Christian Gerhaher in Stuttgart Der Tod ist für ihn Versuchung, nicht das Ziel

Von Helmuth Fiedler 

In der Königsklasse des Singens, dem Liedgesang, ist er ohne Konkurrenz: Christian Gerhaher Foto: Jim Rakete
In der Königsklasse des Singens, dem Liedgesang, ist er ohne Konkurrenz: Christian GerhaherFoto: Jim Rakete

Der Bariton Christian Gerhaher singt mit unglaublicher Wortdeutlichkeit im ausverkauften Mozartsaal Franz Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ – und rezitiert an diesem Abend auch Gedichte.

Stuttgart - Schon merkwürdig: Christian Gerhaher ist in der „Königsklasse des Singens“, dem Liedgesang, nahezu ohne Konkurrenz; dabei hält er selbst nicht viel vom Geschichtenerzählen, nennt es gar „abscheulich“. Lieder sind für ihn nicht „Kleinstopern“, sondern jedes für sich relativ abstrakte Kommunikationsformen.

Derartige Diskussionen über die rechte Art, Schubert zu singen, dauern bis heute an. Ein Liedersänger, meinte der sich auf Schubert berufende Wiener Musikliebhaber Leopold von Sonnleithner, gebe die Gefühle und Erfahrungen anderer wieder, verkörpere aber keineswegs den Charakter, dessen Gefühle er schildere.

Vier Jahre nach einer bewegenden „Winterreise“, die damals ebenfalls im Konzert der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart zu hören war, boten Christian Ger­haher und sein Mitgestalter am Flügel, Gerold Huber, im seit langem restlos ausverkauften Mozartsaal mit derselben Prägnanz und Kunsterfahrung Franz Schuberts novellistischen Liederzyklus „Die schöne Müllerin“.

16 Seiten „Gedanken zu Schuberts Müller-Liedern“ im Programmheft

Christian Gerhaher verstand seine Interpretation nicht bloß als eine Folge volksliedhaft beschwingter oder depressiver Lieder. Er sieht in ihnen eine Geschichte, einen Prozess, in den er unbedingt auch die von ihm dramaturgisch für wichtig gehaltenen, von Schubert freilich nicht vertonten Gedichte aus dem den Liedern zugrunde liegenden Zyklus Wilhelm Müllers eingebettet wissen wollte. Und die Gerhaher tatsächlich auch ungemein suggestiv rezitierte.

Im Programmheft macht sich Gerhaher denn auch sage und schreibe 16 Seiten lang psychoanalytisch angehauchte „Gedanken zu Schuberts Müller-Liedern“. Ein Müllerbursche, ein Ausgestoßener, gefangen in einer „Wahnwahrnehmung im psychiatrischen Sinn“ und zudem suizidal veranlagt, was angesichts aktueller Ereignisse aufhorchen lässt, macht sich nach Ansicht von Ger­haher auf die Reise in den Tod – nicht als Ziel, sondern als eine Versuchung.

Man ahnt dies spätestens im zweiten Lied, und von Lied zu Lied entfaltet sein Bariton bei schier unglaublicher Wortdeutlichkeit eine ungeahnte Palette an stimmfärberischen Nuancierungen, dramatischen Steigerungen („Am Feierabend“) bis hin zu rezitativischer Rauheit.

Höhepunkte des Zyklus: die Adagio-Lieder

Es sind die Adagio-Lieder, die für Gerhaher die Höhepunkte des Zyklus zu bilden scheinen. Etwa „Der Neugierige“ als ein melodisches Wunder im Pianissimo, der musikalische Höhepunkt „Thränenregen“ oder die raschere „Pause“ als Selbstgespräch eines jungen dichtenden Burschen, dem keine Verse mehr einfallen wollen.

Immer wieder stechen Stellen aus den „paar Müllerliedern“ (Schubert) auf faszinierende Weise hervor: das sonnenhelle „Und immer heller rauschte / Und immer heller der Bach“, die Selbstanklage „Dass die schöne Müllerin merkte / meinen treuen Sinn“, das perfekte Legato von „Sag, Bächlein, liebt sie mich?“, das stakkatodurchwehte „Ade, ich geh nach Haus“, schließlich das kraftvoll durchgezogene, brillant begleitete „Wenn ein Jagdhorn schallt“ oder „Der Jäger“, den Gerhaher fast schon ekstatisch steigert.

Bleiben noch die völlig verinnerlichten Schlussworte „Und der Himmel da droben, wie ist er so weit!“, denen Huber, der jeden von Schubert so heiß geliebten Dur/Moll-Wechsel mit subtilem Ernst auf dem Flügel nachvollzieht, ein Nachspiel im Pianissimo folgen lässt.

Nach langen Sekunden des Innehaltens Ovationen im vollbesetzten Mozartsaal inklusive derjenigen (jüngeren) Musikfreunde, denen erfreulicherweise auch ohne Eintrittskarte vom Veranstalter Einlass gewährt worden ist.

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