Christie’s-Spitzenmann Dirk Boll bei „Über Kunst“ „Der Kunstmarkt saniert kein Staatsdefizit“

Von Thomas Morawitzky 

Mit den „Stuttgarter Nachrichten“ näher dran an den Entscheidern in der Kulturszene: Christie’s-Geschäftsführer Dirk Boll war Gast der StN-Reihe „Über Kunst“ in der Galerie Parrotta in Stuttgart .

Stuttgart - Die Auktion ist für Dirk Boll, der als Jurist arbeitete, bevor er 1988 für das britische Auktionshaus Christie’s tätig wurde, das „erfolgreichste Distributionsmedium seit 2000 Jahren“ – mit enormen Wandlungen. „In der griechischen Antike versteigerte man überschuldete Nachlässe, Ehefrauen und Sklaven“, sagt er im Gespräch mit ­Nikolai B. Forstbauer, Titelautor unserer Zeitung. „Heute sind es Bohrlizenzen, Schürfrechte, Gebrauchtwaren, Topf­pflanzen und Kunst.“

Und wie funktioniert diese Welt? Durchaus in Widersprüchen, macht Boll deutlich. „Kunst“, sagt er, „wird ja gerade dann ­interessanter, wenn sie etwas gegen den Strich bürstet.“ Und: „Das ist eine absurde Situation: Etwas, das sich gegen den Markt zu richten scheint, wird besonders begeistert vom Markt aufgenommen.“

Kunstmarkt braucht die Privatgalerien

Die Institutionen des Kunstbetriebes sind für Dirk Boll Dreh-und-Angel-Punkt eines Kanonisierungsprozesses, der diesen Markt überhaupt erst trägt: „Der Kunstmarkt kann nicht im luftleeren Raum existieren“, sagt er – und betont: „Galeristen sind großartige Kenner, und ihre Auswahl hat Signalwirkung.“

Drängten aber nicht die Auktionshäuser selbst in diesen sogenannten Primärmarkt? „In den 1990er Jahren“, sagt Boll, „spielten Künstler aus den Golfstaaten, dem asiatischen Raum und Indien eine sehr große ­Rolle; sie kannten das angloamerikanische System nicht, das sich aufteilt in den ­Primärmarkt der Galerien und den Sekundärmarkt der Händler und Auktionen.“

Nahezu jedes große Auktionshaus, erinnert sich Boll, betrieb in den frühen 2000er Jahren eine Galerie. Und er ergänzt: „Aber Künstler wollen nicht durch Auktionshäuser vertreten werden. Es gab eine sehr starke Erosion der Künstler, und irgendwann haben sich die Auktionshäuser gesagt: Das ist vielleicht doch etwas, das wir nicht so können. Die Auktionsindustrie hat begriffen, dass sie einen sehr starken Primärmarkt braucht.“ Ein Konkurrenzverhältnis, das Bemühen, junge Künstler abzuwerben, sieht Boll eher in der Galerieszene selbst.

Blogs ersetzen Kunstkritik in Zeitungen nicht

Auf dem Podium kommt das Gespräch auf die Rolle der Kunstkritik als Akteur und mögliches ­Korrektiv. Hat der Markt die Kritik geschluckt? Boll widerspricht. Er sieht den Rückzug der Kritik vor allem als „Folge veränderter Produktionsbedingungen im Medienbereich“. „Der Markt“, sagt Boll, „hat kein Interesse daran, dass die Kritik verschwindet – ganz im Gegenteil. Das Ansehen eines Kritikers und seines Mediums kann wesentlich zur Kanonisierung eines Werkes beitragen. Das kann durch Internetblogs nicht ersetzt werden.“

Zuweilen galten Museen als „Durchlauferhitzer“ zur Wertsteigerung privater Sammlungen. „Man kann heute“, sagt Dirk Boll dazu, „nicht mehr generell sagen: Wenn das Objekt erst einmal an der Museumswand war, dann ist es hinterher 20 Prozent mehr wert. Die Situation der späten 1990er Jahre ist vorbei. Die Museen definieren heute ihre Rolle sehr viel besser und können sie über die Gestaltung von Leihverträgen kon­trollieren.“

Sollen Museen auch als Akteure im Kunstmarkt agieren? Boll verweist darauf, dass dies in den USA und in Großbritannien Alltag ist, jedoch „solche Transaktionen streng reglementiert sind“. Und ergänzt: „Es ist eine tolle Lösung, wenn der Staat sich um die Museen kümmert.“ Boll rückt anderes in den Blick: „Hier geht es nicht um die Frage, ob Museen verkaufen sollten oder nicht, ­sondern ­darum, dass sich die Staaten Westeuropas zunehmend aus dieser Alimentierungspflicht zurückziehen.“ „Wenn in der Politik gespart wird“, gibt Boll „meinen Eindruck“ wieder, „findet das ziemlich schnell im Kulturbereich statt.“

Künstler als Verlierer der Reglementierung

Die Mehrwertsteuer auf Kunstgegenstände ist von fünf auf 19 Prozent erhöht worden, das Folgerecht bringt zusätzliche Kosten, und mit dem jüngst verabschiedeten Kulturgutschutzgesetz sehen manche Experten Teile des deutschen Kunsthandels vor dem Aus. Auch Dirk Boll? Er glaubt, dass die Mehrwertsteuer letztlich vor allem zulasten der Künstlerinnen und Künstler gehen wird, der Schwächsten im System Kunst. „Der Markt“, sagt er, „hebt nicht einfach seine Preise um 15 Prozent an.“ Und er summiert seine Bedenken zu den Gesetzgebungen und ihrer Wirkung: „Der Kunstmarkt ist ja ­insgesamt kein großer Markt. Mit ihm ­saniert Deutschland kein Staatsdefizit.“

Das Kulturgutschutzgesetz, sagt Boll ­voraus, wird eine Welle von Verkäufen ins Ausland vor sich herschieben, getätigt vor dem Ablauf der 75-Jahr-Frist, nach der dieses Gesetz greift. Boll zieht den Vergleich mit Italien, in dem ein Gesetz mit 50-jähriger Frist lange schon existiert. Zu beobachten sei eine Verkaufswelle vor Ablauf der Frist. „Diese Welle“, so Boll, „hat eine ganze ­Generation von Künstlern verschüttet, für deren Werke es heute keine internationale Nachfrage mehr gibt. Der Schaden, der entsteht, ist nicht nur merkantil, sondern auch inhaltlich.“

In Deutschland beginnen derweil die Auktionshäuser, ihre Geschäfte ins Ausland zu verlagern. Wird am Ende der globale digitale Kunsthandel der Gewinner sein? Hier bleibt Dirk Boll skeptisch. „Das Internet“, sagt er, „spielt eine Transparenz vor, die ­tatsächlich nicht da ist, weder im Prozess noch im Ergebnis.“

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