CDU kritisiert neue Schulart Gemeinschaftsschulen setzen sich zur Wehr

Von Maria Wetzel 

Selbstständiges Arbeiten gehört in den Gemeinschaftsschulen zum Programm Foto: dpa
Selbstständiges Arbeiten gehört in den Gemeinschaftsschulen zum ProgrammFoto: dpa

Die Landes-CDU erklärt in ihrem Wahlprogramm die Gemeinschaftsschulen für „gescheitert“. Der Handwerkstag sieht das anders. Auch Eltern setzen sich nun mit einer Online-Petition zur Wehr.

Stuttgart - Auf die CDU sind viele Gemeinschaftsschulen nicht gut zu sprechen. „Der Kampf gegen die neue Schulart hat inzwischen Kreuzzugcharakter angenommen“, sagte Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen, am Mittwoch in Stuttgart. „Eltern, Schüler und Lehrer haben die Nase gestrichen voll.“ Sie wollten in Ruhe ihre gute und an den Gemeinschaftsschulstandorten ­geschätzte Arbeit machen.

2012 starteten 41 Gemeinschaftsschulen im Südwesten, mittlerweile sind es 271. Rund 35 000 Schüler besuchen die neue Schulart, die alle Schulabschlüsse ermöglichen soll, die ältesten sind jetzt in der achten Klasse. Deshalb sei es viel zu früh, ein Urteil über die „Ausbildungsfähigkeit von Gemeinschaftsschulabsolventen zu machen“, erklärte Stefan Baron, Abteilungsleiter Ausbildung beim Handwerkstag Baden-Württemberg. Die Gemeinschaftsschule „in ihrer aktuellen Grundform“ entspreche am ehesten der „leistungsstarken Schule“, die das Handwerk fordere.

Damit widerspricht der Handwerkstag der Landes-CDU, die in ihrem Wahlprogramm die Gemeinschaftsschulen für „gescheitert“ erklärt und im Falle eines Wahlsiegs keine neuen zulassen will. Die bestehenden könnten sich „weiterentwickeln und mit leistungsdifferenzierten Bildungsgängen“ arbeiten. Im Klartext heißt das, dass Schüler wieder nach Leistung getrennt und Noten und Sitzenbleiben wieder eingeführt werden. Eine gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen lehnt die CDU ab.

Individuelle Förderung gegen Schulversagen

Auf diese Weise werde die Gemeinschaftsschule nicht weiterentwickelt, sondern zerstört, warnte Gemeinschaftsschulleiter Wagner-Uhl. Dann entstehe „eine neue ­Resterampe“, an der schwächere Schüler unter sich blieben – wie an der Hauptschule. Deren Schülerzahl sei trotz vieler Rettungsversuche durch die frühere CDU-FDP-Regierung stetig gesunken. Die wissenschaftliche Begleitstudie zeige, dass die Gemeinschaftsschule nach nicht einmal vier Jahren „auf Augenhöhe mit den herkömmlichen weiterführenden Schulen“ sei.

Unterstützung erhält Wagner-Uhl vom Handwerkstag, der seit 2002 eine andere Art des Lernens fordert, weil viele Schulabgänger nicht die nötigen Voraussetzungen für eine Ausbildung mitbringen. Bei Vergleichsstudien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), etwa der Pisa-Studie, verfehlt fast ein Fünftel die Mindestanforderungen in Mathematik. Nötig sei gemeinsamer Unterricht mit individueller Förderung – wie ihn die Gemeinschaftsschulen anbieten, sagte Baron. Auch ein Teil der Realschulen komme dem Ideal einer leistungsstarken Schule entgegen. Er warnte davor, im Wahlkampf den Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung „zu instrumentalisieren und bewusst falsch zu interpretieren“. Es sei nicht zu erwarten, „dass man in nur vier Jahren eine tadellos funktionierende neue Schulart installiert“.

Eltern starten Online-Petition

Rückhalt gibt den Schulen auch Michael Schratz, Professor am Institut für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck. Die Gemeinschaftsschulen eröffneten allen Schülern die Möglichkeit, ihre Talente zu entwickeln – unabhängig von ihrem familiären Hintergrund. Die Binnendifferenzierung im Klassenzimmer führe dazu, dass Kinder weder über- noch unterfordert würden, sagte der Erziehungswissenschaftler, der jahrelang der Jury für den Deutschen Schulpreis angehörte.

Mittlerweile haben Eltern von Gemeinschaftsschülern eine Online-Petition gestartet, um sich gegen Anfeindungen und Verleumdungen von Gemeinschaftsschulgegnern zu wehren. „Die Politiker, die sich über ihre Kritik an der Gemeinschaftsschule profilieren wollen, schielen mit ihren Kampagnen, die die Würde unserer Kinder mit Füßen treten, auf den 13. März“, sagte Ulrike Felger, Initiatorin der Petition „Vielfalt macht Zukunft“ und Mutter von zwei Gemeinschaftsschülern. „Doch für unsere Kinder geht das (Schul-)Leben am 14. März weiter – sie müssen mit dem Misstrauen, das durch diese teilweise wirklich geschmacklosen Kampagnen gesät wird, leben.“ Über 1000 Kommentare zeigten, dass viele Eltern mit der Gemeinschaftsschule sehr zufrieden seien. „Doch für solche Politiker scheinen Familienfrieden und Kinderglück keinen sonderlichen Stellenwert zu haben.“

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Kommentar zur AfD Rechtlich zulässig, moralisch bedenklich

Von 25. Juli 2016 - 19:49 Uhr

Der Zusammenschluss aus 14 Abgeordneten, die die AfD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag verlassen haben, ist eine reguläre Fraktion. Das sei zwar rechtlich zulässig, moralisch aber bedenklich, meint unser Kommentator.