Jungs brauchen also eine bessere Förderung. Brauchen sie auch bessere Bücher, also solche, die ihren Interessen mehr entgegenkommen? Ein Großteil der Neuerscheinungen im Kinder- und Jugendbuchsektor, so ein oft bemühtes Argument, spreche sie nicht an. Schlimmer noch: Weil vornehmlich Frauen Kinderbücher schrieben, kämen die Männer darin schlecht weg. "Sie sind meist traurige Wesen, arbeitslos, untreu, unzuverlässig, nicht selten gewalttätig oder alkoholsüchtig", sagt Hans-Heino Ewers, Leiter des Instituts für Jugendbuchforschung an der Uni Frankfurt.
Liegt es also am mangelnden Stoff für Starke-Kerle-Fantasien, dass Jungs am Lesen so wenig finden? Bei mehr als 6000 Neuerscheinungen im Jahr, sagt Klaus Willberg, Leiter des Stuttgarter Thienemann-Verlags, müsste eigentlich für jeden etwas dabei sein. Freilich: Mädchen werden leichter fündig; der dankbaren Zielgruppe hat man bei Thienemann nun sogar einen eigenen Planeten erfunden; seit Januar sind Angebote wie die Reihe "Freche Bücher für freche Mädchen" unter dem Verlag Planet Girl zusammengefasst. Auch Jungs hat man beim Thienemann-Verlag schon eigene Reservate eingerichtet, ohne Erfolg. "Für Mädchen verboten" hieß eine Serie, die prompt das falsche Geschlecht anlockte.
Jungen als Zielgruppe, das verspricht offenkundig nicht das große Geschäft. "Jungs gehen unter", schränkt denn auch Willberg sehr realistisch ein - und berichtet aus eigener Erfahrung: Im Thienemann-Verlag arbeiten 36 Menschen, nur drei davon sind Männer. "Jungs kommen zu kurz, weil die Kette derer, die sich mit Büchern beschäftigen, stark weiblich geprägt ist. Lektorinnen haben verständlicherweise eine weibliche Perspektive, genauso wie Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen. Mein Rat lautet deshalb: Männer, lest den Kindern vor."
Warum, fragen sich Frauen, die keine Lust mehr auf die männliche Raushaltetaktik und Jammerstrategie haben, schreiben nicht mehr Männer Kinderbücher? Bis es so weit ist, sollten Eltern, so ein Rat der Hirnforscher, darauf achten, ihre Söhne nicht zu oft vor Daddel- und Flimmerkisten abzustellen. Weil es im Gehirn nämlich keine spezielle Region für die Lesefähigkeit gibt, werden verschiedene Bereiche dafür herangezogen. Das weibliche Gehirn hat ein komplexeres Nervennetz, folglich tun sich Mädchen mit dem Lesen leichter. Leider fällt die Phase, in der sich die Lesekompetenz ausbildet, in die gleiche Zeit, in der sich Jungs vor allem für Computerspiele interessieren. Mit circa 15 Jahren geht das Fenster zur Lesekompetenz zu: Liest ein Kind nicht während dieser Zeit oder nur wenig, geht Gehirnpotenzial, das die Lesefähigkeit ermöglicht, teilweise wieder verloren.
Das heißt: Jungs haben ein biologisches Defizit, das man durch besonders spannende Lektüre ausgleichen muss. Wie die aussehen kann, hat die Kinderbuchautorin Charlotte Habersack im Gespräch mit Bruno Köhler für MannDat so formuliert. "Wichtig ist auf jeden Fall eine männliche Hauptfigur. Auch wenn Mädchen zwar Bücher mit männlichen Hauptfiguren lesen, Jungs legen ein Buch mit einer weiblichen Protagonistin eher zur Seite. Außerdem sollte die männliche Hauptfigur stark sein - wobei es ganz egal ist, ob sie eine physische, psychische oder moralische Stärke besitzt. Sie sollte also einen gewissen Vorbildcharakter haben und Abenteuer bestehen müssen, die tendenziell eher in der Außenwelt liegen. Zu guter Letzt sollte die Hauptfigur das Abenteuer aus eigener Kraft meistern. Wenn das alles stimmt, ist es egal, ob es eine Fantasy-Geschichte oder eine realistische Geschichte ist. Das ist dann nur noch Geschmackssache."
Der Kunstverein Stuttgart bietet unter dem Titel „Oh, My Complex“ Annäherungen an urbane Strukturen.
An diesem Samstag ist Finale für die Michel-Majerus-Skaterrampe auf dem Schlossplatz.