Bosch-Forschungszentrum In Renningen entstehen die Technologien für übermorgen

Klaus Köster, 27.09.2012 13:00 Uhr
Bosch legt in Renningen den Grundstein für sein neues Forschungszentrum, in dem 1200 kreative Köpfe an den Technologien der Zukunft arbeiten.

Stuttgart - 100 Erfindungen hat er in den elf Jahren bei Bosch bereits gemacht. „Schon als Jugendlicher habe ich Dinge auseinandergenommen, die nicht funktioniert haben. Es hat mich interessiert, warum sie nicht funktionieren.“ Aus diesem Interesse ist dann sein Beruf entstanden – und noch immer grübelt er nach, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie es sollte. „Es ist schon sehr befriedigend, wenn in der Praxis etwas läuft, was man sich am Schreibtisch in der Theorie überlegt hat.“

Der Zentralbereich Forschung und ­Vorausentwicklung, zu dem auch das neue Forschungszentrum in Renningen gehören wird, ist so wichtig, dass der neue Konzern-Chef Volkmar Denner ihn auch in Zukunft selbst führt. Die Forscher dieses Bereichs sind gewissermaßen die Vordenker des Konzerns mit seinen 300.000 Mitarbeitern. Was die Vorausentwicklung sich ausdenkt, geht – wenn alles gut läuft – in die Geschäftsbereiche, die diese Ergebnisse dann in ihre Produkte einfließen lassen. Die Ideen der Vorausentwicklung, deren Zentrum künftig in Renningen sein wird, eilen der Markteinführung von Produkten zuweilen um zehn Jahre voraus. Nur 1300 der 41.000 Bosch-Forscher gehören dieser Truppe an, von deren technologischer Basisarbeit die künftige Wett­bewerbsfähigkeit des Konzerns abhängt.

Physik lässt sich lernen, Ideen zu haben dagegen nicht. Wie schafft es Schelling, dass ihm immer wieder Neues einfällt? Ganz wichtig sei es, sich nicht nur für Technik zu interessieren. Der 39-jährige Spitzenforscher liest gern Krimis und interessiert sich für Fremdsprachen. „Train your Brain“ – trainier dein Gehirn, lautet seine Devise. Und noch etwas ist dem Vater zweier Kinder (vier Monate und zweieinhalb Jahre) wichtig: wenig fernzusehen. „Wenn man viel fernsieht, muss man sich nichts mehr vorstellen – das macht einen geistig träge.“ Das Lesen dagegen zwinge dazu, sich im Kopf selbst ein Bild von den Dingen zu machen.

Bosch sucht für seine Technologien immer neue Einsatzmöglichkeiten

Schellings Thema sind Sensoren, die zum Beispiel den Luftdruck messen können. Viele dieser Sensoren sind nur wenige Millimeter groß und werden zum Beispiel in Autos eingesetzt, damit das Benzin-Luft-Gemisch, das der Motor zur Verbrennung zugeführt bekommt, auf den Anden mit seiner dünnen Luft genauso gut ist wie in Bangladesch, das teilweise unter dem Meeresspiegel liegt. Gleichzeitig sucht Bosch für seine Technologien immer neue Einsatzmöglichkeiten. Auch für Schellings Drucksensoren sind schon wieder neue Anwendungsmöglichkeiten erkennbar – etwa in einem Handy, das dank Luftdruckmessung erkennen kann, in welchem Stockwerk eines Gebäudes man sich gerade befindet, oder in einem Navigationsgerät. In einigen Megastädten fahren die Autos über Brücken in mehreren Ebenen übereinander; ein Navi mit Luftdruck-Sensor kann möglicherweise erkennen, auf welcher dieser Ebenen sich das Auto gerade ­befindet.

Ebenso ist denkbar, künftig winzige, kaum noch sichtbare Sensoren in Räumen zu verteilen, die registrieren, ob gerade jemand anwesend ist. Ist niemand mehr da, könnte zum Beispiel automatisch die Klimaanlage ausgeschaltet werden. Durch den massenhaften Einsatz lässt sich damit nicht nur der Energieverbrauch senken, sondern in vielen Ländern auch die Stromversorgung stabilisieren.

Große Chancen sieht Bosch auch im „Internet der Dinge“, das Denner wie bereits sein Vorgänger Franz Fehrenbach für einen besonders wichtigen Trend hält. Kommunizierten die Menschen früher über das Internet vor allem von Schreibtisch zu Schreibtisch, gewinnt heute dank Smartphones das mobile Internet rasant an Verbreitung. Künftig, so die Vorstellung, werden auch Gegenstände im großen Stil miteinander kommunizieren – etwa Autos, die sich gegenseitig freie Parkplätze, Staus oder Stellen mit Glatteis melden und im Notfall automatisch bei einer Leitstelle Hilfe anfordern. 50 Milliarden Gegenstände werden bis zum Jahr 2020 über das Netz kommunizieren, schätzt der Bosch-Konzern, der diesen Trend durch eigene Erfindungen voranbringen und mitgestalten will .

Forschung soll noch einmal einen ganz neuen Schub bekommen

Nach wie vor hohe Priorität hat für Bosch auch die Weiterentwicklung umweltfreundlicher Autoantriebe – von der Optimierung des Verbrennungsmotors bis zur Entwicklung einer Batterie und der dazugehörigen Steuerungselektronik, mit der das Elektroauto weiter fahren kann als derzeit möglich.

Durch den Umzug nach Renningen soll die Forschung noch einmal einen ganz neuen Schub bekommen. In Waiblingen sitzen derzeit die Kunststoffexperten der Vorausentwicklung, in Gerlingen die Materialexperten und in Schwieberdingen die Systemexperten. Wenn all diese Experten am gleichen Standort arbeiten, „bekommt man viel besser mit, womit sich die anderen gerade beschäftigen“, sagt Schelling. Bosch will diesen Austausch durch gemischte Teams aus Menschen unterschiedlicher Fachrichtung und unterschiedlichen Alters fördern. Dazu soll auch die Bauweise beitragen, die an einen Campus erinnert: Alle Einrichtungen liegen in nächster Nähe zueinander, und eine parkähnliche Anlage soll dazu einladen, sich Anregungen jenseits des eigenen Schreibtischs zu suchen. Flächendeckend wird WLAN verfügbar sein, so dass sich die Forscher von überall aus mit ihrem Laptop in den Firmenrechner einwählen können.

Natürlich arbeiten die Bosch-Forscher auch bei der Kommunikation mit den modernsten Techniken über Kontinente hinweg – immerhin wird bei Bosch an 86 Standorten in aller Welt geforscht und entwickelt. Doch wenn es um den persönlichen Austausch geht, stoßen selbst diese Techniken an ihre Grenzen. „Am Mittagstisch kann man ganz anders über fachliche Themen miteinander sprechen als am Telefon“, sagt Schelling. Sein oberster Chef sieht das genauso: „Die nächste technologische Revolution ist vielleicht das Ergebnis einer intensiven Diskussion beim Mittagessen. Ein neues Batteriesystem wird erstmals auf einer Serviette skizziert“, sagte Bosch-Chef Denner vor kurzem. „Das kreative Potenzial von Bosch braucht räumliche Nähe und damit ­Möglichkeiten zum spontanen Austausch.“

 
 
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