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Bürgerwehr in Stuttgart „Wir wollen nicht Sheriff spielen“

Von Jürgen Bock 

Überall im Land gründen sich Bürgerwehren. Sie wollen Frauen beschützen, haben oft aber Rocker, Kleinkriminelle oder Rechtsradikale in ihren Reihen. Davon distanziert sich eine neue Stuttgarter Gruppe deutlich – und sagt, sie wolle die Polizei unterstützen.

Stuttgart - Der Begriff Bürgerwehr kommt überhaupt nicht gut an bei einer Gruppe, die sich selbst „Stuttgart passt auf“ nennt. „Schließlich wollen wir nicht Sheriff spielen“, sagt ein Sprecher, der in der Öffentlichkeit anonym bleiben will. Im sozialen Netzwerk Facebook zählt die entsprechende ­Seite bereits um die 900 Mitglieder. Dort wird darüber diskutiert, wie die Stuttgarter Innenstadt nachts für Frauen sicherer ­werden kann. Die Gruppe plant dafür unter anderem Patrouillen von Freiwilligen.

„Entstanden ist die Idee aus einem privaten Kreis von Leuten, die sich kennen“, sagt der Sprecher. Es handle sich um besorgte Bürger, die nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und Stuttgart etwas unternehmen wollten. „Wir sind ­schockiert über die Vorfälle und haben von Betroffenen gehört, wie sehr sie das mitgenommen hat“, erzählt der Mann.

Polizei sieht die Pläne skeptisch

Zweierlei, betont er, sei ihnen wichtig: „Wir sind keine Bühne für Rechtsextreme. Wir sind unpolitisch und interessieren uns nicht für Nationalität oder Religion.“ Wer solche Tendenzen erkennen lasse, werde sofort aus der Gruppe geworfen. Man wolle in diesem Punkt aus den Bürgerstreifen in Düsseldorf lernen, wo sich auch Neonazis und Kleinkriminelle beteiligt hatten. Zum anderen wolle man nicht die Polizei ersetzen, sondern sie unterstützen: „Wir wollen gewaltlos vorgehen. Wenn uns etwas auffällt, kommt es darauf an, die Polizei zu ­rufen, Opfer zu schützen und Straftaten zu dokumentieren.“

Die Polizei begrüßt es, dass die Gruppe von sich aus Kontakt aufgenommen hat – sieht die Pläne aber äußerst skeptisch. „Wir sind angeschrieben worden mit der Frage, was wir davon halten. Wir haben die Leute eindringlich gebeten, von ihrem Vorhaben Abstand zu nehmen“, sagt Sprecher Stefan Keilbach. Es gebe in Stuttgart keine Sicherheitslage, die private Streifen rechtfertigen könnte: „Die Polizei hat das Gewaltmonopol und gewährt die Sicherheit in der Landeshauptstadt. Die Bürger helfen am besten, wenn sie aufmerksam sind, im Zweifel die 110 wählen und im Alltag aufeinander achten.“ Verhindern könne man private Rundgänge allerdings nicht.

OB Fritz Kuhn stärkt Beamten den Rücken

Oberbürgermeister Fritz Kuhn hatte sich erst zu Beginn dieser Woche von Polizeipräsident Franz Lutz über die Vorfälle in der Silvesternacht informieren lassen. Danach sprach er der Polizei sein Vertrauen aus: „Sie erfüllt ihre Aufgaben zur Sicherung des Gemeinwohls trotz steigender Anforderungen angemessen und effizient.“ Es sei jetzt wichtig, der Polizei den Rücken zu stärken.

Genau das, bekräftigt die neue Gruppe, wolle sie tun. „Wir werden das nicht überstürzen“, sagt der Sprecher, „und einen Weg finden, dass rechtlich alles einwandfrei ist.“ Man wolle nicht provozieren, sondern präventiv unterwegs sein: „Wir sind keine Rambos.“ Auf Anraten der Polizei habe man sich entschlossen, die auf der Facebook-Seite noch angekündigte Patrouille für jedermann am Samstag nicht zu machen. Stattdessen wolle sich der Kern der Gruppe, der sich kennt und aus etwa 15 Leuten besteht, zu einem nächtlichen Spaziergang durch die Stadt treffen, „um zu sehen, wie die Lage überhaupt ist“.

Tränengas ist der Verkaufsschlager

Offenbar bringen manche der Gruppe ­bereits ein gewisses Vertrauen entgegen. „Wir bekommen schon Hinweise auf Brennpunkte. Und diverse Frauen haben sich ­gemeldet, denen selbst schon einmal etwas passiert ist“, so der Sprecher.

Bei Rundgängen will man es aber künftig nicht belassen: „Wir planen die Entwicklung einer App fürs Mobiltelefon. Wer sich anmeldet, soll damit einen Hilferuf an die Polizei und die anderen in der Gruppe aussenden können.“ Oder einen Begleiter rufen, etwa für den Weg von der Disco zum Auto. Erste Maßnahme ist die Organisation eines Selbstverteidigungskurses. Die Nachfrage dürfte groß sein – so wie bei vielen Kampfsportvereinen in der Stadt. Die können sich seit dem Jahreswechsel vor Anfragen kaum noch retten – genauso wie Waffengeschäfte. Das legale Abwehrmittel CS-Gas etwa ist zurzeit kaum noch zu bekommen. Die Kunden, so die Händler, sind vorwiegend Frauen, die sich nicht mehr sicher fühlen.

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