Bundesweites Modellprojekt in Fellbach In der Klasse musizieren ist zu wenig

Von Ingrid Sachsenmaier 

Musik macht lebenslang Freude. Foto: dpa
Musik macht lebenslang Freude.Foto: dpa

Ein bundesweites Modellprojekt der Musikschule Fellbach soll Erkenntnisse für die Ausbildung an Instrumenten bringen.

Fellbach - Vom bloßen Schnupperunterricht hält Matthias Kuch wenig: „Damit das Musizieren seine volle Wirkung entfalten kann, ist eine langfristige Beschäftigung mit dem Instrument nötig“, ist der Leiter der Fellbacher Musikschule überzeugt. Just um diese Nachhaltigkeit macht er sich Sorgen. Und um die Schülerzahlen, sie sanken im vergangenen Jahr um drei Prozent. Kuch glaubt, dass Kinder ein Musikinstrument nicht mehr „fürs Leben lernen.“ Was zunächst ein „Bauchgefühl“ war, hat er von anderen Musikschulen im Land mit Zahlen bestätigt bekommen. Es ist also kein Fellbach-spezifisches Phänomen, dennoch will Kuch es wissenschaftlich untersucht wissen. Er sammelt in einer bundesweit einmaligen Studie an der Musikschule Fellbach mit den Lehrkräften und dem Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm (ZNL) nun ein Jahr lang Informationen.

Die Erkenntnisse aus der Lernforschung sollen später für den Instrumentalunterricht zugänglich gemacht werden

Die Erkenntnisse aus der Lernforschung sollen später für den Instrumentalunterricht zugänglich gemacht werden und für eine bessere Unterrichtsqualität dienen. Die Studie soll helfen, Angebote an Musikschulen weiter zu entwickeln und zu optimieren. Für die Finanzierung des Projektes hat Kuch bei zwei Stiftungen angefragt. Sollte kein Geld fließen, will die Stadt Fellbach die Kosten übernehmen.

Die Lehrkräfte an der Musikschule Fellbach versuchen, an allgemeinbildenden Schulen mit „Klassenmusizierprojekten“ bei Kindern Interesse für ein Instrument zu wecken. „Die Statistiken zeigen, dass sich zunächst mehr Kinder für das Erlernen eines Instrumentes interessieren,“ sagt Kuch. Aber am Ende bleiben weniger dabei.

Kuch beobachtet, dass man „halt mal probiere“. Er räumt ein, dass es in Gruppen mit bis zu zwölf Kindern schwierig sei, „die Begabung eines Einzelnen herauszufiltern.“ Ein Kind müsse mindestens fünf Jahre ein Instrument lernen, sagt Kuch, um entscheiden und erkennen zu können, ob es das Potenzial zum Weitermachen habe. Er ist überzeugt: „Musik zu machen, zu singen oder ein Instrument zu spielen, ist eines der wertvollsten Hobbys. “

Der Deutsche Städtetag erwarte, dass von den Musikschulen durch qualifizierten und breit gefächerten Instrumental- oder Gesangsunterricht die Grundlage für ein lebenslanges Musizieren gelegt werde, sagt Kuch. Das werde aber immer schwieriger. „Die Veränderungen im allgemeinbildenden Schulsystem, Ganztagsschulen und gesamtgesellschaftliche Tendenzen führen zu deutlichen Veränderungen.“ An Fell-bachs Musikschule hält sich der Rückgang der Schülerzahl noch in Grenzen, allerdings traut Kuch der Statistik nur bedingt.

Die Musikschule Fellbach wird unterstützt durch den Landesverband der Musikschulen

Die Musikschule Fellbach, unterstützt durch den Landesverband der Musikschulen, hatte das ZNL bereits im vergangenen Jahr mit einer Kurzexpertise beauftragt. Die Lehrkräfte der Musikschule Fellbach und die Leiter von Musikschulen im Land wurden darin zu Unterrichtsqualität und Veränderungen befragt. Kuch erhielt anonym die Daten von 100 000 Schüler aus den von 15 verschiedenen Musikschulen aus zehn Jahren. Er fühlte sich vom Ergebnis bestätigt. Die größten Aussichten auf einen nachhaltigen Erfolg der Instrumentalausbildung haben Schüler, die von Anfang an ihr Instrument im Einzel- oder Kleingruppenunterricht direkt an der Musikschule lernen. „Instrumentale Klassenmusizierprojekte in allgemeinbildenden Schulen können hierfür kein Ersatz sein. Von den Schülern, die nach dem Klassenmusizieren an die Musikschule wechseln, erreichen zweieinhalb Mal weniger die Verweildauer, die eine lebenslange Beschäftigung mit dem Instrument erhoffen lässt als Kinder, die von Anfang an Einzel- oder Kleingruppenunterricht direkt in der Musikschule erhalten. 54 Prozent stehen 20 Prozent gegenüber.“

Lesen Sie jetzt