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Christian von Holst Bonatz wollte einen Autotunnel unter dem Bahnhof

Nikolai B. Forstbauer, vom 18.11.2010 05:40 Uhr
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1850: Stolz präsentiert ein Stahlstich das Königliche Landhaus Rosenstein in Verbindung mit dem Eisenbahntunnel Foto: Stadtarchiv Stuttgart
1850: Stolz präsentiert ein Stahlstich das Königliche Landhaus Rosenstein in Verbindung mit dem Eisenbahntunnel Foto: Stadtarchiv Stuttgart

 

Störte nicht der Bonatz-Bahnhof die Bonatz-Stadtautobahn?

Paul Bonatz offeriert eine Lösung, indem er seinen Bahnhof untertunnelt - vom heutigen Parkplatz an der Nordseite bis in den Schlosspark auf der Südseite. Der Mittlere Schlossgarten soll zum Verteilerbereich der kreuzungsfrei geführten Autostraßen werden. 1944 in die Türkei gegangen und nach Kriegsende erneut als Berater berufen, unterbreitet Paul Bonatz diese Pläne 1950 nahezu unverändert. Den neuen Verhältnissen angepasst, spricht er nun von einem "Parkway".

Wieso kamen dieser Plan und die Vorhaben der ersten Nachkriegsjahre, den Bahnhof zu verlegen, nicht zur Ausführung?

Die Währungsreform von 1948 stoppte alle Pläne, die das junge Nachkriegsdeutschland zu überfordern drohten. Aber deutlich wird doch das Unbehagen am bestehenden Bahnhof.

Gab es weitere Ideen, nachdem sich die Bundesrepublik wirtschaftlich stabilisiert hatte?

Es sind diverse Vorstöße dokumentiert. So erklären etwa im Frühjahr 1965 freischaffende Architekten den Bahnhof für unwirtschaftlich und schlagen stattdessen einen Durchgangsbahnhof nördlich vom Rosensteinpark vor. Die frei werdenden Gleisflächen sollen in einen innerstädtischen See verwandelt werden, an dessen Ufer an der Heilbronner Straße Hochhäuser vorgesehen sind. Zu den Unterzeichnern gehören Wilfried Beck-Erlang, Günther Behnisch und Roland Ostertag. Der damalige Erste Bürgermeister Jürgen Hahn und Oberbürgermeister Arnulf Klett lehnen die Pläne aber ab.

1991 werden erneut Pläne für einen Tiefbahnhof entwickelt. Unstrittig bedeutet dieser Teil des Verkehrs- und Städtebauprojektes Stuttgart 21 einen Eingriff in den heute noch existierenden Schlossgarten. Sehen Sie in den Planungen dennoch einen Mehrwert auch für den Park?

Der Gedanke, den Bahnhof an seinem Ort zu halten und die Gleise verschwinden zu lassen, scheint mir geradezu ideal für Stuttgarts verkehrliche Situation. Sicher ist es bitter, wenn in diesem Zusammenhang schöne alte Bäume fallen. Aber wenn ich bedenke, dass hier eine Art Wiedergutmachung gegenüber den Eingriffen der Vergangenheit möglich und im Zuge von Stuttgart 21 eine Vergrößerung des Parks um 20 Hektar vorgesehen ist, muss ich doch in Abwägung des Verlustes von sechs Hektar im heutigen Mittleren Schlossgarten, zuzüglich zwei Hektar, die nach Abschluss der Bauarbeiten wieder in Parkgelände rückverwandelt werden, sagen, dass hier über den verkehrlichen Nutzen hinaus sich für Stuttgart eine enorme Chance eröffnet.

In welcher Hinsicht?

Zunächst einmal steht dem Verzicht auf 283 Bäume der Gewinn von bis zu 5300 neuen Bäumen gegenüber. Dann gewinnt Stuttgart mit dem geplanten Rosensteinquartier ein Stadtviertel hinzu, das bereits 1880 ausgewiesen war. Hier wird also nach rund 150 Jahren eine alte Zukunftshoffnung erfüllt. Mehr noch: Hier besteht die einmalige Chance, nach der 1927 entstandenen, weltweit bekannten Weißenhofsiedlung erneut ein Stadtquartier allerhöchster Qualität zu schaffen.

