Christie’s-Spitzenmann Dirk Boll bei „Über Kunst“ Kunst als „globale Ersatzwährung“

Von Nikolai B. Forstbauer 

Dirk Boll ist Christie’s-Geschäftsführer für Kontinentaleuropa, Russland, Indien, Israel und Dubai Foto: Christie’s
Dirk Boll ist Christie’s-Geschäftsführer für Kontinentaleuropa, Russland, Indien, Israel und Dubai Foto: Christie’s

Mit den „Stuttgarter Nachrichten“ näher dran an herausragenden Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur. Unsere Reihe „Über Kunst“ bietet exklusive Begegnungen – am 19. Juli um 19.30 Uhr mit Dirk Boll, Geschäftsführer des britischen Auktionshauses Christie’s.

Stuttgart - Dirk Boll hat klare Positionen und äußert sie auch. „Außer den Museen“, sagt der 1970 in Kassel geborene Jurist, „haben alle ein ­Interesse an steigenden Preisen: Künstler, Sammler, Galerist, Auktionator, Berater, Versicherer. Aber eben nicht jederzeit und um jeden Preis, denn man konnte in der ­Vergangenheit erleben, dass Kreativität ein zartes Pflänzchen ist, das an zu raschem Wertzuwachs ersticken kann.“

Kunst und Markt

Ist also in der Kunst alles Markt? Und ist der Markt alles? „Die Kunst“, sagt Boll, „darf der ökonomischen Dynamik nicht zum ­Opfer fallen.“ Und ergänzt: „Da bin ich aber in unserem Falle relativ zuversichtlich; schließlich hat der Markt ein eigenes ­Interesse an der Integrität der Kunst, würde er doch andernfalls seines Gegenstands ­beraubt.“ Auch der Kraft der Kunst vertraut Boll. „Zum ­anderen“, fährt er fort, „hat sich wenigstens in der Vergangenheit der Einfallsreichtum der Kunst dem des Marktes stets als überlegen erwiesen.“

Boll ist sich sicher: „Der Diskurs über die Kunst und den Markt, auf dem mit ihr umgegangen wird, verdient und verträgt viel mehr Offenheit, als wir das in Deutschland gewohnt sind.“ Nicht nur mit Blick auf die Umwälzungen durch den digitalen Auktionsmarkt stimmt man Boll gerne zu.

Auktionshäuser als Gewinner

Offenheit und Klarheit lassen die Publikationen Bolls nicht vermissen. In „Kunst ist käuflich“ (2009 in Zürich erschienen und 2011 in zweiter Auflage bei Hatje Cantz zudem als englische Ausgabe) widmet er sich der Analyse des Kunstgeschäfts, den juristischen und ökonomischen Grundlagen des Kunstmarktes sowie dessen Akteuren. „Marktplatz Museum – Sollen Museen Kunst verkaufen dürfen?“ (2010 in Zürich erschienen) sorgte inmitten der Diskussionen um die Finanzierung von Museen und die Struktur von Sammlungen für zusätzliche Sprengkraft. Und 2014 zeigte er sich in „Helden der Kunstauktion“ (HatjeCantz) als begeisterter Porträtist.

Der Analyst

Will aber Dirk Boll tatsächlich provozieren? Zuvorderst erscheint er als analytischer Beobachter, wenn er sagt: „In der Tat ist die zunehmende Privatvermittlung durch Auktionshäuser die größte Strukturveränderung unserer Zeit. ­Auktionshäuser haben sich als gleichberechtigtes Distributionssystem neben dem Modell der Galerien und der Kunstmessen etabliert, mit allen ökonomischen Folgen, die ein Markt so kennt.“

Die Karriere

Seine Karriere? Beginnt bei Christie’s 1998 in London. 2000 wird er Repräsentant des Unternehmens in Deutschland und leitet das Stuttgarter Büro. Mit viel Tempo, noch mehr Charme und immer wieder überraschender Präzision.

Ende 2004 kommt er in die Schweiz, wird Geschäftsführer in Zürich und European Director des Unternehmens. ­Heute hat er die Geschäftsführung der Regionen Kontinentaleuropa, Russland, Israel, Indien und ­Dubai. Boll scheint an vielen Orten gleich­zeitig zu sein, ist zudem als Kolumnist, Auktionator, Lehrender und Analyst präsent. Unverändert deutlich ist seine Positionierung. „Die Konkurrenz zwischen Kunsthandel und Auktionen ist ein Mythos“, sagt er etwa, „zumindest an der Marktspitze.“ Und er ­begründet: „Etwa die Hälfte der auf Auktionen verkauften Objekte kommt aus dem Handel, und die Hälfte geht dahin zurück. Die Grenze verläuft weniger zwischen den Systemen als zwischen Großen und ­Kleinen.“

Digitale Gefahr?

Stimmt dies aber noch, wenn der veröffentlichte Marktanteil des Online-Auktions­handels – etwa durch Auctionata – anhaltend überproportional steigt? „Die Kunstmärkte“, sagt Dirk Boll, „sind ökonomisch nur schlecht fassbar und werden – anders als alle anderen Märkte – mit dem Wachstum der Internetplattformen eher undurchsichtiger.“ Aufzuhalten scheint der digitale Zug nicht. Für Aufsehgen sorgte hier jüngst das Zusammenrücken der Internet-Auktionshäuser Paddle8 und @auctionata.

Welche wirtschaftliche Kraft aber hat der digitale Kunstmarkt wirklich? „Die beiden reinen Online-Unternehmen finden längst nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie die traditionellen Häuser – selbst wenn sie ­Rekordmeldungen lancieren“, summiert ­etwa Peter Dittmar die leicht unübersicht­liche Situation in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Weltkunst“.

Die Ersatzwährung

Und wie reagieren Kunst und Markt zuletzt auf politische Entwicklungen? „Gesellschaftliche Umbrüche“, sagt Dirk Boll, „bringen interessante Kunst hervor und Kreise, die sich mit ihr auseinander­setzen und sie womöglich auch kaufen ­können.“

Dazu gehört für Boll letztlich auch diese Entwicklung: „In der Produktion“, sagt er, ­ „gibt es eine Spaltung in ‚Kunstmarkt-Kunst‘ und ‚Institutionen-Kunst‘“ – und „Erstere“, sagt Dirk Boll weiter, „ist eine ­globale Ersatzwährung ­geworden.“

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