Bundesliga-Kolumne Der Schrott aus Stuttgart in Karlsruhe

Von Joe Bauer 

Huub Stevens versucht sich nun wieder als Retter in der Bundesliga. Dieses Mal nicht in Stuttgart, sondern in Hoffenheim. Foto:  
Huub Stevens versucht sich nun wieder als Retter in der Bundesliga. Dieses Mal nicht in Stuttgart, sondern in Hoffenheim. Foto:  

Ein Tipp für Fußballl­­ieb­haber: In „Heimspiele“ gibt es 90 ­Geschichten über den ­globalen Ball in Baden und Württemberg.

Stuttgart - Novemberherbst, die Tage der mentalen Abgründe: Die Bayern schlittern beim ­Nullnull in Frankfurt in eine schwere Krise, die Stuttgarter Kickers eröffnen beim ­Nulleins in Erfurt ihren Kampf gegen den Abstieg, und Neuseeland macht wieder den Rest der Welt im Rugby platt. Das alles riecht nach Halloween, dem offiziellen Start unserer Weihnachtssaison.

Da es in dieser Zeit psychischer Zerrüttungen unmöglich ist, die Lage der Liga bei klarem Verstand zu beurteilen, widme ich diese Zeilen heute einem Aufwärm-Tipp für die zügig nahenden Christfesttage. Gepfiffen auf die Tatsache, dass die Disziplin ­„Lesen“ nur noch dann zu den Pflichten vieler Sportskameraden zählt, wenn man ihnen die hinreißende Lektüre betörender Statistiken serviert: Beim Spiel Köln gegen Hoffenheim klärte uns der Sky-Kommentator auf, dass der Trainer Huub Stevens gerade zum 1000. Mal in ­seiner Bundesliga-Karriere einen Fußballspieler ausgewechselt habe. Dieser historische Eingriff in die Personalpolitik seines neuen Dorfclubs bescherte Stevens ein sensationelles Nullnull.

Bernd Sautter ist nahe der badisch-württembergischen Grenze geboren.

Damit sind wir bei den symbolischen Zahlenspielen eines neuen Buchs für Fußballliebhaber: Es heißt „Heimspiele“ (Silberburg-Verlag, 278 Seiten, 29,90 Euro) und beleuchtet in exakt 90 Geschichten die ­Kicker-Szene des Südwestens. Weil der Autor Bernd Sautter 1966 „nahe der ­badisch-württembergischen Grenze“ in Vaihingen/Enz geboren wurde, hat er seinen Blick aufs Feld unseres Bundeslands ­gerichtet. Die Heimspiele vermitteln also eine gehörige Portion Heimatkunde.

Sautter erzählt nicht aus der Perspektive eines Clubfans. Dass er im hohen Alter von elf Jahren von seinem Vater ins Neckar­stadion (im Buch: „Meckerstadion“) verschleppt wurde, infizierte ihn zwar unheilbar mit der Farbe Rot, zumal der gerade wieder aufgestiegene VfB am ersten Spieltag den Bayern ein 3:3 abtrotzte. Im Lauf der Zeit aber gelang es ihm, die Krankheit so weit einzudämmen, dass er hin und ­wieder auch auf dem Fußballplatz der Stuttgarter Kickers gesichtet wird.

Sautter: „In Baden-Württemberg ist bis ­heute leider vieles unerforscht.“

Mit entsprechendem Weitblick hat der hauptberufliche Werbemann zwei Jahre lang an seinem Buch gearbeitet. „Im Ruhrgebiet gibt es eine ganze Reihe von Autoren, die sich ständig mit Fußball beschäftigen“, sagt er. „In Baden-Württemberg ist bis ­heute leider vieles unerforscht.“

Seine „Heimspiele“ sind nicht nur eine Sammlung großer Ereignisse. Sie spiegeln den Lauf der Zeit, beleuchten gesellschaftliche Entwicklungen und bestätigen damit eine alte These: Fußball ist nicht unser ­Leben, Fußball ist für viele von uns ein Teil des Lebens wie gute Songs, bewegende ­Filme oder miese Geschäfte.

Sautters Texte widmen sich liebenswerten Freaks und geheimen Kneipen.

Die Idee des Autors, fußballerische Kämpfe und Kuriositäten in Baden und Württemberg in einem Buch, also auf demselben Platz, vorzuführen, ist so reizvoll wie ein Stadionbesuch im falschen Fanblock. Im Kapitel „Geliebte Schönheitsfehler“ über das Karlsruher Wildparkstadion geht es darum, wie sich die Badener politisch ­„abgehängt“ fühlen und sich viele Fans „mit Grausen“ an die achtziger Jahre erinnern. Damals installierte man im Wildpark eine Anzeigetafel, die zuvor in Stuttgart aus­rangiert worden war: „Ausgerechnet Stuttgart! … Der Schrott aus Stuttgart wird nach Karlsruhe verpflanzt.“

Sautters schön bebilderte Texte widmen sich beileibe nicht nur den populären Clubs. Sie erzählen von liebenswerten Freaks und geheimen Kneipen, von reaktionären Funktionären und (fast) vergessenem Rebellengeist: Wie Frauen in Affalterbach die DFB-Machos tunnelten, wie man 1978 bei einem Freundschaftsspiel in Tübingen gegen die Folter und den Terror des von der Bundes­regierung hofierten WM-Ausrichters ­Argentinien protestierte, wie man in Mannheim den Rassismus bekämpfte.

Auch um einen Hoffenheim-Fanclub geht es im Buch.

Wer wissen will, warum Fußball wie kaum ein anderes Medium Menschen dieser Welt verbindet, der lese am Ende des Buchs die Geschichte eines Hoffenheimer Fanclubs – man findet ihn in Essen, Ruhrgebiet.

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