Bundestagskandidat Richard Pitterle, Die Linke Ein Enttäuschter wirbt mit Rosen

Von Marc Schieferecke 

Richard Pitterle ist nicht mit allem einverstanden, was seine Partei fordert. Foto: factum/Weise
Richard Pitterle ist nicht mit allem einverstanden, was seine Partei fordert. Foto: factum/Weise

Die Linken zwingen Richard Pitterle, nach acht Jahren in Berlin sein Büro im Bundestag zu räumen. Trotzdem engagiert er sich als Wahlkämpfer für seine Partei.

Böblingen - An diesem Samstag ist der Wahlkampf blumig. Üblicherweise würde Richard Pitterle um diese Zeit drüben an den Ständen auf dem Marktplatz das Obst- und Gemüseangebot durchstöbern. Das liebt er und tut es an jedem Samstag, den er in seiner Heimatstadt Sindelfingen (Kreis Böblingen) verbringt. Heute steht er ein Stück oberhalb und verschenkt an die Damen Rosen. „Ich bin Direktkandidat der Linken, man kann mich wählen am 24. September“, sagt er und reicht der Rose ein postkartengroßes Informationsblatt nach. „Friedlich. Sozial. Gerecht. Für alle!“ steht unter seinem Foto. Eine Frau lehnt tatsächlich ab. Nein, von der Linken will sie keine Blume.

Sein Partei hat ihn enttäuscht. Dennoch wirbt Pitterle für sie, weil „man politische Alternativen zur Merkel-Regierung auch dann vertreten muss, wenn man keine Garantie auf ein Mandat hat“, wie er sagt. Er wird im Herbst sein Büro im Bundestag räumen müssen. Wegen parteiinterner Machtgeplänkels hat ihm seine Linke einen aussichtsreichen Platz auf der Landesliste verwehrt. Pitterle will über die Gründe nicht sprechen. „Natürlich hätte ich gern meine Arbeit fortgesetzt, die ich als erfolgreich einschätze“, sagt er. Zusätzlich schmerzt ihn, dass ein anderer aus dem Wahlkreis seinen Sitz in Berlin so gut wie sicher hat: Markus Frohnmaier, der Kandidat der AfD. „Ich finde es verheerend, dass ein Rechtspopulist in Zukunft den Landkreis vertritt“, sagt Pitterle, „aber die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler muss ich akzeptieren.“

Leiharbeit hält Pitterle für verwerflich

Pitterle einen alten Linken zu nennen, ist nicht ehrenrührig – unabhängig von seinen 58 Jahren. Als ­15-Jähriger begann er seinen Kampf gegen Faschismus und für Frieden. 1990 trat er der PDS bei, im Gründungsjahr, und wurde Schatzmeister des Landesverbands Baden-Württemberg. Sechs Jahre später gehörte er zu den Gründern der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Land. 2009 begann für ihn die Zeit im Bundestag. Was ihm bleibt, ist sein Sitz im Gemeinderat und die Erinnerung an das, was er in Berlin geleistet hat.

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Nein, sagt Pitterle, er sei nicht mit allem einverstanden, was seine Partei fordere, und zitiert den gerade gestorbenen CDU-Kämpen Heiner Geißler: „Wenn Sie sich mit 50 Prozent eines Parteiprogramms identifizieren, können Sie Mitglied bleiben.“ Bei ihm seien es nicht 50 Prozent, sondern der größte Teil. Die Leiharbeit und andere zweitklassige Beschäftigungsverhältnisse hält er für verwerflich, will Ausnahmen von der Erbschaftssteuer abschaffen und verhindern, dass sich eine Zwei-Klassen-Medizin etabliert – alles selbstverständlich für einen Linken.

„Wir brauchen mehr Polizei“

Was ihn stört an seinen Gesinnungsgenossen, ist die Neigung, Wohlhabende allein deswegen für den Klassenfeind zu halten, weil sie nicht arm sind. Es ist außerdem ein Hang zu einfachen Lösungen. Dazu fällt ihm als erstes der Streit über Diesel-Fahrverbote ein, da ist er ganz Abgeordneter des Landkreises Böblingen und sogar mit der FDP einig, wenn auch nicht in der Lösung. „Man müsste unterscheiden“, sagt er. Wenn eine alleinerziehende Mutter zum Kindergarten in Stuttgart fährt, möge es ihr erlaubt sein. Wer ins Kino will, soll hingegen sein Auto am Stadtrand abstellen.

Wer kontrollieren würde, ob jemand aus Verpflichtung oder Vergnügen fährt, sagt Pitterle nicht, aber es ergibt sich aus einer anderen Forderung. „Wir brauchen mehr Polizei“. Technik verhelfe nicht zu mehr Sicherheit, weder neue Säulen zur Geschwindigkeitskontrolle, noch Kameras in U-Bahn-Stationen. „Wenn ich bedroht werde, kommt keine Kamera von der Wand und beschützt mich“. Von der Wahl erhofft er sich „linke Mehrheiten“. Wobei er die realosierten Grünen trotz ihrer Flirts mit der CDU zu den Linken zählt. „Das Konzept heißt Mitte-links-Regierung“, sagt er. Die wäre, hätte die SPD gewollt, 2013 möglich gewesen. Rot-rot-grün hätte im aktuellen Bundestag eine knappe Mehrheit.

Seine Mandanten sind verloren

Pitterle teilt jetzt erst mal eine Sorge der klassischen Klientel der Linken: Er muss gucken, wie Geld ins Haus kommt. Er ist Rechtsanwalt, spezialisiert auf Arbeitnehmerrechte. Er wird in seine alte Kanzlei zurückkehren, aber „anders als die Hinterbänkler der CDU hatte ich keine Zeit, nebenher zu arbeiten“, sagt er. Seine Mandanten sind verloren. Er muss sich einen neuen Stamm erarbeiten, nicht ohne im Hinterkopf zu haben, ihn in nicht allzu ferner Zeit wieder abzugeben: „Ich kann mir gut vorstellen, dass ich in vier Jahren nochmal mein Glück versuche.“

4 Fragen, 4 Tweets

1) Wann kaufen Sie Ihr erstes Elektroauto?

Noch in diesem Jahr schaffe ich mir einen E-Smart an.

2) Was tun gegen die explodierenden Miet- und Immobilienpreise?

Gemeinnützigen Wohnungsbau ankurbeln und Quoten bei Bebauungsplan.

3) Wie viel Geld geben Sie für Ihren Wahlkampf aus?

Ich spende an meine Partei 3000 Euro für den Wahlkampf.

4) Was halten Sie von der Homo-Ehe?

Ich habe im Bundestag für die Ehe für alle gestimmt, weil das Entscheidende nicht das Geschlecht ist, sondern ob zwei Menschen für einander einstehen wollen.

Die Bundestagskandidaten wurden aufgefordert, die Fragen im Stil der Internet-Kurznachrichten-Plattform Twitter zu beantworten. Dort sind für eine Nachricht maximal 140 Zeichen erlaubt.

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