetsche in zweieinhalb Tagen.
Darf das sein? Wo ist das Maß dafür? In Daimlers Geschäftsbericht müht sich der Konzern um Erklärungen. Ziel des Systems sei es „die Vorstandsmitglieder (...) angemessen zu vergüten, um auch für Spitzenkräfte ein attraktiver Arbeitgeber zu sein“. Im Umkehrschluss hieße das: nur millionenschwere Bezahlungen sichern gute Leute.
Aus ethischer Sicht wirft das enorme Vorstandssalär grundlegende Fragen auf. „Gar nicht die Höhe allein ist das Ärgerliche, sondern die Anreizwirkung und der Geist dahinter“, sagt Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. Er gibt zu bedenken, dass sich Zetsches Zaster auch mit dem reformierten System noch immer an Kennzahlen orientiert.
„Diese Anreize treiben die Radikalität des Managements geradezu an. Professionelle Manager müssten sich eigentlich dagegen verwahren, über Anreize gesteuert zu werden“, sagt der Wissenschaftler. Mögliche Schattenseiten einer solchen Managementkultur seien längst in der Diskussion: Etwa Leiharbeit, Arbeitsverdichtung oder unsichere Arbeitsverträge. „Das ist die Logik unbedingter Rentabilität.“