 

Kommentare (40)
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FEB
16
19:07 Uhr, geschrieben von waihdag
Gründe gegen den damaligen Durchgangsbahnhof
Baurat Prof. Kübler (TH Stuttgart) im Jahr 1905: „Nach meiner Ansicht ist (..) für den neuen Bahnhof das Interessse des ganzen Landes in den Vordergrund zu stellen und dieses besteht zweifellos darin, daß eine Anlage geschaffen wird, die sowohl bezüglich des Personen- als auch des Güterverkehrs möglichst leistungsfähig ist, und die auch bis in späte Zukunft den Bedürfnissen Stuttgarts voraussichtlich genügt. (..) Ausschlaggebend muss die Schaffung einer möglichst leistungsfähigen Anlage sein. Hierunter ist aber nicht ein großes, imposantes Empfangsgebäude zu verstehen, sondern eine möglichst brauchbare Gleisanlage. Das Äussere eines Empfangsgebäudes ist für die Abwicklung des Betriebes vollständig Nebensache. (...) Es wäre leicht gewesen, hier ein pompöses Empfangsgebäude sowie unter Beiziehung eines nicht sehr großen Teils der Anlagen einen sehr geräumigen Vorplatz mit gärtnerischen Anlagen herzustellen. Dies und der Umstand, daß ein Durchgangsbahnhof gedacht war, mußte Laienaugen bestechen, umsomehr als die gesamte Grundfläche des jetzigen Bahnhofs von der Schloßstraße bis zur Schillerstraße vollständig frei geworden wäre. Welche Aussichten für ein finanzielles Unternehmen! Das Projekt ist jetzt glücklicherweise mit Hilfe einer Kommission auswärtiger Sachverständiger begraben. Das Projekt war von Anfang an nicht lebensfähig. Abgesehen von den kaum überwindbaren Bauschwierigkeiten, wären die einzelnen Teile der Bahnhofsanlage unzureichend geworden. Dieses Projekt ist aber ein glänzendes Beispiel dafür, wie für eine Sache durch ausgiebige Propaganda Stimmung gemacht werden kann, die an sich nicht brauchbar ist.“ (Quelle: »Neues Tagblatt« Stuttgart, Nr. 253-256 im Oktober 1905) Dieser Kommentar könnte 1:1 auch für S 21 übernommen werden.
FEB
16
19:02 Uhr, geschrieben von waihdag
warum wurde der Durchgangsbahnhof damals nicht gebaut?
Immer wieder wird auf die technischen Schwierigkeiten hingewiesen, sowie auf die beengte Lage. Die weitere Gründe gegen den 11-gleisngen Durchgangsbahnhof werden nicht genannt: 3. Die Wirksamkeit der Tunnelventilatoren muss angezweifelt werden. 5. Die Anlage des Durchgangsbahnhofs ist (..) für einen wesentlichen Verkehrszuwachs nicht ausreichend. 6. Von elf Hallengleisen müssen mindestens zwei für Rangier- und Lokomotivfahrten sowie Postwagen freigehalten werden. Neun Bahnsteiggleise reichen nicht aus, da lange Belegungen durch Überholungen zu erwarten sind, ferner beginnen und enden die meisten Züge im Stuttgarter Hauptbahnhof, sodass ein Durchgangsbahnhof ohnehin seines Hauptvorteils beraubt ist. 7. Die Bahnsteigbreiten sind unzureichend, die Bahnsteigzugänge wegen des Höhenunterschiedes von rund sechs Metern zwischen den Brücken und den tiefliegenden Bahnsteigen unbequem. 8. Darüber hinaus behindern die Quersteige die Übersicht. 9. Rangierfahrten müssen vielfach in den Tunnel einfahren. 10. Der Abstellbahnhof ist weit entfernt, schienengleiche Kreuzungen auf dem Weg zum und vom Abstellbahnhof können nicht vermieden werden. 14. Beim Bau müssen 23 Gleise des alten Bahnhofs unterfangen werden, da dieser nicht aufgelassen werden kann, bevor der neue Bahnhof in Betrieb ist. Mit folgendem zusammenfassenden Untersuchungsergebnis legte die Generaldirektion der württembergischen Staatseisenbahn die Idee eines Durchgangsbahnhofs für Stuttgart schließlich ad acta: ›Der Gedanke, einen Durchgangsbahnhof (..) auf verhältnismäßig beschränktem Platz und bei ungünstiger Geländegestaltung anzulegen – wozu die Verhältnisse zwingen –, muss als nicht glücklich bezeichnet werden; er bedingt unter allen Umständen eine in mannigfacher Beziehung verfehlte Anlage.
NOV
23
21:35 Uhr, geschrieben von schwabenstolz
2046
"Zunächst einmal steht dem Verzicht auf 283 Bäume der Gewinn von bis zu 5300 neuen Bäumen gegenüber." Tatsache ist: Erst im Jahr 2046 würden die neu anzupflanzenden Bäume laut Gutachten der LVA eine dem heutigen Zustand vergleichbare Leistung hinsichtliche der CO2-Bilanz erreichen. Die Gutachter scheuten sich, vergleichende Aussagen über die Funktion der Bäume als Feinstaubfilter und über die kleinklimatische Wirkung zu treffen. Die positive wertende Stellungnahme Herrn von Holsts hierzu wird durch eine nähere Betrachtung der Fakten relativiert. Dass das Alternativkonzept K21 ebenfalls große städtebauliche Chancen bietet, ist in diesem unausgewogenen und rückwärtsgewandten Interview leider nicht erkennbar.
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