Christian von Holst Durchgangsbahnhof schon 1901 geplant

Von Nikolai B. Forstbauer 

Schon 1901 untersuchte man in Stuttgart die Möglichkeit eines Durchgangsbahnhofs mit Tunnel.

Stuttgart - Kühn schwingt die Bahntrasse unter dem zentralen Stadtgebiet hindurch, bewusst zurückhaltend zeigt sich der Durchgangsbahnhof. Eine Planung aus jüngster Zeit? Mitnichten. Bereits 1901 untersuchte man in Stuttgart die Möglichkeiten eines Durchgangsbahnhofs mit umfassenden Tunnelbauten.

Herr von Holst, Sie haben sich intensiv mit der Geschichte des Schlossgartens und des Bahnhofsbaus in Stuttgart beschäftigt. Wie kam es dazu?

Ich habe jetzt viel mehr Zeit, eigenen wissenschaftlichen Projekten nachzugehen. So recherchierte ich seit anderthalb Jahren in den Archiven des Landes und der Städte Stuttgart und Ludwigsburg - nach Bildern und Plänen zur Stadtentwicklung. Wie von selbst ergeben sich Verknüpfungen von Herkunft und Zukunft.

Was sind aus Ihrer Sicht entscheidende Wendepunkte in der Entwicklung der heutigen Landeshauptstadt?

Zunächst muss man die Erhebung zum Königreich im Jahr 1806 nennen. Friedrich, der erste König Württembergs, forciert die Repräsentation und beauftragt Nicolas Friedrich Thouret, vom Neuen Schloss aus in Richtung Neckar einen Volkspark zu konzipieren. Am 9. Januar 1807 präsentiert Thouret den Entwurf für einen solchen Park bis zum Mittleren Schlossgarten - und der König notiert darauf den berühmten Satz: So soll es seyn. Ein Stadtplan von 1807 zeigt den Park bereits realisiert.

Man hatte es also eilig?

Die junge Monarchie wollte sicher auch planerische Zeichen setzen. Bereits 1812/1813 wird die heute noch erlebbare Platanenallee mit 481 Bäumen angelegt. Sie war auf die Kirchturmspitze von Cannstatt ausgerichtet. Eine Sicht, die versperrt wurde, als Friedrichs Sohn König Wilhelm auf der zuvor Kahlenstein genannten Anhöhe sein Landhaus errichten lässt - bekannt als Schloss Rosenstein, benannt nach der Lieblingsblume seiner verstorbenen Gemahlin Katharina.

Wie ging es weiter?

Mitte der 1840er bemühte man sich um eine Anbindung an den weiterführenden Verkehr: daher der Entschluss, einen Bahnhof zu errichten. Der bestehende in Cannstatt kommt nicht infrage, die Residenzstadt braucht einen eigenen - mitten im Zentrum, an der heutigen Bolzstraße. Am Schlossgarten entlang entsteht ein doppelgleisiger Bahndamm, eine zweite Verbindung führt nach Feuerbach. Diese Schienenstränge markieren noch das heutige Gleisareal.

Um nach Cannstatt zu gelangen, brauchte es einen Tunnel?

Hier kommt etwas Überraschendes: Der König lässt diesen Tunnel direkt unter Schloss Rosenstein hindurchführen und das von Cannstatt aus anzufahrende Tunnelportal fast triumphbogenartig gestalten. Moderner Verkehr und überkommene Herrschaftsarchitektur vereinen sich zu einem Bild. Bald beschleunigt sich die Entwicklung, Stuttgart und die Gleiszahl wachsen, der Güterbahnhof kommt hinzu, und vormalige Bauten verschwinden zugunsten des Bahnverkehrs.

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