Dänemark Über den Sønderstrand

George Stavrakis aus Rømø, 07.11.2012 05:00 Uhr
Ganz schnell - oder ganz langsam: In Dänemark findet jeder sein Tempo. Sport oder entspannen? Wir zeigen zwei Herangehensweisen.

Rømø - Peng. Und schon wieder liegt sie auf der Nase. Dabei hat Antonia doch fast alles richtig gemacht - ganz so, wie es der Drill-Sergeant Robby in alter englischer Royal-Army-Ausbildermanier befohlen hatte. Robby ist irgendwann in Dänemark hängen geblieben und triezt seither Einheimische und Touristen, die, von einem Segel beschleunigt, auf drei Rädern über den Strand brettern wollen. Antonia ist mit der Fähre von Sylt herübergekommen, um Blokart zu fahren, wie das Rasen über den Sønderstrand auf der Insel Rømø hier in Südwestjütland genannt wird.

Rømø ist die größte und südlichste dänische Nordseeinsel

Man könnte auch Strandsegeln sagen - hört sich aber nicht so lässig an. Mehrere Gruppen pesen mit einem Affenzahn über den bei Ebbe kilometerbreiten Strand. Mit der linken Hand wird gelenkt, mit der rechten das Seil gestrafft (zum Beschleunigen) oder gelockert (wenn’s um die Kurve geht). Ne tolle Sache - na ja, wenn man es richtig macht. Wenn nicht, kippt man zur Seite und handelt sich Schimpftiraden von Robby ein, denen er lautes, versöhnliches Gelächter folgen lässt. Nach ein paar Runden haben die meisten den Bogen raus - ein Heidenspaß. Wenige Hundert Meter entfernt drehen die Kitebuggys, Dreiräder, die von einem Drachen gezogen werden, ihre Runden. Noch ein Stück weiter nördlich frönen die Windsurfer ihrem Sport. Jeder, der einen Teil seines Wattenmeerurlaubs sportlich verbringen will, wird bestens bedient. Strand- oder Waldreiten auf Islandpferden ist eine weitere Option. Rømø ist die größte und südlichste dänische Nordseeinsel und wird liebevoll Sylts schöne Nachbarin genannt.

Mit dem Auto ist Rømø das ganze Jahr über den 18 Kilometer langen Rømø-Damm zu erreichen. Die knapp 130 Quadratkilometer große Insel hat gerade einmal 647 Einwohner. Ihre überbreiten Strände werden quasi von Sylt gespeist, weiß Antonia. Ein Großteil der Sandmassen wird nämlich von der deutschen Nachbarinsel abgetragen und in Rømø angeschwemmt. Dadurch ist beispielsweise der Havsand im Süden breiter als der Kniepsand bei Amrum. Weiter geht es zum Vadehavscentret, also zum Wattenmeerzentrum, in Vester Vedsted, nur gut eine Viertelstunde von der alten Wikingerstadt Ribe entfernt. Dort werden Besucher von Klaus Melbye, dem Chef des Zen­trums, empfangen. Klaus, in Dänemark duzt man sich, ist selbst der größte Fan des Wattenmeers und seiner faszinierenden Natur. In seinem Vadehavscentret, das man entweder mit einem Treckerbus oder bei Ebbe auch mit dem Auto erreichen kann, erfährt man alles über den Nationalpark Wattenmeer. „Wir erwarten, dass unser Park zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wird“, sagt Klaus. Derzeit bereitet das Center-Team eine Ausstellung über die Millionen Zugvögel vor, die jedes Jahr auf ihrem Weg zu ihren Brutplätzen im Feuchtgebiet Wattenmeer rasten.

„Es ist schön, dass immer mehr Deutsche kommen“

„Leute, kommt und schaut“, ruft Klaus Melbye. Vor allem die sogenannte Schwarze Sonne, Sort Sol auf Dänisch, begeistert ihn und die rund 30 000 Besucher des Wattenmeer-Centers. „Es ist schön, dass immer mehr Deutsche kommen“, sagt Klaus. Von September bis November ist das Naturschauspiel live zu erleben. Hunderttausende Stare treffen sich am Abendhimmel und führen einen Tanz auf, bis sie sich gemeinsam zur Nachtruhe ins Schilf setzen. Das ist nicht alles, was man mit Klaus Melbye erleben kann. Das Center bietet Seehundsafaris, Wattwanderungen und - für Genießer - Austernwanderungen an. „Wir gehen drei Kilometer im Wattenmeer wandern, um die Pazifischen Austern zu besuchen“, so Klaus. Verkostung inbegriffen. So mancher Wattenmeerwanderer hat dafür sogar eine Flasche Champagner im Gepäck. Diese Gourmet-Tour ist bei Ebbe im April, und dann wieder von September bis Ende Dezember möglich. Nach der herzlichen Verabschiedung macht sich Antonia auf in die nahe gelegene Wikingerstadt Ribe, die als älteste Stadt Dänemarks gilt.

Die Ripenser sind mächtig stolz auf ihre 1300 Jahre alte Geschichte. Die 246 Stufen auf den Turm des Doms gehen mächtig in die Oberschenkel, der beeindruckende Rundumblick entschädigt jedoch völlig. Am besten schließt man sich dann dem Vægterrundgang an. Der Nachtwächter in historischer Tracht führt die Neugierigen durch die Stadt. Er weiß zu bald jedem Häuschen eine Geschichte zu erzählen. „Hinter dieser Tür lebte eine Frau, die 1641 als letzte Hexe verbrannt wurde“, so der Wächter auf Dänisch und Englisch. Er weiß auch, dass es in Ribe keine Ferienhäuser gibt: „Alle Häuser müssen ganzjährig bewohnt sein.“ Mit einem Mahl aus frischen Meeresfrüchten und dänischem Lamm in einem Restaurant an der Schiffbrücke in Ribe klingt der Tag aus. Dazu wird schwarzes Bier, in dem Schokolade oder Sternanis verarbeitet ist, gereicht. Und schon wird man wieder vom nahen Wattenmeer eingeholt, denn: „Wir versuchen gerade, ein Austernbier zu kreieren“, sagt der Wirt. Skål!

 
 
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