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Bundesliga-Kolumne Harte, dreckige Männer

Joe Bauer, vom 20.02.2012 09:48 Uhr
Die Abgänge von Michael Skibbe und Christian Wulff sind Kindergartenspiele im Vergleich zu einer englischen Tragödie. Foto:  
Die Abgänge von Michael Skibbe und Christian Wulff sind Kindergartenspiele im Vergleich zu einer englischen Tragödie. Foto:  

Stuttgart - Die Bundesliga ist ein prima Laden für große Unterhaltung, ungleich origineller als das gesamte deutsche Fernsehen. Zuletzt hat Rehhagels Ankunft bei der Berliner Hertha Wulffs Abgang aus Schloss Bellevue in den Schatten gestellt. Schnell war klar, warum König Otto international berühmter und berüchtigter ist als der Bundespräsident. Schon Jahre vor Merkel hat er die armen Griechen mit seiner „demokratischen Diktatur“ (Rehhagel) unterdrückt, nämlich 2004, als er ihr Nationalteam mit einer längst vergessen geglaubten Riegel- und Betontaktik zum Europatitel führte.

Rehhagel inszenierte als griechischer Nationaltrainer im EM-Finale gegen das gastgebende Portugal eine neue Version des Kalten Kriegs. Ich weiß noch, wie ich am 4. Juli 2004 vor der Leinwand einer Kneipe Tränen verdrückte, als klar war, dass meinem großen Spieler Figo nicht mehr zu helfen war. Selbst in Momenten der Freude erinnerte mich sein Gesicht daran, dass die Portugiesen mit der Schmerzpoesie ihrer Fado-Musik, der Saudade, den schlimmsten Blues der Welt erfunden haben. Portugals Tänzer-Team unterlag im Finale den Rumpel-Griechen 0:1, und Rehhagel lehrte uns, was Fortschritt heißt: „Modern spielt, wer gewinnt.“ In Figos Namen hätte man ihm damals gern den Blues der Gerechten gesungen: Bringt mir den Kopf von Rehhagel.

Andrerseits hat der Trainer von der Ruhr viele lustige Sachen gemacht, die ihm zur Ehre gereichen. In den Neunzigern, als er aufgrund eines ethnischen Missverständnisses die Bayern trainierte, stand auf dem Klingelschild seiner Schwabinger Wohnung der Name „Rubens“. So geschah es, dass ein Reporter, vom Trainer zur Einhaltung von „Fachfragen“ ermahnt, wissen wollte: „Herr Rehhagel, mit welcher Farbe soll ich mein Schlafzimmer streichen?“ Rehhagel ist gelernter Anstreicher und genießt mit seinem Hang zur Kurze-Hosen-Philosophie die Freundschaft von Künstlern wie Jürgen Flimm, dem Intendanten der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Als 73 Jahre junge Fußball-Legende passt Rehhagel wie bestellt in die Party-Hauptstadt, zumal ihm in Berlin niemals größere Pannen unterlaufen können als Wowereits Senat, Merkels Bundesregierung oder Herthas Trikotsponsor Deutsche Bahn. Abstieg, das gilt auch für den Fußball, ist nur ein anderes Wort für Berlin.

Dass der alte Trainer kommt, wenn der junge Bundespräsident geht, ist auch gut für Zahlenspiele. Immerhin hat es Wulff mit 598 Amtstagen mehr als zehnmal länger in Berlin ausgehalten als Rehhagels Vorgänger Skibbe. Der hatte schon nach 52 Tagen seine Koffer packen müssen, wird es aber wie Wulff nur zu einer Fußnote im Geschichtsbuch der Abgänge schaffen.

Die größte Rausschmiss-Tragödie aller Zeiten erlebte der britische Trainer Brian Clough. 1974, nachdem er mit Derby County sensationell englischer Meister geworden war, wechselt er zum damaligen Erfolgsclub Leeds United. 44 Tage später wurde er gefeuert. Diese Geschichte des Scheiterns sucht ihresgleichen. Der sprachgewaltige, mit schwarzem Humor gesegnete Schriftsteller David Peace hat sie in seinem Roman „Damned United“ auf teils fiktiver, teils wahrer Basis verarbeitet. Das Buch, 2011 auch auf Deutsch erschienen (Heyne-Verlag, 511 Seiten, 11,30 Euro), wurde 2009 mit Michael Sheene in der Hauptrolle verfilmt. Es ist, nach den Amtstagen des zum Größenwahn und Alkohol neigenden Brian Clough, in 44 Kapitel eingeteilt. Am „Tag drei“ sinniert der Trainer über eine Mannschaftssitzung der „großen, harten und dreckigen Männer“: „Sie formen einen Kreis, ihre Köpfe auf Höhe ihrer Knie in ihren Polstersesseln. Sie spreizen ihre Beine, kratzen sich an den Eiern und versuchen, nicht in meine Richtung zu gucken . . .“

Mal schauen, ob Otto noch Eier hat.

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