Crans Montana Skiurlaub in der Schweiz: Abfahrt mit Aussicht

Reimund Abel, 28.11.2012 05:00 Uhr

Crans Montana - Sir Arnold Lunn war ein Haudegen, der die Berge und die Herausforderung liebte. Keine Piste war ihm zu steil. Der Brite, 1888 geboren, darf als Pionier des Skisports bezeichnet werden. Im schweizerischen Crans Montana sind sie mächtig stolz auf den Mann. Immerhin soll er das Zwillingsdorf zur Geburts­stätte alpiner Wettkämpfe gemacht haben. Damals, am 7. Januar des Jahres 1911, stürzten sich ein gutes Dutzend mutige Männer auf Holzlatten ins Tal. Aus heutiger Sicht der reine Wahnsinn. Die Strecke führte von der Wildstrubel-Hütte auf 2791 Meter Höhe über den Gletscher des Plaine Morte und den Rezlipass nach Crans Montana. Cecil Hopkins, der Sieger, überquerte nach 61 Minuten das durch zwei Fähnchen markierte Ziel.

So wird das Wetter in Crans Montana

Es den Draufgängern von einst nachzumachen, ist kein Problem. Eine Gondel transportiert den Skifahrer bis auf knapp 3000 Meter, zum Gletscher Plaine Morte. Vor 100 Jahren mussten die Skiasse noch am Vortag mühselig den Gipfel hochkraxeln und oben übernachten. Das ist heute bequemer, nach knapp einer Viertelstunde ist das Ziel erreicht. Am Plaine Morte angekommen, fällt die Auswahl gar nicht so leicht. Soll es die zwölf Kilometer lange spektakuläre Talabfahrt sein? Steht einem der Sinn nach Tiefschnee? Oder zählt man eher zu den entspannten Urlaubern, die genießen, statt den Berg runterzubrettern?

Bei klarem Wetter scheinen die Viertausender zum Greifen nah

Auf 140 Pistenkilometer summiert sich das Skigebiet rund um die Ortschaften Montana, Crans, Barzettes und Aminona. „Wir ­haben für jeden etwas dabei“, verspricht Emilie Morard, die Führerin von Crans-Montana-Tourismus. Sie hat nicht zu viel versprochen. Wobei: Man könnte auf Plaine Morte auch einfach die Skier abschnallen, sich in den weichen Schnee fallen lassen und den Blick nach Süden richten. Atemberaubend, diese Aussicht. Crans Montana ist umgeben von Viertausendern, die an einem klaren Tag zum Greifen nah scheinen: Das Matterhorn ist zu sehen, das Massiv des Mont Blanc mit dem 4810 Meter hohen Gipfel, La Dent Blanche, Weißhorn, der Dom, das Ober Gabelhorn, und, und, und . . . Emilie Morard kennt sie ­alle. Kein Wunder, wenn man im Angesicht der Bergriesen aufwächst, gehört das ganz bestimmt zur Allgemeinbildung. Doch dem Urlauber schwirrt da der Kopf. War da rechts hinten nun das Matterhorn oder vielleicht doch der Dom? Und welcher der Gipfel ist das Breithorn? Schnell ein Panoramafoto machen. Nicht, dass Wolken aus dem Tal heraufziehen und die ganze Pracht verhüllen. Doch die Führerin drängt schon wieder zum Aufbruch. Schließlich sei man zum Skifahren hier und nicht zum Faulenzen.

Unten, dort wo die Häuser von Siders und Sierre noch im morgendlichen Dunst verschwunden sind, hat sich die Rhone über Zehntausende Jahre ihren Weg durch den Fels gebahnt. Oben genießt der Wintersportfan die Abfahrt im Anblick der Viertausender. Zum Glück vertreibt die Sonne die letzten Wölkchen am Himmel. Rauf und runter geht es, man kann von den Pisten nicht genug kriegen. Aber irgendwann muss Schluss sein.

Das deftige Mahl mit Speck oder Eintopf im Glas wird mt Walliser Wein verdünnt

Der Skitag klingt aus in der Cabane des Violettes. Die Hütte liegt inmitten der Piste auf 2208 Meter Höhe. Franck Reynaud hat das unscheinbar wirkende Gebäude herausgeputzt. Der Schweizer Koch, dekoriert mit einem Michelin-Stern und 17 Gault-Millau-Punkten, serviert aus­gezeichnete Speisen, aber zu annehmbaren Konditionen. Wobei das Preisniveau generell in der Schweiz höher ist, als es der deutsche Urlauber so gewohnt ist. Das muss einkalkuliert werden. Das deftige Mahl mit Speck, Eintopf aus dem Glas oder Schlachtplatte wird mit Walliser Wein verdünnt, der den Vergleich mit edlen Tropfen aus anderen Regionen nicht zu scheuen braucht. Wallis und Wein - das hat eine lange Tradition. Bereits vor der Ankunft der Römer vor mehr als 2000 Jahren wusste man, wie im Rhonetal köstliche Tropfen hergestellt werden.

Die Voraussetzungen könnten kaum besser sein: Im Mittel mehr als 2000 Stunden pro Jahr scheint die Sonne, die Niederschlagsmenge liegt bei 600 bis 800 Millimetern. Bedingungen, die der Bordeaux-Region in Frankreich ähnlich sind und optimal für ein üppiges Wachstum. Allerdings wird sehr wenig Wein exportiert. „Wir trinken ihn lieber selbst“, sagt Emilie Morard und lacht. Da ist es besser, man übernachtet nach dem Essen gleich in der Cabane. Die ein­fachen, aber gemütlichen Mehrbettzimmer sollten vorab reserviert werden, sagt die Führerin. Sonst könnte es eng werden mit dem Schlafgemach.

Ski und Rodel gut? Die Schneehöhen in der Schweiz

Plötzlich schneit eine Gruppe Tourengänger herein. Alle mit Stirnlampe bewaffnet - und alle sind durstig vom zweistündigen Aufstieg, Die Bude ist voll. Laut wird es und lustig. Viele der Einheimischen sprechen gut Deutsch, obwohl man in der französischen Schweiz ist. Doch die Sprachgrenze verläuft wenige Kilometer entfernt. Man erfährt, dass so ein abendlicher Ausflug im Winter von vielen Einwohnern mehrmals die Woche gepflegt wird. Nach einem langen Tag im Büro muss man sich ja auch noch ein wenig bewegen. Sportlich scheinen sie hier alle zu sein, auch jenseits des Rentenalters. Und das Käsefondue, heruntergespült mit reichlich Schnaps, ist offenbar elementarer Bestandteil des Trainingsprogramms. Die Ahnen von Sir Arnold kennen jeden Baum und jeden Buckel auf der Abfahrt. „Wir kämen auch ohne Licht runter“, sagt einer aus der Gruppe. Doch das wäre zu riskant. Andere Skisportler kommen ihnen sicher nicht mehr in die Quere. „Aber die Männer in den Pistenraupen können sie nachts nicht ­sehen“, sagte Emilie Morard.

Dann schnallen sich die Tourenfahrer die Ski unter, knipsen ihren Stirnlampen an und verabschieden sich in die frostige Nacht. Spätestens in einer halben Stunde seien sie im Tal, sagt die Führerin. Deutlich schneller als damals der Brite.

 
 
Kommentare (0)
  • Kommentar schreiben
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.